A l s o – d i e S u c h e n a c h d e r S e e l e

Wenn ich das richtig verstanden habe, ist Substanz in Form gebrachte Energie. Die erste Form ist der Kreis, in dem Energie um einen Kern, der selbst nur Energie ist, kreist – das Atom. Der eigentliche Urknall war es, als dieses Kreisen begann. Auch, wenn im Subatomaren Bereich formal Willkür herrscht – also keine ablesbare Form sich bildet, so ist nicht ausgeschlossen, dass auch hier schon Kreise – Formen – entstehen und nicht erst, wenn ganze Atome beginnen Moleküle und die Moleküle beginnen, Muster zu bilden. Nach der Vorstellung von der immerwährenden Verwandlung kann nicht der Knall das entscheidende sein – sondrn FORM oder nicht, und das IMMER – und nicht einmal, denn EINMAL gibt es nicht!
Mir fehlt die Information, wie es zu der Außenwirkung der Atome kommt. Jedenfalls haben sie ein -spezifisches – Gewicht: Wirkende Schwerkraft. Schon die klassische Physik unterscheidet um die hundert Atome nach ihrer Schwerkraft, ihrer latenten Energie. Bilden sie damit die Moleküle? Oder gehen noch andere, aktivere? Energien vom Atom aus, verlassen die kreisförmige Bewegung, verhalten sich linear? Jedenfalls bilden Atome mit ausgewählten Atomen, die andere spezifische Gewichte haben, Moleküle. Beginnen die Atome erst, wenn sie zu Molekülen zusammengeschlossen sind, für uns greifbar zu werden? Als Wasser oder als Diamant? Wenn es in dieser SUBSTANZIELLEN Welt Seele gibt, haben auch Wasser und Diamant Seele!?! Nein, das muss nicht sein! Schon die Atome haben außer ihrer ENERGIE noch etwas: ihre FORM, ihre GESTALT. Seele kann Bestandteil der Form sein – nicht eine Eigenschaft der Energie/Substanz. Solange wir es nicht besser wissen, solange wir keinen Grund haben, es anders zu entscheiden: SEELE ist FORM! Und Form hat Seelenkraft wie Substanz Schwerkraft. Wenn ich es richtig verstanden habe, ist eines – die Schwerkraft – noch so rätselhaft, wie das andere, die Seelenkraft. Auch wenn die Frage offen bleibt, was IST Schwerkraft, was IST Seelenkraft, kann man fragen: Was WIRKT Schwerkraft, was WIRKT Seelenkraft? Also: Wie wirkt Form unabhängig von Energie/Substanz, den materiellen Qualitäten der Welt? Atom wurde, als Energie um Energie zu kreisen begann – begann, sich in der Form des Kreises zu bewegen! Kommt also der Form – hier der Form des Kreises – konstituierende Bedeutung zu? Oder ist die Form immer das BEWIRKTE, hat selbst keine Wirkung? Hat die Energie den Kreis geschaffen? Auch wenn der Satz gilt: „Am Anfang war die Kraft“, Fortgang nahm die Sache erst, als die Kraft in Form . . . wenn ich jetzt das richtige Wort wüsste: in Form kam? Form wurde? Form fand? Wenn das letztere richtig ist: „Die Energie fand die Form!“ so war die Form – immateriell – vorher schon da – und lässt die Möglichkeit offen, die a-priori vorhandene Form „GOTT“ zu nennen. Wenn aber die Energie in richtungs- d.h. formlosem „Brodeln“ auf einmal eine WIRKUNG entfaltete, als nämlich eine Energie um die andere zu kreisen begann – die Kreisform bildete! – ist insoweit für Gott kein – auf jeden Fall kein zentraler – Platz, denn die Wirkung, hier die Bildung eines Atoms, war schon geschehen und hatte eine Form gebildet – und alles andere folgt daraus. Und alles andere folgt daraus! Nicht nur Wasser und Diamant. Ist diese „Erkenntnis“ nun reines Wortgeklingel? Hat das Konsequenzen, wenn man befindet, das SEELE zur FORM, zur Gestalt der Welt und nicht zu ihrer SUSTANZ gehört?
11.10.2014 Erster Versuch Ich sitze hier am Meer, ich sehe das Meer und höre die Brandung rauschen – ich sehe tiefes Graublau, heller konturiert: geformtes Wasser wie ich es so oft schon sah, immer GLEICH? Nein, immer verschieden – ständig wechselnde Form im Rahmen eines engen Kanons, Form der gleichen Energie/Substanz, Wasser – Formen des Wassers. „Was will uns der Künstler damit sagen?“ Form ist auch im instabilen Zustand FORM – Seele auch? Die Formen der Energie/Substanz Welt sind in unaufhörlichem Wechsel begriffen, manchmal langsamer Wechsel, manchmal schneller Wechsel, nie ohne Veränderung! Seele auch? Der Formenkanon in dem sich das (Meer-)Wasser verändert, was hat es damit auf sich? Bildet Milch die gleichen Wellen wie Wasser? Bildet Eisen die gleichen Kristalle wie Kalzium, als Diamant? Nein, Form hängt mit der Energie/Substanz, die eben diese Form bildet, zusammen – wie auch immer dieser Zusammenhang organisiert ist. Ja, man kann, entsprechende Kenntnisse vorausgesetzt, von der Form auf die Substanz schließen (was falsche Schlüsse nicht ausschließt). Gilt das für Seele auch? Ist die Form allein von der Energie/Substanz abhängig? Legen wir der Erwägung nicht Atome sondern Moleküle, deren Zusammenschluss, zu Grunde. Bei diesem Zusammenschluss können dritte Kräfte, andere Energien, mitwirken: Katalisatoren zum Beispiel, die dabei sind, dabei sein müssen, aber das Resultat nicht ändern, keinen Einfluss nehmen auf die Form (noch die Substanz) der entstehenden Moleküle. Erst mit dem Beieinander vieler Moleküle entsteht für uns beobachtbare Materie, die unseren Sinnen direkt zugänglich ist – als Form. Etwas forsch ausgedrückt: Das Wasser bildet keine Wellen, sondern das Meer. Und auf das Meer wirken weitere Kräfte, Energien/Substanzen wie die sich bewegende Luft, der sich den Wellen entgegenstellende Stein, Kräfte, die die Form, in der wir das Meer sehen, verändern – aber sie verändern nicht die Energie/Substanz des Wassers: H2O – bis hin zu Nebel, Dunst. All das bewegt sich im Rahmen des Kanons, der dem Wasser eigentümlich ist, bis hin zum hoch aufspritzenden Gischt, wenn die Welle den Stein trifft. Gleichen die Seelenspiele den Wasserspielen?
13.10.2014 Zweiter Versuch Und alles andere folgt daraus. Ich zitiere (wen?) „Denn jede Herstellung ist auch eine Darstellung.“ Aber stell Dir vor, da ist eine Form, und keiner schaut hin, Töne und keiner hört hin, keiner tastet die Figur ab! Da ist Seele – und keiner weiß! Ja, unabhängig davon, ob es beobachtet wird: Solange Protonen um Neutronen sich in einer bestimmten Geschwindigkeit in Form des Kreises bewegen, bleibt das Atom stabil: IST ES. Form zu haben ist eine Eigenschaft der Energie/Substanz, eine Eigenschaft wie die Geschwindigkeit mit der die Protonen sich bewegen – nicht mehr! Ist dann SEELE auch nur eine Eigenschaft, die die Materie so mit sich bringt? Ende des zweiten Versuches.
Noch am 13.10.2014 Dritter Versuch Da, wo keine Energie/Substanz ist, ist nicht etwas anderes, sondern NICHTS! Kälte ist nur die Abwesenheit von Wärme, Dunkelheit die Abwesenheit von Licht (ist vielleicht das Böse auch nur die Abwesenheit von Güte?) Stille ist die Abwesenheit von Geräuschen und so weiter – und Tot die Abwesenheit von Leben. Form als Eigenschaft eines Produktes, das durch einen Prozess entstand – das ein Prozess ist! – es ist nur durch diesen Prozess. Strukturlose, richtungslose Energie (ein schwarzes Loch?) ist nur, wo keine Form ist. Verfolgen wir die Entwicklung weiter: Atome bilden Moleküle, Moleküle fügen sich (?) zu Chlustern, ja, zu Mustern – Formen herstellend, darstellend. Diese Muster haben eine Eigenschaft, sie reproduzieren sich, sehr – sehr oft. Bei den Reproduktionen entstehen Abweichungen: „Fehler“: Es entstehen neue Muster. Sie entstehen selten – aber summieren sich bei Billiarden von Reproduktionen zu Mutationen, Chancen für Leben. Und es entstand LEBEN! Es entstand in noch rein chemischen, präbiotischen Prozessen der Musterbildung hin zur Entstehung der biotischen Natur – bis hin zu uns (und darüber hinaus?). Die Energien, die diese vielen Veränderungen auswirken, beginnend mit der Molekülbildung und der ersten Teilung dieser Moleküle, ihrem Weg der Reproduktion – denn jede durch Teilung entstandene Hälfte bildet erneut das ganze mit dem Ursprungmuster identische Muster! – dass sich wieder teilt, ad infinitum – abgesehen von den dabei entstehenden Fehlern. Und auch die fehlerhaften Muster teilen sich weiter! WIE diese Fehlerhaftigkeit weiterführt zum biotischen, zum Leben, fand ich nicht, für mich nachvollziehbar, dargestellt. Wohl aber fand ich, dass die Gestalt, dieses alles integrierende Phänomen, konstituierende Bedeutung hat. Gilt das wohl gleichermaßen für alle Gestalt? Wenn sich, noch im chemischen Bereich . präbiotisch – Muster bildeten, musste es da nicht eine Auswahl geben? War das Kriterium vielleicht die Harmonie, war das Kriterium nicht vielleicht zu diesem Zeitpunkt schon die – SCHÖNHEIT?
Unsere Genese hat in uns die Fähigkeit, Eindrücke zu empfangen, zu verarbeiten und sich davon verändern zu lassen, entstehen lassen. Ob es zur Veränderung kommt, ob diese je nachdem stärker oder schwächer ausfällt? Wonach richtet sich das? Wonach richtet sich die Evolution, wenn sie zwischen mehreren Optionen wählt, wonach die Biene, wenn sie Blumen „sortiert“? Richtet sie sich vielleicht nach der FORM, der Gestalt. Sollte die Harmonie, sollte die Schönheit der Entwicklungsmaßstab über alle anderen Maßstäbe sein? Die Genese hat in uns den Sinn für Schönheit gelegt! Dieser Sinn lässt uns erleben und von dem Erlebnis bewegt werden, dass alle Naturgestalt und auch vieles, das Menschen gestalten, SCHÖN wirkt auf uns – in seiner unerschöpflichen Vielfalt SCHÖN ! Survival oft the most beautyful?
Mein Schluss daraus? Mein Schluss daraus ist wieder eine Frage: Ist diese Schönheit der Welt, in der wir leben dürfen, die S E E L E, die wir gesucht haben, die Schönheit , zu der alle Schöpfung führt – gesehene, gefühlte, gehörte, gelebte Schönheit . . . ODER?
Für Natalie Thomkins von Eberhard Kulenkampff zum 6.1.2015

Ägypten

Ägypten – eine Reise nach Luxor – Erlebnisse und Erörterung
Der Reiseverlauf in Stichworten: Nach Flug Rom-Kairo-Luxor Ankunft im Hotel am 16.2.2013 um Mitternacht. Zimmer und Dachterrasse mit Pool und Nilblick – alles einfach und gut. Am 17. Gegen Abend eine Rundfahrt mit der Kalesche, Muhamed und Jimmy, dem lieben Pferdchen Den 18. verbrachten wir im Karnack Tempel, überwältigt von den Steinmassen – und der Kraft der Formungen. Die Fahrt mit dem Schiff am Dienstag nach Dendera dauerte flussabwärts vier Stunden, abends zurück fünf. Busfahrt zum Tempel der HATHOR , Führung in Französisch (das war die kleinste Gruppe!) bis aufs Dach zu den Räumen für Geburtshilfe und andere medizinische Dienste – alles entsprechend „illustriert“. Mittwoch in das Luxor-Museum, ein gut gemachter neuerer Anbau mit wunderbaren Skulpturen und vielem mehr. Erschreckend die beinah fratzenhaft verformten Büsten von Echnaton und den Seinen. Der Donnerstag gehörte dann dem Luxor Tempel – wie noch weitere drei Tage – mit Aquarell- und Zeichenblock. Die Fahrt mit dem Kleinbus zum Komombo Tempel führte etwa 160 km nilaufwärts. Der Tempel ist dem Krokodilgott und Horus, dem Falken, geweiht. Auf dem Rückweg Edfu, Iris + Osiris, Seth . . . Hier sind die Decken teilweise noch erhalten, Bemalungsreste. Sonnabend mit dem Taxi und Führer in das Tal der Könige, zwei der Grabanlagen, der vielen, und nach dem Lunch auf den „westbanks“ der Tempel der Hapscheshut, dessen langgestreckte Form, in drei Ebenen an das Bergmassiv gelehnt, man vom Hotel schon ahnend „sehen“ konnte, nachts angestrahlt. Sonntag und Montag wieder im Luxor Tempel, u.a. hat Natalie „ihren“ vor 25 Jahren schon gemalten Gott wiedergefunden und noch einmal gemalt – es stellte sich heraus, dass sich Alexander so hatte darstellen lassen! Im abendlichen „Souk“ haben wir viel angeschaut, aber nichts gekauft. Dienstag war dann der Habu Tempel dran und ein Blick in das Hotel dort, in dem Natalie und Gilla vor 25 Jahren wohnten und sahen noch zwei Grabanlagen im Tal der Königinnen, nicht aber das Grab von Ramses II Lieblingsfrau, wovon uns der Abschreckungseintrittspreis von „tausenden Dollar“ abhielt. Donnerstag und Freitag waren wir erneut in den Tempeln Luxor und Karnack und danach führte uns zum Abschluss noch eine Fahrt mit der Kalesche durch „Alt Luxor“, d.h. durch Stadtrandgebiete in rechter Armut und ohne jegliche touristische Anmutung, kaum die Hälfte aller Bauten einigermaßen fertiggestellt, viele Neubauruinen.
Das Hotel übrigens, Mittelklassestandard mit üppigem Frühstück und ebensolchem Abendbrot kostete für uns zwei im Doppelzimmer nur €35 pro Tag – und hatte nur 5 bis 10 Gäste
Reiseerlebnisse
Kairo Flughafen: Die junge Frau am Ausgang zum Bus, der uns zum Flugzeug nach Luxor bringen sollte, blieb hartnäckig: Nein, ich sollte im Rollstuhl sitzen bleiben, mit dem man mich – ungebeten aber sehr, sehr hilfreich bei dem riesigen Flughafenkomplex – am Ankunftsflugsteig abgeholt hatte, Nein! Warten Sie. Obwohl doch alle schon zum Flugzeug gingen, Nein, bitte, und dann fuhr ein technisches Mobil vor, die Rückklappe öffnete sich, schob sich zurück, waagerecht, senkte sich, rampte an – nahm den Rollstuhl mit mir darin und Natalie auf, hob sich, schloss sich, rollte über weite Flughafenareale. An unserem Flugzeug angekommen wurde rückwärts angedockt, die Klappe öffnete sich, hob sich bis auf Eingangshöhe: man schob mich in die wartende Maschine – Service auf Arabisch!!! Und in Luxor „international airport“ das gleiche Spiel: Ein Rollstuhl auf der Hubfläche nahm mich im Flugzeug auf und schließlich fuhr mich ein hilfreicher Mann durch alle Stationen der Ankunft bis an das Taxi zum Hotel! Für unseren Rückflug später hatte man den gleichen Service organisiert. So etwas war mir in aller Welt noch nie passiert: Ägypten!!! Anderntags gegen Abend: Wir konnten, mochten dem guten Zureden des netten Herren im bodenlangen „Hemd“ nicht wiederstehen, Ja! Eine kleine Rundfahrt sei recht, und Jimmy zog die Kalesche mit Muhamed am Zügel – freundlich erklärend auf Englisch, durch die lebhaft bevölkerten Straßen. Die Fahrt war hübsch hinter den klappernden Pferdehufen, der Preis nachher für ein knappes Stündchen angemessen. Ein Halt zwischendurch („Jimmy muss ausruhen und fressen/trinken“) gab „zufällig“ Gelegenheit ein „artcentrum“ zu besichtigen, in dem den Besuchern unendliche Mengen von Pyramiden, Sphinxen, Obelisken und all den schönen Sachen in allen Größen aus allen nur denkbaren Materialien „angeboten“ wurden; wenn man die intensiven Verkaufsbemühungen so nüchtern bezeichnen will. Heimgekommen bestand Muhamed darauf, uns am nächsten Morgen zum Karnack Tempel zu bringen – ohne feste Preisabsprache – bestand darauf, uns dort wieder abzuholen, wann . . . also um 4 Uhr (es war etwa 11) Wir ließen uns Zeit im gewaltigen Bezirk mit den massigen Pylonen, Säulen, Balken, Figuren und den unerschöpflichen Geschichten der Pharaonen und Götter an den Wänden: Masse, Masse, Masse! – aber schließlich rollte die Kalesche mit uns zum Hotel zurück – immer noch ohne Preisabsprache; da wollte Muhamed €40 von uns haben, er habe ja den ganzen Tag auf uns gewartet. Wir gaben ihm trotz seines Protestes nur 20 – und fuhren nie wieder mit ihm, so nett Jimmy auch war! Am nächsten Morgen also gingen wir an den wartenden Kaleschen- und Taxifahrern freundlich grüßend vorbei zum „public bus“, dem Transporter mit 8 Sitzen, oft aber 10 Einsitzenden, in den man eben hineinspringt, sein Pfund nach vorne reicht, ggfls Wechselgeld zurückgereicht bekommt und mitfährt bis man wieder aussteigen möchte. Wenn wir ein Ziel nannten, fuhr er immer irgendwann auch dahin, Zufall oder System? Eine dichte Folge dieser „Busse“ fährt durch alle Straßen, haltend wenn jemand am Bordstein wartet oder aussteigen möchte; das Ideal eines ÖPNV! Wo wir schon beim Verkehr sind: In der „Millionenstadt“ Luxor gibt es weder Verkehrszeichen noch Ampeln, aber: alle etwa 100 Meter und vor allen Kreuzungen quert ein flacher Zementbuckel die Fahrbahnen, wer schneller als Schritt fährt, riskiert seine Stoßdämpfer – es fährt keiner schneller darüber! Das reicht!!! – und ersetzt erfolgreich alle übrigen Regeln. Man lebt hier mit allen „Farben“, vom tiefsten Dunkel (kein Mensch ist „schwarz!“) bis zum hellsten „dänisch-blond“ über das eher blässlich wirkende asiatische „gelb“ (was ja alles andere als „gelb“ ist!) Es scheint in dieser Ortsgesellschaft wirklich keinerlei Vorbehalte gegen andere Rassen zu geben. (dafür aber die Vorbehalte des Islam gegen alles . . . . !) Downtown, im Souk (oder war diese mit Tüchern unordentlich überspannte Ladenstraße gar nicht der „Souk“?) Ein warmer Tag (aber nie über 30 Grad) im Luxor Tempel Areal, Natalie hat „ihren“ Alexander gemalt – aber das ist eine andere Geschichte – und die Sphinx Allee, quer, gegen Westen. Die Sphinx war ja die zentrale Figur dieser 14 Tage (obwohl wir nie gehende, jagende, liebende, handelnde S. gesehen haben; sie sitzt immer wie eben S. sitzen, immer!) Jetzt können wir doch mal in den Bazar gehen, gleich nebenan, neben Mc.Donalds heißt das; ein Junge weist uns den Weg. Dort finden sich kaum Dinge des täglichen Bedarfs, nur das allgegenwärtige Angebot an uns, die Touristen: das ganze Programm! Jeder interessierte Seitenblick wird aufmerksam beantwortet, Gespräche eröffnet. Rechts in einer Seitengasse: Tische voll, Regale voll, der Boden voll, alt aussehende Stücke, aufgehäuft, verstaubt, durcheinander wie ausgekippt, gekonnt arrangiert; man glaubt, noch unentdeckte Stücke zu finden, die Versuchung, zu wühlen, eines unter dem andren hervor zu klauben wird immer stärker, angeheizt von der unübersehbaren Fülle der Sächelchen – endlos, endlos. Und dazwischen seriös gedämpft die Auskünfte des/der Verkäufer, Auskünfte über alles, – nur nicht über die Preise! Man soll nur aussuchen, was man haben wolle, dann . . . Schließlich, am Ende der Gasse: “ You want really old things? I have! You want tea? I´ll get some! Come, here!” Durch ein dunkles Lokal, rechts abbiegen, im geschlossenen Gelass blasen ein Mann und ein Junge Luftballons auf. Wir finden rechts Platz auf Kisten, weiß, plünnig, alt: „Take a seat!“ Der Tee kommt in den kleinen Gläschen, die Tür ist zugefallen als sie eine der Kisten aufklappen. Darin setzt sich das Durcheinander fort, fort, fort. Er reicht uns Sphinxe, Anubisse, Hathors, Scherben, große, kleine, winzige, kaum 3 bis 4 mm lang wie Samenkörnchen mit spitzen Fingern behutsam in die Hand gelegt – schauen, zurückgeben, nehmen, schauen: „My grandfather found in the sands . . .“ „Beautyfull, lovely! Really old!” was„old“ auch immer sein mag. Old, old, old! Alles was nicht deutlich abgelehnt wird, häuft sich links: engere Wahl! Der Kistendeckel füllt sich schnell, mag das „old“ 50, 500 oder 5000 Jahre heißen, egal, verstaubt, abgestoßene Ecken, abgeschubberte Farbreste, es sieht alles überzeugend alt aus: Sphinxe, Anubi, Hathors. Der Ton wird langsam drängender – zwischendurch werden Natalies Aquarelle bewundert, die zum Vorschein kommen, als ein Gläschen Tee in ihre Tasche kippt – dringlicher, der Kistendeckel immer voller! Um uns nur Ägypter = Araber, die gefährlichen, die etwas wollen von uns, im Hinterzimmer, Tür zu, neben dem Nebenlokal hinter dem Lokal an der schmalen Nebengasse vom Souk, irgendwo in Luxor downtown, Platzangst breitet sich aus, ausgemalt wie das wäre, wenn, wenn oder wenn. Ausgemalt habe ich mir das erst nachts, als ich zwischen zwei und vier nicht wieder einschlafen konnte, wenn man für ängstliche Gedanken so empfänglich ist: Wenn etwa ? ? ? Wir brachen diese „Sitzung“ mehr oder weniger abrupt ab: No, no – we don´t want, no! Soubran, no thank You, Goodbye“ und sind geflüchtet – oder auch nicht, aber nichts wie weg.
Soweit vor Ort: in LUXOR war dann nicht Zeit mehr und Ruhe zu schreiben, wie es dort war; erst zu Hause konnte ich den Bericht weiterführen.
Ja, wir sind wunderbar bereichert zurückgekehrt aus Luxor – nach vielen Tagen stiller Einkehr – allein vier Tage haben wir in Schatten und Sonne im Luxor Tempel verbracht, aquarelliert, gezeichnet (quälend stümperhaft) auf den hohen Sockeln der gewaltigen Säulenwälder sitzend oder in den gemütlichen Stühlen des bewirteten Gartens neben der Sphinx Allee. Aber ich will hier keinen touristischen Bericht abgeben, wir können nur dringend raten: Fahrt nach Luxor und schaut selbst!
Das Erlebte in all den Tempeln, Gräbern, Museen und Alleen ist so gewaltig, dass es sprachlos macht. Wer wollte aber auch das Werk der Völker am Nil von drei- oder mehrtausend Jahren nachsprechen? Wer?
Als Abschiedsgeschenk jedenfalls lag im Flughafen von Kairo für uns das Buch: „ The complete gods and goddesses of ancient Egypt“ von Richard H. Wilkinson der „The American University Press“ bereit, fiel uns buchstäblich in die Hände als der Orientale einherschritt, mächtig spannte die gelbe Seidenrobe über dem gewaltigen Bauch, das schwere Haupt erhoben, einherschritt, verschwand, wieder auftauchte, verschwand . . . und da lag das Buch auf dem Tischchen des Zeitungskiosks.
Erörterung zu den Reiseeindrücken.
Also: Die („Höhlen“) Malerei der Sahara – studiert an Hand des Kataloges der Kölner Ausstellung, erschienen als weiland Walter Scheel Präsident der Bundesrepublik war, begann vor der „Vorzeit“ und führte, auch im Niltal, bis an die Frühzeit der pharaonischen Jahrtausende heran in ihrer natürlichen Darstellungskraft, die, auch dort wo sie „kanonisch“ wird, vor allem mit ihrem Schaffensprozess identisch bleibt – „handmade“ – besser: „bodymade“ – persönlich, unmittelbare Schöpfung aus Übereinstimmung . . . Und dann, ohne das mir Zeugnisse über die Zeit dazwischen bekannt geworden wären, die „Narmer Pallette“, eine Schminktafel „from Hierakompolis ca, 3000 BC“ datiert „in the later Neolithik period – 3600 -3300 BC“ als ein besonders aufschlussreiches Beispiel: Höchst stilisierter Ausdruck gesellschaftlicher („staatlicher“?) Macht, sowohl im anekdotischen: Der Sieger erschlägt den Besiegten, die mystischen Tiere sind gefesselt, die Feinde geköpft – als vor allem im Stil: formalisiert in einer Strenge, die für 3000 Jahre künstlerischen Schaffens und für Hunderttrausende von künstlerisch arbeitenden Menschen als bindend sich erwies: unfrei, aber gewaltig in ihrer gebändigten Strenge, grausig, stark, schön, identisch nicht mit den Individuen, die es so meisterhaft handwerklich geschaffen haben sondern mit der verfassten gesellschaftlichen Ordnung, die sich darin abbilden lässt – Bild wird. Bild wird hier, vor unseren Augen, ein gewaltiger, ein eigentlich unermesslicher Schritt in der Geschichte dieser, dieser regionalen Gesellschaft von Menschen.
Vor diesem Schritt – oder war es doch ein langer Weg? – sehen wir sie mit großen Rinderherden, diese relativ kleinen Menschengruppen, durch das Weideland ziehen, lockeren Schutz sich schaffend vor Sonne und Wind – kaum vor Regen, den es schon damals nur wenig gab in der Sahara, ohne wirklich befestigte Wohnsitze und: kein, kein Zeichen hinterlassend von Gestalt gewordener Hierarchie, auch keines von Gewalt gegen Menschen, von Menschentötung, von Krieg – viele Zeugnisse aus allen Lebensbereichen, aber nicht vom Leben in Höhlen, die die Felsmassive in der östlichen Sahara auch nicht angeboten haben. Ihr Malgrund waren Felswände, seltener Höhlenwände, ihre „Bauwerke“: Lederwände an Stangen gegen den Wind, Matten gegen die Sonne; ungeeignet „Macht“ zu demonstrieren, „Dauer“ zu proklamieren!!!
Nach diesem Schritt bzw. am Ende dieses Weges finden wir die Gesellschaft durchorganisiert von der zentralen Figur des Machthabers bis hinunter zu den reihenweise abgelegten geköpften Feinden, wen immer das System, das inzwischen geschaffene, zu Feinden erklärt, das System, das alle Menschen instrumentalisiert, ihnen ihre Rolle zuweist, die Instrumente zu organisieren weiß — die Einhaltung der zugewiesenen Rollen mit allen Mitteln durchzusetzen weiß. Mittel zu denen auch die Erfindung der Religion gehört; Mittel von denen die rohe Gewalt das letzte ist, wenn alle Psychotaktik nicht mehr hilft.
Ja, die Organisation von Gewalt ist eine relativ leichte Übung im Vergleich mit der Entwicklung und Anwendung der Psychowaffe Religion!!!
Das ist die Entwicklung, die die Wende bringt, die Erfindung der Religion. Offenbar innert weniger Generationen ist ein Götterhimmel ersonnen, proklamiert und durchgesetzt worden, der die Welt grundlegend geändert hat – den Menschen neu definiert. Ja, so unglaublich es ist und so wenig man sich diesen schöpferischen Prozess vorstellen kann, der ja nicht von einem Einzelnen geleistet sondern von vielen gemeinsam bewältigt wurde: Menschen haben diese zuletzt wohl anderthalbtausend „ägyptische“ Götter ersonnen, einen „himmlischen Kosmos“, eine unermessliche lebendige Theaterwelt in dem Bedürfnis, durch die Orientierung an diesem erfundenen Kosmos die irdische, unsere Menschenwelt, zu ordnen, auf dieses Gesellschaftsmodell auszurichten und damit, unter anderem, regierbar zu machen. Aus bis dahin freien Menschen machten sie einen Staat!
Und es wurde kein einfältiger Staat, keine widerspruchslose, gradlinige Weltorientierung aus der ausgeschlossen würde, was den Schöpfern nicht passte, nein, alle Widersprüche der Menschennatur sind in diesem hochkomplexen System eingefangen, bilden sich in den Eigenschaften der erfundenen Götterfiguren ab und in dem, sich sehr lebendig immer weiter entfaltendem, Spiel zwischen diesen „Göttern“ – auch im Wechselspiel mit den aus dem Stand der Herrschenden sich immer wieder ergänzenden Götterscharen – und befähigt die so orientierten, so organisierten Manschen zu Taten, die wahrhaftig göttliche Kräfte bei ihrer Bewältigung zu Hilfe gehabt zu haben scheinen: die Bauwerke ebenso wie die Bildwerke, die Staatsgestaltung ebenso wie die Schrift, die Musik.
Und – das sei hier wenigstens kurz angesprochen: die Menschen haben solche Gesamtkunstwerke immer wieder unabhängig voneinander geschaffen, so wie in Ägypten, in Assyrien, Anatolien, Indien, China, Japan, auf den Inselwelten im Pazifik, in Mexiko, Peru und im Europa sowohl hellenischer als christlicher Ausprägung – kleine Grenzübergriffe und Anleihen inbegriffen; immer nach dem gleichen Muster – also wohl physiologisch bedingt?!
Die Darstellung der Welt, die die Götter einschloss, im alten Ägypten
Wie fand man die Möglichkeiten der Darstellung, wichtigste Voraussetzung der Vermittlung der Ideen? Eine sehr plastische Möglichkeit fand man durch die Einbeziehung der Tiere in den Götterreigen. Damit gelang es, viel Unerklärliches anzusprechen, so bestimmt/unbestimmt das Wesen des Krokodils, des Affen, des Mistkäfers, des Falken, der Schlange – so präsent ist dieses Wesen des Tieres in seinem Abbild. Das gilt noch stärker für die Menschenfiguren mit Tierköpfen und für die aus verschiedenen Wesen zusammengefügten Gestalten, das Krokodil mit dem Kopf des Falken, Löwenleib und Widderkopf: die Sphinx in ihren vielen Erscheinungsformen. Kanon: Die Sphinx gibt es nur in der klassischen Ruhestellung mit den Pfoten nach vorn gestreckt! Niemals finden wir unkommentierte Einzelfiguren, immer im Kontext, immer mit Erklärungen, immer im Zusammenhang und wenn er auch nur durch ein paar Hieroglyphen am Sockel angesprochen ist. Das erweiterte die Aussagemöglichkeiten in der Breite – vor allem aber auch in der Tiefe. Wenn man nur ein Bild herausgreift, die Himmelsgöttin NUT, die sich über die Scene wölbt, an der einen Seite aufsteigend die Beine, an der Decke der Leib vom betonten Schoß zu den nährenden Brüsten und dem Kopf, die Arme erreichen mit ausgestreckten Fingern eben den Boden: das Firmament, dass die bewohnbare Erde trennt von den umgebenden Wassern des Chaos aus dem alles entstammt. Entstammt, denn zu Grunde liegt das Wissen vom Ursprung im Chaos, oft vorgestellt als Wasser, Meer, Ozean, – auf jeden Fall: DRAUSSEN! Ein Bild schreibt dem Gotte PTAH die „Schöpfung“ zu, in seinem Geist ist sie entstanden, er hat sie gedacht – und durch sein Wort, sein schöpferisches Wort geschaffen indem er sie aussprach, verwirklicht in Sprache. „The story of creation, as attributed to PTAH by the priests of Memphis, whereby the god was said to have created the world through his thought and creative word or command.” zitiert aus R.Wilkinson. Schöpfung als einen Prozess des Ordnens, des Herauslösens aus dem unendlichen Chaos, das Herausgelöste in eine feste, sichere, beschützende Ordnung bringen – das sind die starken Triebkräfte der herrschenden Gruppe am Nil, der Priesterschaft und des darin integrierten „weltlichen“ Herrschers, des Pharao und seiner Leute: die Urkraft dieses Staates und auch die Urkräfte, die tonnenschwere Steinblöcke über hunderte Kilometer transportierten und über zwanzig Meter hoch wuchteten zu gewaltigen Architraven, gar zu den kristallinen Pyramiden wie sie gegen die Wüste gestellt sind – und der schlanken Obelisken, dieser Antikörper.
Umgesetzt in einen Prozess: „Architekten“ priesterlicher Hoheit skizzierten die Herausforderungen an die Organisations- und Tatkraft, keine Hilfsmittel oder Anschauung als ihre Phantasie, der sich die Herrschenden anvertrauten, indem sie den Bau freigaben: „Ja, so werde es!“ Und diese Phantasie der Baumeister reichte aus für die Jahre der Vorbereitung, für die Finanzierung und Mobilisierung der Massen an Mitwirkenden, die Suche nach dem besten Material, reichten aus, dieses Material zu gewinnen, aus dem Felsgrund zu lösen, ungeheuer: es auf schwankenden Planken auf den hilfreichen Wassern des Nils zu transportieren, auf Rollen und Rampen gleiten zu lassen und die Tempel, Pylone, Obelisken, gar ganze Pyramiden zu errichten und schließlich beinahe flächenfüllend zu gestalten, im Relief und in Farbe und zu beschriften. Es konnte nicht anders sein, es hat mit Sicherheit große Blutopfer gekostet unter der zur Arbeit gepressten (?) Bevölkerung – niemand spannt sich freiwillig vor einen 20Tonnen Stein und zieht ihn, durch Peitschenhiebe vorangetrieben, die Rampen hoch um die vorbestimmte Höhe zu erreichen. In Einzelfällen kann man diese Rampen noch sehen. Zwei dieser Phantasten („Architekten“) wurden von ihren Mitpriestern zu Göttern erhoben wie sonst nur die Pharaonen selbst. Erst nach diesen Jahren der Vorbereitung, der Willensbildung und Organisation und des Handels, der Arbeit, zogen die Prozessionen diese Prozessionswege entlang, sah man, fühlte man, was der Phantasie entsprungen war, als Herausforderung an die Menschen, sich gegen das Chaos zu behaupten wie die Pyramiden gegen die Wüste, wie die hohen Säulen mit den „Balken“80/200cm messend und sieben Meter lang und mehr, die steinernen Decken tragend – gegen die Schwerkraft.
So stehen wir, noch immer fassungslos, zwischen zweimal zehn mal sieben Säulen, zwei, drei Meter dick und über zehn Meter hoch – fast überwiegt die Masse des Steins den Luftraum dazwischen. Zwischen diesen beiden „Wäldern“ aus Stein führen zweimal fünf noch wesentlich kräftigere und höhere Säulen den Prozessionsweg weiter, – weiter zu neuen Pylonen, Portalen, neuen Höfen, neuen Säulen, neuen Bildern. Eine der zahlreichen Schautafeln zeigt, dass allein dieser eine Tempelteil mit seinen 150 Säulen die Grundfläche von Notredames in Paris erreicht. Größe hin und her; es lohnt sich allein schon, sich mit den eleganten Gestalten der Säulen und ihrer Kapitelle, die nie ihre florale Herkunft verleugnen, immer in schwingender Bewegung bleiben, zu beschäftigen.
Man muss in diesem Zusammenhang auch die dreitausend Jahre beherrschende „Grammatik“ der Bildsprache betrachten?! Von der schon erwähnten Schminkpallette um 3000 BC bis in die 30. Dynastie beherrscht die Silhouette das Bild; die Grenze zwischen Mensch und Welt – das zentrale Anliegen des pharaonischen Ägypten: die Grenze! Bei allen sichtbaren Unterschieden blieben sich doch alle Darstellungen gleich, dieser „Grammatik“ unterworfen, über diese 3000 Jahre beinahe zum Verwechseln ähnlich. Auch innerhalb der Menschenwelt, die immer wieder dargestellt ist und durch Hieroglyphen erklärt in ihrer unübersichtlichen Buntheit und Vielfalt, musste Ordnung auch im Detail herrschen um die größere Ordnung bewahren zu können, die Ordnung des Staates, der Welt. Darum, nebenbei bemerkt, musste Echnaton scheitern!
Das zahllose göttliche Personal erlaubte es, alles menschliche Geschick und Verhalten prägend abzubilden und den Menschen zu zeigen, den Erzählungen im Bild Dauer zu verleihen. Die strenge Form der Darstellung schloss jeden Zweifel am Inhalt, an der Wahrheit der Erzählungen von den Göttern, aus.
Wir kennen die Funktion der Ordnungsmittel gut aus der uns geläufigen, christlichen Gesellschaftsordnung ebenso wie aus der vergleichbaren des Islam. Fast alle Ideen, die Menschen zur Ordnung zu rufen, finden wir so auch im alten Ägypten. An zentraler Stelle steht auch hier das (jüngste) Gericht. Osiris führt den Vorsitz. 42 Götter stellen die Fachanwälte; die von ihnen zu beurteilenden „Sünden“ nehmen die zehn Gebote vorweg, nur eben etwas differenzierter ausgearbeitet. So werden z.B. Terrorismus, Angeberei, Jähzorn und Knabenliebe aufgeführt. In den frühen Dynastien war es geboten, die formale Ordnung einzuhalten – Verdienste und Versündigungen waren messbar, während gegen Ende stärker die inneren Werte den Maßstab bildeten für das gute menschliche, vor allem das gebotene zwischenmenschliche Verhalten. Selbstverantwortliches Handeln trat langsam an die Stelle nachprüfbarer Disziplin.
Fühlte man sich vor dem drohenden Chaos schon so sicher, dass es der extremen Disziplinierung durch das formalisierte Gesetz nicht mehr in dem Maße bedurfte? Die Porträts der Spätzeit zeigen individuelle, schicksalsschwere Züge an der Stelle der edlen Gleichförmigkeit früherer Menschenbilder. Dass sie diese Entwicklung nehmen konnte, spricht doch wohl für die Qualität des Gesamtkonzeptes der ägyptisch-pharaonischen Weltordnung?!
Monotheismus – der Gegensatz schlechthin? Die Gesamtdarstellung des ägyptischen Göttergeweses zeichnet ein anderes Bild: von Anfang an umfasste die Erzählung vom Göttlichen fließende Übergänge zwischen Fabelwesen aller Art – vorzüglich Wasserwesen – zu mehr und mehr sich durchsetzenden göttlichen Wesen in Menschengestalt. Diesen wiederum, den vielen, standen gegenüber Einzelne, in der Anlage monotheistische Figuren wie zum Beispiel AMUN, der sich aus sich selbst geschaffen hatte. „He is hidden from the gods and his aspect is unknown! He is farther than the sky, he is deeper than the Duat…”(Papyrustext Leiden I 350) . Karnak umfasste, so die Aussage in der 18.Dynastie “the mound of the beginning” wo AMUN die Welt ins Dasein brachte – „brought the world into being!” So nahm AMUN auch andere Götterdarstellungen in sich auf und wurde zu AMUN-MIN (Gott der Fruchtbarkeit) und AMUN-RE(Sonnengott). Aber auch ATUM findet sich so hervorgehoben: „ATUM was the monad – the one, from whom all else originally came!“ oder auch: „ the lord of fatability!“ und „he who came into being of himself!” (Pyramidentext) und schließlich: als Schöpfergott war ATUM der Vater von SHU und TIFNIT, „copulating with himself to produce the first divine pair!“ – „a personification oft the female principle inherent with himself!“ und weiter zu seinem Enkel: Osiris, seinerseits Vater von . . . – und über Jahrtausende halten die den Lebesnschlüssel KA in der Hand; formal das Kreuz des Franziskus TAU mit dem Ring oben, an dem er gehalten wird. Könnte es nicht sein, dass man in den vielen Göttern nicht eher die Engel, zumindest die Erzengel und die Heiligen der christlichen Kirche und die selig gesprochenen sehen müsste? Wie auch die Zahl der Heiligen ist die Zahl der Götter langsam gewachsen über die Jahrtausende. AMUN bzw. ATUM blieben sich aber im Kern gleich!
Kehren wir zurück zu dem Erlebnis Ägypten heute: Die Gegenwart in den Tempeln, zwischen den Tempeln, zwischen den Gräbern, in den Gräbern: Kinderzüge, Schülergruppen, viele in Schuluniform, noch ohne Gesichtsverhüllung die Mädchen, in Jeans die Jungen, alles schwatzt, die – sehr seltenen – mahlenden Touristen werden umringt, man drängt sich einander ablösend um ein Handyfoto mit dem Fremden; im Übrigen ziehen sie unter Lehrerführung recht schnell dahin! Dann viele kleine Gruppen, die sich, wie wir auch ein paar Mal, um Führer oder Führerin scharen, welche in den verschiedensten Sprachen, meist gut gelernte, Texte vortragen. Und schließlich Pärchen und Einzelbesucher, zögernden, suchenden Schrittes, das offene Büchlein in der Hand – im Schatten haltend, die Sockel der Säulen sind oft blank gewienert von internationalen Hosenböden!
Gut, die Zeit war lang seit diese Artefakte geschaffen wurden – gleichwohl fragt man sich oft: warum, wie, wann was entzwei gegangen ist – oder: wie viel und warum noch steht neben den Trümmern inklusive einiger Rekonstruktionen, Restaurierungen. Unendlich viel Material – teilweise museal geordnet, beschriftet, wartet noch in den weitläufigen „Gehöften“ die die Tempel umgeben. Die Tempelareale sind oft/meist eingefasst von halb zerfallenen „Mauern“ (mindestens fünf Meter dick?) Aus römischer oder noch späterer Zeit aus sonnengetrocknetem Nilschlamm: ungebrannten Ziegeln, grau, unansehnlich. Wollten die Römer die Tempel schützen (?) oder sich selbst, die sich in den Tempeln Militärlager eingerichtet hatten (?) oder (?) Jedenfalls sind fast immer vor den eigentlichen Bauflächen große, sehr große und relativ triste „Plätze“ angelegt – auch neueren Datums. Der – moderate – Eintritt summiert sich ganz schön bei längerem Aufenthalt!
Keine Abbildung oder Vorstellung kann das Erlebnis ersetzen, sich stundenlang, tagelang diesen mächtigen Steinkolossen auszusetzen – einfach im Schatten einer Säule auf sich einwirken zu lassen, was hier Götterkräfte aufgerichtet haben.
Sind wir es nicht diesen Menschen schuldig, sich ihrer Gegenwart auszusetzen?!
Die Welt der Gräber
Im Unterschied zu den Tempelwänden und – säulen findet man auf den Wänden der Grabanlagen viel locker „hingeschriebenes“ – immer noch gebunden durch die überkommene Grammatik, aber lebhafter im Strich, persönlicher im Ausdruck. Immer beherrscht das Dekorationsprogramm die inhaltliche Gestaltung – meist ziehen die Figuren und alles Beiwerk symmetrisch zu beiden Seiten des Ganges, der Türwände, der Grabkammern dahin. Es fehlt uns so vieles, um voll in das Anekdotische einzusteigen, die Menschen-, die Königs- und Göttergeschichten mitzulesen. Da aber den Autoren dieser Bildergeschichten ihre Mitteilungen so ungeheuer wichtig waren, wichtiger als der individuelle künstlerische Ausdruck und der emotionale Gehalt, fehlt uns doch sehr viel, sie so zu verstehen, wie sie gemeint waren.
Eine weitere Einsicht kam mir erst, als wir wieder in Europa zurück waren. Wir besuchten Freunde in Lucca, wir besuchten Lucca, wir besuchten die Kirche San Michaele. Der Innenraum gehört noch ganz in die romanische Zeit, nichts Besonderes auf diesem Gebiet, ein schlichter schöner Raum . . . Ein Raum!!! Die Säulen, die Pfeiler, die das hohe schlichte Gewölbe tragen, die einfachen Wände, eingeschnittene Fensteröffnungen – nichts davon stellt sich als Masse dar, alles dient dem RAUM, bildet den Raum, ist Raum!!! Das ist der große Unterschied!
Die Bauten Ägyptens, die Tempel, die Pyramiden, die Grabanlagen – ebenso aber die Bauten der Griechen, Asiens, Mittelamerikas: gewaltige Bauwerke – kein RAUM darin! Der Leser sollte an dieser Stelle innehalten und diese Behauptung an seinen Erinnerungen überprüfen, stimmt das? Stimmt das? Und wenn es stimmt, wenn, wie ich empfinde, die Pyramiden, die Säulenwälder, die Pylonen und, als höchste Abstraktion der Skulptur die Obelisken, keinen Raum bilden – ? Wann, wo und durch wen kommt der Raum, treten die Baumassen, tritt alles zurück aus der stolzen Selbst-Ständigkeit, (kommt von „Stehen“) wann und wo übernimmt der RAUM die Herrschaft über das Bauen? Wann, wo und von wem? Wenn man die Räume der römischen Thermenanlagen und das Pantheon – nach meiner Kenntnis des frühen Bauens die ersten baubeherrschenden Räume, zum ersten Mal betritt, weiß man wann, wo und von wem – oder? Wenn man darüber nachdenkt könnte es sein, dass einem eine ägyptische Grabkammer, keine zehn Meter im Quadrat, keine fünf Meter hoch, mitten reingerammt der gewaltige Sarkophag, einfällt: Über die Wand zur Rechten – ich hab es an anderer Stelle schon beschrieben – steigen von hoch sich reckenden Füßen die schlanken Beine, an der Decke breitet sich der Leib der Göttin vom Schoß bis zum zierlichen Haupt aus und ihre Arme erreichen mit lang ausgestreckten Fingern an der linken Wand die Erde wieder: die Göttin TUT die das Firmament ist, alles einschließt was unser ist, unseren RAUM bildet und alles ausschließt was Chaos ist, draußen, jenseits. TUT ist, schon im pharaonischen Ägypten, RAUM – aber mehr RAUM war im alten Ägypten nicht, nicht in den Tempeln, nicht in den Gräbern, nicht in den Bildern Weiter suchend nach den frühen Räumen von Menschenhand finde ich mich im himmelhoch ansteigenden Rund – dem Halbrund — der griechischen Theater, die in ihrer räumlichen Qualität bewusst die Weite der Landschaft in der sie eingebettet sind, auf den Punkt bringen, hohe räumliche Qualität aber offen zum weiten Himmel, kein RAUM. Dieses Halbrund hat den Römern nicht genügt, das volle Oval, die volle Arena musste es sein, die volle Gesellschaft zu festlichem Beginnen aufzunehmen, eine, zivile, Gesellschaft, die es vorher so nicht gab. Solche Gesellschaft bildeten auch nicht die griechischen Weisen, diskutierend im Forum zwischen Säulengängen wandelnd. Die „Demokratie“ haben wohl die Griechen entwickelt aber die Republik haben erst die Römer geschaffen – der Gesellschaft, die sie bildeten aber auch den RAUM gebaut, in dem sie sich verwirklichen konnte. Es trübt mein idealisierendes Bild ein wenig, dass die großen RÄUME erst in der Kaiserzeit errichtet wurden, die Thermen und das Pantheon ebenso wie das Kolosseum!!! Neben den großen Rundungen für die Menschen – als idealer Baustoff erwies sich der römische Ziegel – bauten sie weiter Tempel, aus Marmor, für die Götter. Aber, man kann hinter sein Wissen nie zurück, aus dem Tempel wurde bald die „Basilika“, Tempel mit RAUM darinnen an Stelle der den Raum verstellenden und leugnenden „Cella“ – eine Gebäudeform, die sich auch die gemeinsam betenden Christengemeinde aneignete, als sich ihr wachsendes Selbstbewusstsein mit dem schlichten Betsaal, wie er wohl zuerst unter der Erde in den Lehmboden gegraben worden war, nicht mehr begnügen mochte. Wesentlicher Schmuck dieser ersten „Kirchen“, wohl mehr „Kasten“ als „Raum“, waren zunächst nur mit kostbaren Mosaiken geschmückte Fußböden. Sie beschritten so den Weg, der in den himmelstrebenden gotischen und den barock weit ausschwingenden Kirchenräumen, den Kuppeln der Renaissance, den Wölbungen der Hagia Sophia und den Moscheen Senins seine letzte Überhöhung fand.
Im pharaonischen Ägypten gab es keinen RAUM.
Zum Schluss soll nochmal die Gegenwart zu Wort kommen, die heutige Stadt LUXOR.
Die „Millionenstadt“ Luxor wirkt auf mich eher chaotisch als bunt. Abgesehen von dem touristisch aufgeräumten Streifen entlang des Nils (Ostufer) mit seinen, teilweise neuesten, Hotelbauten und – palästen und etwas 19.Jahrhundert Altstadt (?) besteht teilweise aus mehr oder weniger fertiggestellten „Neu“bauten, aus denen oben noch die Moniereisen ragen, aus sehr dunklem Ziegel, ganze Viertel noch so gut wie unbewohnt – oder täuscht der Eindruck? Hat die Revolution einen Wirtschaftsaufschwung abgebremst, dann könnte er „danach“ auch wieder in Gang kommen – hoffentlich!
Den Rest bilden unabsehbare Standränder, eingefasst von dem grünen Ackerland des Niltales. Die Straßen – „Plätze“ habe ich nicht gesehen – werden lebhaft genützt. Der Verkehr wird dominiert von den Kleinbussen und unendlich vielen Taxen, beide weiß mit blauem Streifen, und den Kaleschen, den altmodischen Einspännern, hunderte, tausende triptrap überall dazwischen – soweit sie nicht wartend unter eigens angelegten Schattendächern herumstehen, geduldig wie Karrenpferde so sind. Oft mampfen sie ihr grünes, appetitliches duftendes Futter – wenn man nett sein will, gibt man etwas Geld dazu „für Jimmy!“. Da so wenige Touristen sich im Februar 2013 hierher wagen, ist es verständlich, dass man, wo man geht und steht, angesprochen wird mit dem Angebot, gefahren zu werden: Hin und womöglich auch noch her, hinterher. Es ist trotzdem schön mit diesen kleinen Kutschen und die Pferdchen sind lieb, so lieb! Zu dem Thema der Läden, der Händler, der allgegenwärtigen, will ich nichts sagen. Ich bin eh kein Einkaufstyp und damit parteiisch – lassen wir das. In die gesellschaftlichen Verhältnisse bekamen wir – bekommt man – keinen Einblick Den muss man sich wohl zu Hause in der Zeitung holen und aus den Büchern, besonders denen ägyptischer Autoren, wie es sie so gut gibt. Viele, praktisch nie allein gehende Frauen tragen schwarz mit verhüllten Gesichtern, bilden aber den kleinsten Teil der Straßenbenutzer im Zentrum, die im Übrigen eher jugendlich daherkommen, „global“ gekleidet. Alte Männer sitzen meist herum, wenn man sie sieht. Anders in den Vorstädten. Auf der Rundfahrt durch „Old Luxor“ sahen wir mehr Frauen und Kinder vor den Häusern, um die Häuser; hier allerdings auch viel Getier wie Hunde, Katzen, Geflügel, Ziegen und Esel; auch mal die Pferde, wenn sie nicht „auf Arbeit“ sind. Straßen und Wege, Höfe wirken oft unbefestigt, jedenfalls staubig. Dort herrscht ein eher rustikales Milieu – dazwischen auch schon Äcker mit Korn, Zuckerrohr, Gemüse und Pferdefutter, einzeln Fruchtbäume und Palmen. Charakteristisch sind noch immer die klassischen Kanäle, die neben dem Grundwasser, das der Nil speist, seit Jahrtausenden das Leben möglich gemacht haben. Es hat uns erschüttert, zu lesen, dass das ägyptische Volk zu den (vielen) ärmsten der Welt gehört und dass ärgste Misswirtschaft die Menschen hilflos macht, die Nachkommen der genialen, starken und schöpferischen Priester und Pharaonen.
Solch ein Reisebericht bleibt unbefriedigend wenn man ihn an dem Erlebten misst. Ihr müsst halt selber hinfahren und selbst schauen!
Eberhard Kulenkampff, Umbrien im Frühjahr 2013

Eine Farm in Afrika

UNSERE FARM IN AFRIKA
Als 19o4/05 die deutsche “ Schutztruppe “ die Herero am Waterberg geschlagen hatte und in die wasserlose Omaheke getrieben, kamen die Landmesser und setzten ihre trigonometrischen Punkte auf alle Bergspitzen in der sogenannten „Polizeizone“ und teilten das „herrenlose“ Land in handliche Stücke von etwa 3000 ha im fruchtbareren Norden bis zu 30 000 ha im unfruchtbaren Süden.

So teilten sie auch im westlichen Teil des Omaruru-Bezirkes gegen den Rand der Namib hin das Land und bildeten u.a. die Parzellen Nr. 94 mit 5557 ha und 98 mit 5322 ha – die heutigen Farmen Okongue und Otjipetekera mit zusammen ca 11 000 ha, also der Fläche von Bremen.

Okongue ist ein sanft gewelltes Tal mit einfassenden Bergen, zu denen der gleichnamige Berg „Ort des Leoparden“ gehört, der mit seinen 1900 m hoch über das etwa 1500 m über dem Meeresspiegel liegende Land steil aufsteigt – oben mit der unvergesslichen Doppelspitze aus rosa leuchtendem Granit gekrönt. Der gleiche Stein bildet den liebenswürdig zugänglichen „Hausberg“ unmittelbar neben dem Farmhof. Ein breites trockenes Flußbett – Revier genannt – durchzieht das hügelige Tal und vereinigt sich weiter südwestlich mit dem „Ovikangarevier“. Nur in guten Regenjahren nach starken Regenfällen im Oberlauf dieser Reviere fließt für Stunden Wasser – unterirdisch aber ständig ein schwacher Strom. Dunklerer Granit und ein weiß schimmernder Kalkrücken schließen das „Steinland“ nach Westen ab, – die gewundene „Treppenpad“ führt hinauf in die rotsandige Ebene, die viele Stunden weiter im Westen, beim lichtblau im Horizont stehenden „Götterberg“ und der „Kapelle“ in die Namib übergeht. Orientiert an einer hohen massiven Granitbank führen nur wenige schmale Buschpads in die Weite dieses „Veldes“, das von einigen schmalen Revieren und weitverzweigten „Omuramben“ durchzogen ist. Lockere Dornbuschbestände und Aristidagras sind die charakteristische Vegetation – uralte Schirmakazien, Kameldornbäume, und mächtige Omomborombonga wachsen nur entlang der Grundwasserströme an den Revieren.

Es herrscht Trockenheit!

Von kurzen Regenfällen abgesehen, die nur von November bis März vom fernen indischen Ozean über den Kontinent gezogen kommen, weil der nahe Atlantik mit seinem kalten aus der Antarktis heraufziehenden Benguelastrom keine Regenwolken ins Land schickt – nur unfruchtbare Nebel an die Küste – , von diesem wenigen Regen abgesehen, herrscht Trockenheit im größten Teil des Landes. Langjährige Aufzeichnungen in Okongue weisen durchschnittlich 300 bis 4oo mm im Jahr aus. Seit vielen Jahren wird auch diese geringe Menge nicht mehr erreicht. 95/96 war es nur die Hälfte der Durchschnittsmengen. Seit 2000 gab es wieder bessere Regenjahre – 2006 war sogar sehr gut.

Bodenschwellen durch die Reviere gezogen halten das tief im Sand abströmende Sickerwasser fest, damit es flache Brunnen speist. Dämme aus Erde oder Stein halten einen Teil des Regenwassers (wenn sie nicht brechen) bis es zur Jahresmitte hin verdunstet, versickert, verbraucht ist. Und so werden Brunnen geschlagen, bis 25 m von Hand mit Dynamit Sprengungen, bis gut 100 m mit der Bohrmaschine: suppentellergroße Bohrlöcher in tiefer liegende Wasserschichten. Die Orte werden mit Wünschelruten bestimmt – weit über 50% erfolgreich. Die Wassermenge läßt allerdings oft zu wünschen übrig: 5o cbm /Tag ist schon ein sehr guter Brunnen. Aber mit einem gewissen Nachlauf sind mit ganz wenigen Ausnahmen auch diese vom Regen abhängig – kein unerschöpflicher Vorrat sondern kostbarstes Gut. Darüber hinaus können weder Tier noch Mensch hier leben. Es herrscht Trockenheit.

Nur einen Stauwasserbrunnen im Revier gibt es auf Okongue, auf Otjipetekera wurde man erst in den 50er Jahren fündig. Bis dahin war die einzige Wasserstelle ein 1928 bis 32 errichteter Damm, der mehrfach brach und wieder hergestellt wurde, und ein in einer flachen Granitbank gebildetes Vley. Seit 1990 konnte auch in dem neuen Bohrloch nur noch wenig Wasser entnommen werden, der alte Brunnen in Okongue war von einer Flut zerstört: unbrauchbar für Jahre.

Tränken für das Vieh und Farmhöfe mit Gärten konnten am Brunnen im Okonguerevier angelegt werden. Die Weide für das Vieh kann außerhalb der Regenzeit, zu der noch offenes Wasser im Busch steht, nur genutzt werden, soweit die Tiere zwischen dem Trinken laufen können: bis maximal etwa 5 km wenn die Weide im engeren Einzugsgebiet abgeweidet ist.

Rinder, Pferde und Esel leben von Gras: silbern wogendes Aristidagras, kupferfarbene Halmgräser und, leider selten, pelzig grüne Futtergräser. Die Schafe und Ziegen fressen Blätter: am liebsten den hellgrünen kniehohen „Futterbusch“ oder die pelzigen Blätter des blaugrünen Omakalu oder „Kudubusch“. Die anderen sind teils giftig – „Speikraut“ – teils dornenbewehrt – kaum zu erreichen.

Viehzucht war die einzige Grundlage der Farmwirtschaft, bis seit einigen Jahren der Tourismus als Einnahmequelle dazukam.

Rinder – verschiedene Rassen – in Durchschnittsjahren ein Rind je 10 ha Farmland (nach jahrzehntelanger Beobachtung muß man feststellen, dass das zu wenig ist!) gezüchtet als Fleischvieh und als Milchvieh zugleich: etwa 3 bis 4 Liter sehr fettreicher Milch werden abgemolken, die gleiche Menge bleibt für das Kalb, frisch zentrifugiert, die Sahne kommt bis zur wöchentlichen Abholung zur Butterei in die Kühlkammer, Wände aus berieselter Holzkohle (Verdunstungskälte), aus der Magermilch setzt sich Quark ab, der auf Schüttelsieben zu Kasein getrocknet wird – einem Rohstoff für die Chemie der dreißiger Jahre, Schlachtvieh zum Transport nach Südafrika oder in kleineren Mengen nach Walvisbay zur „coldstorage“ (Kühlhäuser)für Lieferungen nach Übersee. Die Bahnreise nach S.A. dauert 6 Tage. Die Fleischpreise waren wegen der Marktferne – außer im Kriege – immer sehr niedrig.

Auf unseren Farmen standen 300 bis 1000, im Durchschnitt 500 Rinder und 1000 bis 2500, im Durchschnitt 1500 Schafe. Wegen Weidemangel musste etwa alle 10 Jahre mit den Rindern unter großen Verlusten etwa 300 km nach Norden „getreckt“ werden auf Pachtweide – jeweils etwa für ein Jahr. Dazu drohen ständig Maul- und Klauenseuche, Rausch- oder Milzbrand, Bangfieber und andere Krankheiten.

Daneben wurde die Schafzucht gepflegt: Karakul für die Persianerpelze! In gehüteten Herden von je etwa 25o Stück – nachts abgezählt, damit keines unbemerkt verloren geht, im Kral – werden sie in 3 Generationen vom weißen „Schwarzkopfpersianer“ mit kurzem harten Haar zum Edelpersianer, dessen Lämmer bei der Geburt das charakteristische schwarzseidene Lockenfell tragen, mit Hilfe teurer Zuchtramme hochgezüchtet. Die Lämmer müssen sofort geschlachtet, abgezogen und das Fellchen zum Verkauf getrocknet werden. Die modeabhängigen Preise lagen zwischen 1o und 5o Schilling. Vielfältige Krankheiten bedrohen die hochgezüchteten Tiere und müssen durch ständiges „Dosieren“ (Medizingaben), Dippen in Schwefelbädern, Naseputzen oder Fußpflege bekämpft werden. Die schlechte Wollqualität brachte zweimal im Jahr nicht viel mehr als die Scherkosten.

Nebenbereiche sind die Hühnerzucht, gelegentlich ein paar Schweine zur Selbstversorgung, Enten und Gänse. Neben dem Eierverkauf wurden Versuche gemacht Butter zu verkaufen, Käse für den Markt herzustellen und anderes mehr. Aber alle diese Produkte brauchen einen größeren Markt in der Nähe als ihn Namibia bieten kann und sind deshalb wirtschaftlich nicht sehr ergiebig, oft nicht einmal auskömmlich.

Vorraussetzung für all das ist erst einmal der Abtransport von der Farm. Dafür standen bis in die 40er Jahre in Okongue nur Eselkarren zur Verfügung: eine schwere Lastkarre mit bis zu 10 Eseln davor und ein leichte, gefederte die mit 4 Eseln bespannt wurde. Die Fahrt zum nächsten Ort: Omaruru, dauerte 8 bis 10 Stunden. Die Rückfahrt konnte dann aber auch erst am nächsten Tag erfolgen.

Auf der Farm wurde viel geritten, meist auf Eseln – bis zu 7o lebten davon in O. – seltener auf den oft ungebärdigen Pferden.

Eine große Rolle spielte der Garten, der morgens und abends bewässert Gemüse vieler Art, Zitrusfrüchte, Granatäpfel und Wein wachsen ließ und Blumen, vor allem Oleander, Kosmea und Zinnien – dazu hochrankende blaue Winden. Aber wehe dem Garten, wenn die Wasserversorgung stockte. Dann war schnell alles hin!

Die Menschen auf Okongue: Friedrich von der Becke, der Vorbesitzer, hatte die Farmen 19o8 von der Regierung gekauft, schrittweise eingezäunt, den ersten Brunnen geschlagen und das erste Haus gebaut. Er starb 1926 bankrott von eigener Hand.

Vater erwarb daraufhin mit geliehenem Geld die Farmen für 2700 Pfund – also etwa 60 000 Mark. Mit 7 Kindern und Mutters Schwester zogen die Eltern mit „Sack und Pack“ aus der Georg Gröning Strasse in Bremen nach O. 1926 im November traf man ein und begann: Vieh kaufen, Garten anlegen, wirtschaften. Auch der Bechsteinflügel war mitgereist.

In Deutschland hatte die wirtschaftliche Entwicklung den früheren Kaufmann aller Mittel beraubt und er sah keine Chancen für einen Neuanfang. So ging er – heute würde man sagen: als Wirtschaftsflüchtling, nach Afrika. Im Hintergrund dieser Entscheidung stand einmal die Zeit, die er als Kaufmann vor dem Krieg in Togo gearbeitet hatte und einige Jahre nach dem Krieg als Tagelöhner in Diensthop bei Verden. Erfahrungen in Afrika vermittelten die Nachbarn: der Schwager, der schon bald 2o Jahre im Lande war, dessen Haushälterin – eine Käsefachfrau – und viele andere. Die Entfernung der Farmhöfe voneinander betrug 10 bis 20 km. Auch im nächsten Ort knüpften sich Beziehungen – man brauchte dort ja auch ein Nachtquartier, da man nicht am gleichen Tage zurückfahren konnte. Arzt und Zahn-arzt gab es erst im fernen Swakopmund – auch das Krankenhaus und das Entbindungsheim. So wurde das allermeiste von der Mutter selbst kuriert.

Im Laufe der Jahre wurde viel gebaut: Mehrere sich ergänzende Wohngebäude, Werkstätten und Remisen, ein Keller für die Käserei und ein Kühlhaus. Gebaut wurde aus selbstgebrannten roten recht weichen Ziegeln mit selbstgebranntem Kalk: – weiß gekalkte Wände und Wellblechdächer. Wegen der Termiten standen alle Häuser auf zementgemauerten Granitsockeln. Strom gab es so wenig auf den Farmen wie Telefon – erst später Radio mit Autobatterie. Gekocht wurde mit Holz, als Toilette diente meist ein weit von den Häusern abgelegenes kleines Häuschen mit dem obligatorischen Herzchen in der Tür und Asche zum Abstreuen.

Neben der großen Familie – nach mir, 1927 geboren in Swakopmund, kamen noch zwei Geschwister dazu – lebten beinah ständig Männer. die bei irgendwelchen Projekten halfen, Farmlehrerinnen oder andere Reisende auf der Farm – meist gut 15 Personen bei Tisch. Später verbrachten wir die Schulzeit in Schülerheimen in Windhuk oder Swakopmund – waren nur in den Ferien zu Hause.

Zunächst gab es eine Namawerft (Dorf) etwa 5oo m querab hinter einem Schlot. Hier lebten etwa 5 Namafamilien in ihren Hütten. Sie waren vor allem als Schafhirten und für Farmarbeiten beschäftigt. Es lebten meist etwa 4o Nama hier. Etwa die gleiche Zahl Herero hatte ihre Werft aus „Pontoks“, den Rundhütten aus armdicken Ästen, die mit einem Gemisch aus Lehm und Kuhmist verschmiert werden, auf der anderen Seite des Reviers. Sie betreuten die Rinder und viele andere Arbeiten und die Frauen besorgten das Melken und die Wäsche, halfen auch im Haus mit.

Anfang der 3oer Jahre verdichtete sich ständiges Geplänkel zu einer handfesten Schlägerei. Danach räumten die Nama das Feld und es lebten und arbeiteten nur noch Herero bei uns bis es üblich wurde auch Ovambo auf Jahreskontrakte anzustellen. Eine Agentur vermittelte diese Arbeitskräfte, meist nur ihrer Stammessprache mächtig aber schnell lernend und sehr geschickt. Sie wohnten – meist 6 bis 8 – in eigens dafür von den Farmern errichteten kleinen Häusern am Hof. Sie sparten allen Lohn um am Ende einen großen grellbunt bemalten Koffer mit allem, was ihnen zu Hause fehlte, zu Fuß am Stock über der Schulter 6-700 km nach Hause zu tragen, denn sie hatten auch das Fahrgeld umgesetzt. Der Durchschnittslohn betrug 25 bis 5o Schilling die Woche zuzüglich Lebensmittel und einige Kleidung bzw Stoffe für die Frauen. Ihre Grundnahrungsmittel waren Mais und Milch.

Auch für die Weißen waren Mais und Milch die Grundlage. Dazu wurde Brot aus Mischmehl gebacken, Eier gab es und Gemüse und Obst – vor allem Kaktusfeigen – aus dem Garten, sonntags oft Hähnchen. Sonst gab es Fleisch nur, wenn jemand auf der Jagd Erfolg gehabt hatte oder – selten – mal ein Hammel geschlachtet wurde.

Wirtschaftlich stellte sich der Farmbetrieb in der ersten 30 Jahren so dar: Die beiden Farmen wurden 1926 für 2634 Pfund gekauft und wegen Investitionen und Inflation 196o mit 24 000 Pfund bewertet. Etwa 110 km Zäune außen herum und zur inneren Aufteilung zur besseren Bewirtschaftung der Weide waren hergestellt und ständig in Stand gehalten, 6 Wasseranlagen mit Brunnen, Windmotor, Becken und Tränken angelegt, die notwendigen Häuser gebaut und der große Garten gepflegt.

Die Betriebsüberschüsse betrugen im Durchschnitt aller 32 Jahre 1000 Pfund – der Lohn der Arbeit für die ständig beschäftigten drei bis vier Weißen also etwa 250 Pfund im Jahr: rund 5000 Mark bei freier Kost und Logis

Anfang der 60er Jahre kehrten die Eltern nach Bremen zurück. Die Farm wurde nach einiger Zeit einem Neffen übertragen der auch die benachbarte Farm bewirtschaftete. Dieser hat wegen der stark rückläufigen Erträge aus der Viehhaltung – die Karakulzucht gibt es wegen sich ändernder Mode schon seit vielen Jahren nicht mehr – seine Farm zur Gästefarm ausgebaut. Da neben den Jagdgästen, die zunächst die Hauptkundschaft bildeten, inzwischen mehr und mehr Schaugäste kommen, hat er inzwischen auch auf Okongue die Viehwirtschaft völlig eingestellt – die gliedernden Zäune beseitigt und baut ein Wildreservat auf. Sein Ziel ist es, den alten Wildbestand, den man aus den Buschmannzeichnungen ablesen kann, wieder herzustellen und mit weiteren Arten des südlichen Afrika zu ergänzen.

So findet dieses Land nach knapp hundert Jahren der Bewirtschaftung wieder in seinen früheren ursprünglichen Zustand zurück

Ein Fluss

E i n F l u s s

Unmittelbar vor der Quelle war Schluss: Der plötzlich einsetzende Regen hatte den steilen Lehmpfad so schmierig werden lassen, dass man keinen Halt mehr fand. Der Bautrupp weiter unten war zwar damit beschäftigt, neue Stufen einzusetzen und das morsche Geländer zu erneuern aber bis zur eigentlichen Quelle, die man glaubte, angeschwollen von dem Regen, der uns unten im Dorf Falera überrascht hatte, schon rauschen zu hören, würden sie noch ein zwei Wochen brauchen. Wir rutschten aus, Hose lehmverschmiert, und drehten um – mehr schliddernd als gehend.

Jahrelang schon hatten wir die Tiberquelle besuchen wollen. Die Schnellstraße von Terni nach Cesena, der kürzeste Weg aus Umbrien nach Norden, nach Ravenna, Padua, Venedig führt dicht daran vorbei, führt durch die Erosionslandschaft der östlichen Ausläufer des Appenin, der „alpe de la luna“, durch die Landschaft deren charakteristische steile, graue Kegel und Schrunden schon auf den Fresken von Ghiotto und den Bildern Pierro de la Francescas und vieler anderer umbrischer Maler erscheinen. Man ist geneigt sie auf den Bildern für Abstraktionen zu halten – „Landschaft“ als Hintergrund halt – bis man diese karge Landschaft selbst entdeckt und durchstreift. Wie es der Tiber tut der mitten in diesen hohen Hügeln entspringt, die Quellöffnung in Marmor gefasst – woher wir das wissen? – abgesehen davon, dass Natalie vor Jahren von Sansepolcro aus von einem verliebten Padre (nicht in sie verliebt, sondern in Jemanden, der dort lebte) schon einmal dorthin mitgenommen worden war, fanden wir ein Bildchen der Quelle auf den kleinen Zuckertütchen, die man im nächsten Dorf zum Kaffee bekommt, wenn man sich ihn am Tisch servieren lässt: an der Bar bedient man sich ja, wenn man überhaupt Zucker in das schwarze Schlückchen tun will, selbst aus den raffiniert gestalteten Zuckerdosen, die zum Beispiel ihren Deckel lüften, wenn man einen der beiden Löffel, die an der Seite stecken, herausnimmt. Solch ein Tütchen liegt jetzt vor mir – als Erinnerung an den gescheiterten Besuch der Tiberquelle mitgenommen.

Der Bach mit dem jeder Fluss beginnt, außer dem breiten Strom der bei Fontaine de Vaucluse
gespeist aus den Wassern des Mont Vontoux aus seiner gewaltigen Quellöffnung tritt und Petrarka, der hier im Exil lebte, Laura in seinen Gedichten anbetete und von hier aus zu seinem Spaziergang auf den Bergrücken, der diese ganze Landschaft beherrscht, aufbrach so tief beeindruckt hat, der kleine Bach Tiber hat sich sein bescheidenes Bett sehr malerisch in unendlichen Windungen durch die grauen Hügel gegraben und sie an seinen Ufern dicht begrünt. So ist es dort noch heute im Hinterland der Schnellstraße. Aber jetzt dominiert diese Straße das Tibertal – mit wenigen Strecken dazwischen, in denen sie entfernt vom Fluss geführt ist – bis nach Rom, ja, bis er bei Fiumicino ins Thirrenische Meer mündet, auf den letzten Kilometern als steriler Hafenkanal zementiert.

Und doch, wer sich die Mühe macht, den Windungen zu folgen, das meist fahle bis ockerfarbene Wasser dort zu beobachten, wo man ihn auf kleinen Nebenstraßen kreuzt, dort, wo solche Sträßchen am Ufer hinter Weiden und Pappelgestrüpp entlangführen oder wo man nur schmale Trampelpfade, bestenfalls tieffurchige Ackerwege antrifft. findet durch alle Jahreszeiten malerische Reize – und bewegende Geschichte, unsere Geschichte.

Meist ist ja das Tibertal eine breite Ebene zwischen behäbig ausgebreiteten Hügeln von deren profilierteren Kuppen die umbrischen oder latinischen Städtchen grüssen. Aber hin und wieder musste sich der werdende Strom durch felsige Höhen beißen, fließt Kaskaden bildend über Barren die dem Wasser bis heute widerstanden haben, oft ist es der harte Basalt der noch immer an die vulkanische Phase dieser Landwerdung erinnert, oder er findet sich auf eine schmale Rinne beschränkt im Grunde eines Canons, den man, wie seinen großen Bruder in Amerika nur mit einem Paddelboot erkunden kann. Paddelboot – der Fluss hat auch besondere Freunde, die, um auf seine landschaftlichen Reize und seinen natürlichen Wert hinzuweisen, jedes Jahr in einer langen Kavalkade von der Quelle bzw. dicht danach bis zur Mündung, mit ihren Paddelbooten und Kanus den Fluss hinunterfahren. Bis weit hinauf – wir konnten noch nicht herausfinden wie weit, war er durch Jahrhunderte, auf jeden Fall aber zur Römerzeit schiffbar. Das zeigen ausgegrabene Hafenanlagen und einstmals blühende Hafenstädtchen aus dieser Zeit wie bei Otricoli. Selten ist die Tiberschiffahrt in zeitgenössischen Bildern dargestellt, so dass man sich kein rechtes Bild machen kann welche Schifflein darauf fuhren.

Und fruchtbar war und ist dieses Tal. Während Wein und Oliven sich meist auf den Hügelhängen ausbreiten, von Weizen- und in den letzten Jahren immer mehr Sonnenblumenfeldern unterbrochen soweit sie nicht von dem sehr lebendigen umbrischen Eichenwald – seltener von Kastanienwäldern bedeckt sind, wächst der Tabak nur in der Flussebene. lässt sich sogar im trockenen Sommer noch zusätzlich mit seinem Wasser beregnen. Üppige Gärten umgeben die Häuser, abgesehen von den geschlossenen Bergstädten – den jahrhundertealten Wohnstädten dieser Landschaft – findet man in der Fläche eher Einzelhöfe und – häuser. In den letzten Jahrzehnten nehmen allerdings großflächige Gewerbeansiedlungen einen großen Teil dieser Flussebene ein, nur nächtlich ein faszinierendes Bild, dieses Lichtermeer. Der Reiz der „Lage mit Aussicht“, die damit werbende Häuser für die vielen ausländischen Interessenten so wertvoll macht ( zur Freude der Verkäufer und Makler ) besteht in dieser Hinsicht eigentlich nur nachts von der Terrasse, tagsüber hebt man den Blick besser zu den fernen Horizonten, zu den lebhaften Silhouetten der Hügel und fernen Bergketten – die sibillinischen Berge tragen bis weit in den Sommer ihre Schneespitzen – und zum breiten kahlen Rücken des Monte Sobasio an dessen Hängen Spello und Assisi liegen ( eine „strada bianca“ verbindet sie über den Berg hinweg ) und der, vielleicht auch in Erinnerung an den heiligen Franz, der an seinen Hängen Eremit und später Heiliger war, mit einem Mönchsschädel – mit Monsur – gemahnen soll. Nachts, wie gesagt, bietet die Ebene das schöne Spektakel einer von sich bewegenden Schnellstrassenbefahrern durcheilten Welt aus Lichtern. In dieser Welt wird aber auch das Geld verdient mit dem die historischen Städtchen und Städte auf den Höhen alle inzwischen so wunderschön hergerichtet sind mit restaurierten Häusern, Stadtpalästen und Kirchen, vieles noch mit mehr oder weniger gut erhaltenem romanischen Baubestand – Schätze der Baukunst in unvorstellbarer Fülle – mit sehr geschmackvoll und oft originell natursteingepflasterten Strassen und Plätzen, kaum je durch unpassende Möblierung gestört. Nachts werden in manchen Orten anstatt der nüchternen und oft zu hellen modernen Straßenbeleuchtung Öllämpchen angezündet – besonders zu den so beliebten und in allen Orten, großen und kleinen mit viel Liebe und Begeisterung abgehaltenen Festen, den „sagras“ und den häufig wieder belebten historischen Zelebritäten: Prozessionen in historischen Gewändern, Kampfspiele in barocker Pracht oder nur Essen und Trinken und Tanzen in fröhlichem Miteinander der Bewohner, die auch Ortsfremde unbeschwert an ihre Tische bitten.

Die Menschen hier – häufig nicht sehr groß, eher gedrungen, erscheinen uns freundlich gegen jedermann – sind wohl noch immer Umbrer, links des Tiber, und Etrusker, rechts des Tiber, der alten Grenze vor viel mehr als 2000 Jahren. Wir hatten in Orvieto einen alten Etrusker auf einer Grabdeckung gesehen – nachher trafen wir Massimo: er war dem Etrusker wie aus dem Gesicht geschnitten ähnlich! Auch wenn in diesen zwei Jahrtausenden immer Fremde hier herrschten und ausnahmslos grausam ausbeuteten was diese reichen Landstriche zu bieten hatten – so sind die Zwingburgen, deren Ruinen jede Stadtansicht „krönen“ , die „ roccas“ alle von den vielen Päpsten errichtet worden, die sich darin überboten das Land auszuplündern und das ging halt nur mit gewalttätiger Unterdrückung der Städte die am Anfang freie Städte gewesen waren, die voll Stolz ihre Eigenheiten entwickelt hatten an die sie jetzt wieder anzuknüpfen bemüht sind. Darum auch die vielen farbenfrohen mittelalterlichen „remakes“ die inzwischen vom Tourismus weidlich ausgeschlachtet werden obwohl das eigentlich gar nicht ihr Hauptzweck ist.

Zusammengehalten wird das alles vom Tiber mit seinen Nebenflüssen unter denen die Nera eine ganz besondere Rolle spielt weil sie auch ein größerer Fluss ist, von weit her aus den Bergen kommt und durch die römischen Wasserfälle, die das Tal von Rieti entwässern und bei Terni über 165 Meter tief in das Valnerina stürzen, bereichert wird. Wenn man hier herumfährt, kommt man alle weil über eine Brücke , wenn man von den Hügeln aus schaut, windet er sich unten durch´s Tal – und wenn man nach Rom kommt ist er der rote Faden an dem man sich die Stadt erschließt. Da es aber über den Tiber in Rom so viel Erzähltes gibt will ich mir das in diesem Tiber-Brief ersparen – so reizvoll der Kontrast zu „unserem“ Landschaftstiber ist – er wäre kaum wieder zu erkennen, wenn es nicht das gleiche fahle und oft ockerfarbene Wasser wäre.

Lieber will ich noch etwas von unserem persönlichen Verhältnis zu ihm berichten. Das ist sehr stark davon bestimmt, dass er eines von Natalies beliebtesten Motiven ist, die dichten vielgestaltigen Ufer, die schönen Brücken ( die anderen überspringen wir einfach ) und das unerschöpfliche Spiegeln und Glitzern und Kräuseln und Strömen. Was Wunder, dass wir schon viele, viele Tage an diesen Ufern verbracht haben – meist allein, manchmal mit Überraschungen: So gibt es eine Malstelle bei Pontecuti, schwierig, nur zu Fuß durchs Gebüsch auf einem schmalen Trampelpfad zu erreichen, einsam aber mit Blick auf eine schöne alte hohe Brücke. Man hörte weit weg eine Autotür, dann erschien kieloben ein Kanu über den Büschen, dann der Mann, der es hoch über seinem Kopf trug. Er blieb mit einem Ausruf grenzenloser Überraschung stehen. Es war unser Freund Jo ( der uns zu unserem Haus verholfen hat) der mit Frau und Kind in Viepri in einer Abtei auf der linken Tiberseite – also weit von hier – wohnt, seit zehn Jahren schon, und zum ersten Mal mit seinem Kanu, das er hauptsächlich hat um auf dem Tiber damit zu fahren, an diese Stelle kam, die auch wir eben an diesem Tag dort für uns entdeckt hatten.

Diesen Bericht will ich damit beenden — aber der Tiber fließt weiter!

Mitte September in Umbrien
Unmittelbar vor der Quelle war Schluss: Der plötzlich einsetzende Regen hatte den steilen Lehmpfad so schmierig werden lassen, dass man keinen Halt mehr fand. Der Bautrupp weiter unten war zwar damit beschäftigt, neue Stufen einzusetzen und das morsche Geländer zu erneuern aber bis zur eigentlichen Quelle, die man glaubte, angeschwollen von dem Regen, der uns unten im Dorf Falera überrascht hatte, schon rauschen zu hören, würden sie noch ein zwei Wochen brauchen. Wir rutschten aus, Hose lehmverschmiert, und drehten um – mehr schliddernd als gehend.

Jahrelang schon hatten wir die Tiberquelle besuchen wollen. Die Schnellstraße von Terni nach Cesena, der kürzeste Weg aus Umbrien nach Norden, nach Ravenna, Padua, Venedig führt dicht daran vorbei, führt durch die Erosionslandschaft der östlichen Ausläufer des Appenin, der „alpe de la luna“, durch die Landschaft deren charakteristische steile, graue Kegel und Schrunden schon auf den Fresken von Ghiotto und den Bildern Pierro de la Francescas und vieler anderer umbrischer Maler erscheinen. Man ist geneigt sie auf den Bildern für Abstraktionen zu halten – „Landschaft“ als Hintergrund halt – bis man diese karge Landschaft selbst entdeckt und durchstreift. Wie es der Tiber tut der mitten in diesen hohen Hügeln entspringt, die Quellöffnung in Marmor gefasst – woher wir das wissen? – abgesehen davon, dass Natalie vor Jahren von Sansepolcro aus von einem verliebten Padre (nicht in sie verliebt, sondern in Jemanden, der dort lebte) schon einmal dorthin mitgenommen worden war, fanden wir ein Bildchen der Quelle auf den kleinen Zuckertütchen, die man im nächsten Dorf zum Kaffee bekommt, wenn man sich ihn am Tisch servieren lässt: an der Bar bedient man sich ja, wenn man überhaupt Zucker in das schwarze Schlückchen tun will, selbst aus den raffiniert gestalteten Zuckerdosen, die zum Beispiel ihren Deckel lüften, wenn man einen der beiden Löffel, die an der Seite stecken, herausnimmt. Solch ein Tütchen liegt jetzt vor mir – als Erinnerung an den gescheiterten Besuch der Tiberquelle mitgenommen.

Der Bach mit dem jeder Fluss beginnt, außer dem breiten Strom der bei Fontaine de Vaucluse
gespeist aus den Wassern des Mont Vontoux aus seiner gewaltigen Quellöffnung tritt und Petrarka, der hier im Exil lebte, Laura in seinen Gedichten anbetete und von hier aus zu seinem Spaziergang auf den Bergrücken, der diese ganze Landschaft beherrscht, aufbrach so tief beeindruckt hat, der kleine Bach Tiber hat sich sein bescheidenes Bett sehr malerisch in unendlichen Windungen durch die grauen Hügel gegraben und sie an seinen Ufern dicht begrünt. So ist es dort noch heute im Hinterland der Schnellstraße. Aber jetzt dominiert diese Straße das Tibertal – mit wenigen Strecken dazwischen, in denen sie entfernt vom Fluss geführt ist – bis nach Rom, ja, bis er bei Fiumicino ins Thirrenische Meer mündet, auf den letzten Kilometern als steriler Hafenkanal zementiert.

Und doch, wer sich die Mühe macht, den Windungen zu folgen, das meist fahle bis ockerfarbene Wasser dort zu beobachten, wo man ihn auf kleinen Nebenstraßen kreuzt, dort, wo solche Sträßchen am Ufer hinter Weiden und Pappelgestrüpp entlangführen oder wo man nur schmale Trampelpfade, bestenfalls tieffurchige Ackerwege antrifft. findet durch alle Jahreszeiten malerische Reize – und bewegende Geschichte, unsere Geschichte.

Meist ist ja das Tibertal eine breite Ebene zwischen behäbig ausgebreiteten Hügeln von deren profilierteren Kuppen die umbrischen oder latinischen Städtchen grüssen. Aber hin und wieder musste sich der werdende Strom durch felsige Höhen beißen, fließt Kaskaden bildend über Barren die dem Wasser bis heute widerstanden haben, oft ist es der harte Basalt der noch immer an die vulkanische Phase dieser Landwerdung erinnert, oder er findet sich auf eine schmale Rinne beschränkt im Grunde eines Canons, den man, wie seinen großen Bruder in Amerika nur mit einem Paddelboot erkunden kann. Paddelboot – der Fluss hat auch besondere Freunde, die, um auf seine landschaftlichen Reize und seinen natürlichen Wert hinzuweisen, jedes Jahr in einer langen Kavalkade von der Quelle bzw. dicht danach bis zur Mündung, mit ihren Paddelbooten und Kanus den Fluss hinunterfahren. Bis weit hinauf – wir konnten noch nicht herausfinden wie weit, war er durch Jahrhunderte, auf jeden Fall aber zur Römerzeit schiffbar. Das zeigen ausgegrabene Hafenanlagen und einstmals blühende Hafenstädtchen aus dieser Zeit wie bei Otricoli. Selten ist die Tiberschiffahrt in zeitgenössischen Bildern dargestellt, so dass man sich kein rechtes Bild machen kann welche Schifflein darauf fuhren.

Und fruchtbar war und ist dieses Tal. Während Wein und Oliven sich meist auf den Hügelhängen ausbreiten, von Weizen- und in den letzten Jahren immer mehr Sonnenblumenfeldern unterbrochen soweit sie nicht von dem sehr lebendigen umbrischen Eichenwald – seltener von Kastanienwäldern bedeckt sind, wächst der Tabak nur in der Flussebene. lässt sich sogar im trockenen Sommer noch zusätzlich mit seinem Wasser beregnen. Üppige Gärten umgeben die Häuser, abgesehen von den geschlossenen Bergstädten – den jahrhundertealten Wohnstädten dieser Landschaft – findet man in der Fläche eher Einzelhöfe und – häuser. In den letzten Jahrzehnten nehmen allerdings großflächige Gewerbeansiedlungen einen großen Teil dieser Flussebene ein, nur nächtlich ein faszinierendes Bild, dieses Lichtermeer. Der Reiz der „Lage mit Aussicht“, die damit werbende Häuser für die vielen ausländischen Interessenten so wertvoll macht ( zur Freude der Verkäufer und Makler ) besteht in dieser Hinsicht eigentlich nur nachts von der Terrasse, tagsüber hebt man den Blick besser zu den fernen Horizonten, zu den lebhaften Silhouetten der Hügel und fernen Bergketten – die sibillinischen Berge tragen bis weit in den Sommer ihre Schneespitzen – und zum breiten kahlen Rücken des Monte Sobasio an dessen Hängen Spello und Assisi liegen ( eine „strada bianca“ verbindet sie über den Berg hinweg ) und der, vielleicht auch in Erinnerung an den heiligen Franz, der an seinen Hängen Eremit und später Heiliger war, mit einem Mönchsschädel – mit Monsur – gemahnen soll. Nachts, wie gesagt, bietet die Ebene das schöne Spektakel einer von sich bewegenden Schnellstrassenbefahrern durcheilten Welt aus Lichtern. In dieser Welt wird aber auch das Geld verdient mit dem die historischen Städtchen und Städte auf den Höhen alle inzwischen so wunderschön hergerichtet sind mit restaurierten Häusern, Stadtpalästen und Kirchen, vieles noch mit mehr oder weniger gut erhaltenem romanischen Baubestand – Schätze der Baukunst in unvorstellbarer Fülle – mit sehr geschmackvoll und oft originell natursteingepflasterten Strassen und Plätzen, kaum je durch unpassende Möblierung gestört. Nachts werden in manchen Orten anstatt der nüchternen und oft zu hellen modernen Straßenbeleuchtung Öllämpchen angezündet – besonders zu den so beliebten und in allen Orten, großen und kleinen mit viel Liebe und Begeisterung abgehaltenen Festen, den „sagras“ und den häufig wieder belebten historischen Zelebritäten: Prozessionen in historischen Gewändern, Kampfspiele in barocker Pracht oder nur Essen und Trinken und Tanzen in fröhlichem Miteinander der Bewohner, die auch Ortsfremde unbeschwert an ihre Tische bitten.

Die Menschen hier – häufig nicht sehr groß, eher gedrungen, erscheinen uns freundlich gegen jedermann – sind wohl noch immer Umbrer, links des Tiber, und Etrusker, rechts des Tiber, der alten Grenze vor viel mehr als 2000 Jahren. Wir hatten in Orvieto einen alten Etrusker auf einer Grabdeckung gesehen – nachher trafen wir Massimo: er war dem Etrusker wie aus dem Gesicht geschnitten ähnlich! Auch wenn in diesen zwei Jahrtausenden immer Fremde hier herrschten und ausnahmslos grausam ausbeuteten was diese reichen Landstriche zu bieten hatten – so sind die Zwingburgen, deren Ruinen jede Stadtansicht „krönen“ , die „ roccas“ alle von den vielen Päpsten errichtet worden, die sich darin überboten das Land auszuplündern und das ging halt nur mit gewalttätiger Unterdrückung der Städte die am Anfang freie Städte gewesen waren, die voll Stolz ihre Eigenheiten entwickelt hatten an die sie jetzt wieder anzuknüpfen bemüht sind. Darum auch die vielen farbenfrohen mittelalterlichen „remakes“ die inzwischen vom Tourismus weidlich ausgeschlachtet werden obwohl das eigentlich gar nicht ihr Hauptzweck ist.

Zusammengehalten wird das alles vom Tiber mit seinen Nebenflüssen unter denen die Nera eine ganz besondere Rolle spielt weil sie auch ein größerer Fluss ist, von weit her aus den Bergen kommt und durch die römischen Wasserfälle, die das Tal von Rieti entwässern und bei Terni über 165 Meter tief in das Valnerina stürzen, bereichert wird. Wenn man hier herumfährt, kommt man alle weil über eine Brücke , wenn man von den Hügeln aus schaut, windet er sich unten durch´s Tal – und wenn man nach Rom kommt ist er der rote Faden an dem man sich die Stadt erschließt. Da es aber über den Tiber in Rom so viel Erzähltes gibt will ich mir das in diesem Tiber-Brief ersparen – so reizvoll der Kontrast zu „unserem“ Landschaftstiber ist – er wäre kaum wieder zu erkennen, wenn es nicht das gleiche fahle und oft ockerfarbene Wasser wäre.

Lieber will ich noch etwas von unserem persönlichen Verhältnis zu ihm berichten. Das ist sehr stark davon bestimmt, dass er eines von Natalies beliebtesten Motiven ist, die dichten vielgestaltigen Ufer, die schönen Brücken ( die anderen überspringen wir einfach ) und das unerschöpfliche Spiegeln und Glitzern und Kräuseln und Strömen. Was Wunder, dass wir schon viele, viele Tage an diesen Ufern verbracht haben – meist allein, manchmal mit Überraschungen: So gibt es eine Malstelle bei Pontecuti, schwierig, nur zu Fuß durchs Gebüsch auf einem schmalen Trampelpfad zu erreichen, einsam aber mit Blick auf eine schöne alte hohe Brücke. Man hörte weit weg eine Autotür, dann erschien kieloben ein Kanu über den Büschen, dann der Mann, der es hoch über seinem Kopf trug. Er blieb mit einem Ausruf grenzenloser Überraschung stehen. Es war unser Freund Jo ( der uns zu unserem Haus verholfen hat) der mit Frau und Kind in Viepri in einer Abtei auf der linken Tiberseite – also weit von hier – wohnt, seit zehn Jahren schon, und zum ersten Mal mit seinem Kanu, das er hauptsächlich hat um auf dem Tiber damit zu fahren, an diese Stelle kam, die auch wir eben an diesem Tag dort für uns entdeckt hatten.

Diesen Bericht will ich damit beenden — aber der Tiber fließt weiter

Mondlandung

F r e i g e g e b e n

Lesestoff zu Sonne und Mond von Eberhard Kulenkampff

Prolog für Giordano Bruno

Der Regen der Nacht war vertropft und die Wolken im Dunst des Morgens aufgelöst – aus den Dunst stieg die Sonne, überblendete das Grau zu silbrigem Weiß, zu hell den Augen, bis dunkle Wolken sich davor schoben und sie auslöschten. Die Wolken waren stärker als ihr Licht und auch die Nacht war stärker. Allmächtig war allein die Erde auf der er ging, die gute starke Erde deren Ende keiner kannte in ihrer unendlichen Erstreckung. Wo man das Ende zu finden hoffte – schließlich kam man immer zum Meer hinter dem man, zu Recht, wie sich später zeigen sollte, weitere Erdteile vermutete. Aber man ließ das Land bei den Seefahrten von Bucht zu Bucht nie außer Sicht geraten. Sie hatten den Zug der Fische studiert und den Flug der Vögel, Sonne und Mond betrachtet mit ihrem Kommen und Gehen und konnten aus den Sternen lesen, die kommende Ernte aus den Wurzeln der Kräuter und das Jagdglück aus der Asche ihrer Feuer. Als der Wind sein Boot davon trieb nahm er all dies Wissen mit. Als der Sturm das Schifflein immer schneller über das Meer trieb und er sich an den Kielbalken schmiegte, um nicht hinaus geschleudert zu werden, war er doch getrost in dem Wissen um die Festigkeit der Erde von der er sich ein Teil wusste, der weiten Insel im weiteren Meer über das mal die Sonne schien, mal nicht, mal die Sterne glänzten, mal ein schmaler oder vollerer Mond, auf der die Bäume Blüten und Früchte trugen und kahle Zweige im Wechsel mit Blüte und Frucht. Nur die Erde blieb sich immer gleich. Der Erde glaubte er – sonst nichts. Und sein Schiff trieb schnell dahin vom Sturm gejagt. Als er an Land gespült wurde nach der rauen Nacht in der ihn schließlich doch noch eine hohe Welle von seinem Kielbaum losgerissen hatte, war ihm das Land fremd wie die Kleidung und Sprache der Menschen, die ihn beim ersten Tageslicht fanden. Es war ein Tag ohne Sonne unter schnell dahin jagenden Wolken. Die Menschen verstand er nicht aber sie nahmen ihn freundlich auf. Ein Tempelbezirk nahe der Küste wurde seine neue Heimat. Die Mönche lehrten ihn mit freundlicher Geduld ihre Gebete und Gesänge, später auch ihre Sprache und alle Gewohnheiten. Als er ihre Sprache zu verstehen begann, wurde ihm allmählich zur Gewissheit, dass sie ihre Gebete an die Sonne richteten „in ihrer Allmacht“, da sie die Sterne ordne und den Mond leuchten lasse oder verschwinden, den kläglichen Gesellen wie es ihr in ihrem Glanze gefiel. Ja, in ihrem Wahn glaubten sie, dass die Sonne die unendliche Erde um sich kreisen lasse in ihrer Kraft und Mächtigkeit, um sich kreisen lasse wie die Kinder ihre Bälle an einer langen Schnur um ihrer Köpfe kreisen ließen; ein lächerlicher Gedanke. Und er sann, wie er sie eines Besseren belehren könnte, sie zum wahren Glauben führen. Und hatte doch nichts als sein Wissen vom wirklichen Sein der Welt. So begann er zunächst leise mit dem Klosterbruder, der ihm am nächsten stand in guter Freundschaft von der Erde zu sprechen. Der hörte ihn erst freundlich an und belehrte ihn dann über seinen „Irrtum“ und sprach zu ihm wie er es eben nicht besser wusste. Da ging er enttäuscht, aber wurde sich erst richtig seiner großen Aufgabe als Botschafter des rechten Glaubens bewusst. So ging er zum Markt, wo viele Menschen kamen und gingen, nicht nur die wenigen ideologisch erstarrten Mönche mit ihrem falschen Glauben an die Sonne, die mal schien und mal nicht und auch die Bitten nicht erhörte . die an sie gerichtet wurden. Zur Erde, das wusste er, brauchte man nicht zu beten, die war in ihrer Kraft immer da und trug einen zuverlässig und nahm die Toten auf zur köstlichen Ruhe in ihrem kühlen Schoß aus dem die Mütter die Menschen zur Erde gleiten ließen wenn die Früchte reif waren und sich schon die Knospen der neuen Blüten zeigten. Und er sprach zu den Menschen von der Erde und deutete ihnen das Wesen aller Dinge aus seinem Wissen und da er fest im Glauben stand sprach er ruhig in guten Bildern, ja, so schön, dass er sich selbst an seiner Rede berauschte und beinahe sang in seinem Eifer. Nicht so die Menschen! Sie hörten erst zwar gutwillig hin, da sie oft denen zuhörten, die sie ermahnten, die Erde nicht zu zerstören durch ihr leichtfertiges Treiben, aber dann trauten sie ihren Ohren kaum als ihnen klar wurde, was der Fremde sagte in seiner seltsam klingenden Sprache über die Rolle von Erde, Sonne und Mond, sie ihres Irrglaubens wegen verwies und den rechten Glauben offenbarte von der Allmacht der Erde über alle Gestirne, die Wolken und die Winde, Pflanzen, Fische, Tiere, Menschen und Vögel. Da verlachten sie ihn mit seiner dummen Begeisterung und als er nicht stille sein wollte mischte sich Ärger ins Gelächter und die Burschen rückten ihm näher und brüllten, er solle still sein, sein Maul halten und sie nicht für dumm verkaufen. Aber er blieb nicht still und duckte sich nicht und sprach, leise zwar aber in der Sicherheit des Wissenden weiter von der Macht der Erde über die Sonne – obwohl sie das besonders erregte. Da griffen sie zur Gewalt, hatten Stöcke von den Marktständen gerissen, Steine aus dem Pflaster, Messerklingen blitzten. Er ließ sich nicht einschüchtern, blieb fest im Glauben, hob aber die Stimme nicht wie sie die Steine. Später wusste keiner, wie es wirklich geschah, wer den Stein geworfen, wer den Stock geschwungen, welche Hand die Klinge gestoßen hatte. Er war tot, geschunden, aus vielen Wunden sickerte sein Blut ins Pflaster als die Menschen zurückwichen – tot, Märtyrer für seinen Glauben an die Kraft und Macht der Erde.

„ Die Amis bringen keinen rauf – weil sie ihn nicht wieder runter brächten; sie können auf dem Mond nicht starten für den Rückflug“ Sie stocherte in ihren sauren Nieren, die man ihr am Frühstücksbüffet auf den Teller geklatscht hatte und grinste Ludlov an „ . . . das muss man jedenfalls aus dem Text schließen, den ich gestern zu übersetzen hatte.“ Er, nachdenklich: „ Nein – da will wohl keiner hin – auf Nimmerwiedersehen. Als Jury sich einundsechzig in´s All schießen ließ, war er dort ja nur „auf Besuch„!“ Er probierte von ihrem Teller: „Meine Bohnen sind wirklich besser.“ Er leckte seinen Löffel ab. „Kennst Du den Unterschied beim Essen? In Frankreich pflegt man die Besteckküche, in Italien die Gabelküche – und bei uns hier in Russland die Löffelküche, alles wird zu Suppe zerkocht, schon zum Frühstück. Du hast es fein, alle Weil in den Westen, das englische „Continental“ – es scheint also, alle Sondierungen hätten ihnen nichts gebracht? Fehlen ihnen tatsächlich noch entscheidende Informationen um die Fähre für den Aufstieg zum Rückflug vom Mond zu bauen?“ Sie stand schon auf, ließ ihre sauren Nieren stehen, „ Ich muss heute noch die Übersetzung der Ansprache an die amerikanische Delegation machen, die ganzen Phrasen klingen auf Englisch noch hohler, na – in Wirklichkeit wollen wir ja auch gar nicht zusammenarbeiten, wohlmöglich zusammen fliegen. Die Ersten wollen wir bleiben im Weltraum und am besten allein! Niemand soll vor uns auf dem Mond sein – niemals!“ Sie trank, schon im Stehen, ihren Tee aus „ . . . kannst Du heut Abend kommen, bitte!“ Sein Lächeln war ihr Antwort genug „ und bring mir von den goldenen Rubeln mit, die bei der Restaurierung der alten Markthalle am Nevsky in einer hohlen Wand gefunden wurden.“ Wie sollte er da wohl dran kommen? Aber vor dem Hotel wurden gerade von einem Lastwagen mit offener Heckklappe Bachararosen – einzeln mit ganz langem Stiel – für fünf Rubel das Stück verkauft; man sagte, es sei ein Holländer der sie aus Equador einfliegen ließ und von den fünf Rubeln, die die blumenverliebten Russen gern zahlten, trotzdem noch zwei verdiente. Später nannte man das „Globalisierung“. Er nahm eine Rose für sie mit. Man hatte ein neues Firmenschild mit englischem Untertitel: „SPACE AND STARS RESEARCH DEP:“ angebracht um den Amis zu imponieren, sehr witzig, Weltläufigkeit! Nicht so witzig fand er, dass man die „Rosenbergstory“ in russischer Übersetzung von einem Lastwaagen direkt aus der Druckerei hier am Nevskyprospekt verschleuderte für fünf Rubel, wie die Rosen; die meisten Bücher mit hohen Auflagen kamen gar nicht erst in die Buchhandlungen; Russen lesen wo sie stehen und sitzen – alles was sie kriegen können.

Ganz anders verlief das Frühstück in L.A. – nicht nur wegen der zwölf Stunden Zeitunterschied zu Leningrad. Kaffee mit Erdbeeraroma hatte er durch die Maschine laufen lassen, hush browns gebräunt und pancake mit Ahornsyrup übergossen – ohne Spiegelei oben drauf! – aber sie wollte das alles auch heute nicht, hockte verschlafen auf der Bettkante, blass und dünn wie die Krankheit sie zugerichtet hatte – und ignorierte sie noch immer: „Ich hab nur keinen Appetit, sonst geht es mir doch ganz gut!“ Er mochte diese Illusion nicht zerstören und sonst war niemand um sie. Als auch ihre Mutter, die den Vater lange überlebt hatte, gestorben war – es war die gleiche Krankheit, die sie jetzt verleugnete – waren sie in diese Gartenwohnung in Beverly Hills gezogen, hatten sich eingeigelt, nachbarschaftliche Freundschaft nicht aufkommen lassen, geträumt. Beim letzten Beben, das .leichte Holzhaus hatte sich vom gemauerten Schornstein des Kamins getrennt, der Fernseher war vom Bord gestürzt, sonst nur Glasbruch! – hatten die Leute von Nebenan befremdet auf sie geschaut, kannten sie nicht und vergaßen sie wieder.

Zur Trauerfeier in der Kapelle des Hospizes war er denn auch allein und blieb allein – bis auf den kleinen Kreis der Kollegen und die Krankenschwester, die sie gepflegt hatte.

Trost in der Religion? Er las viel, fand zwei Geschichten vom Sterben: Die eine spielte in Kusinara in Nordindien. Vor zweitausendfünfhundert Jahren ging ein alter Mann seine letzten Schritte hin zu dem kleinen Dorf Kusinara. Ananda ging mit ihm wie seit Jahren – ein paar Schritte hinter dem Erleuchteten, sonst niemand. Hitze brütete über dem dürren Land, das Wasser faulte in den Tümpeln, mehr war dem Dorf nicht geblieben. Ananda hatte den Rest eines Schälchens Suppe den sie schon des Mittags bekommen hatten, treulich mit sich getragen durch den langen Tag, durch die Hitze. Ein paar Schlückchen genügten meist dem Alten zum Abend. Dieser Suppenrest genügte im doppelten Sinn. Der fiebernde Körper warf sich des Nachts in der Hütte, die man ihnen gewiesen hatte, hin und her. Im ersten Dämmerlicht erkannte Amanda die Zeichen einer Vergiftung auf des Bhudda Gesicht. Der Atem ging schwer und die Kräfte verfielen schnell. Amanda stand, da er nicht zu helfen wusste gegen den nahenden Tod weinend am Türpfosten, allein mit dem Einzigen, denn keiner der anderen Mönche war ihnen auf diesem Weg in seine Heimat gefolgt und IHN kannte man nicht in dem kleinen Dorf. Der Bhudda rief ihn zu sich und sprach: Sei nicht traurig, weine nicht, habe ich Dir nicht gesagt, dass wir uns von allem, was uns lieb und teuer ist trennen müssen, Abschied nehmen, abgeschnitten werden? Du hast Dir damit Gutes getan, mich zu begleiten, Ananda, strenge Dich weiter an und auch Du wirst bald erlöst werden. Und der Budda starb und nur Anada war bei ihm. Ein stiller Tod – der stille Tod des Menschen, dessen Leben und Wort und Beispiel eine Weltreligion begründet hat vor zweitausendfünfhundert Jahren die heute Millionen hilft zu leben.

Und gut fünfhundert Jahre später – so erzählt die zweite Geschichte, starb bei Jerusalem in Kleinasien Jesus von Nazareth, den sie höhnisch “König der Juden“ nannten und hatte doch nie ein Reich in dieser Welt verlangt: ein Todesfall als Höhepunkt eines spektakulären Dramas, auch dies ein religionsstiftender Tod. Wir kennen alle die Details, beginnend mit dem Konflikt der beiden Menschen im Paradies „mit Gott und seinen Heerscharen“, hier allen voran der Engel Gabriel mit seinem Schwert, dem ersten Schwert in dieser Menschengeschichte – und schon bald begannen sich die Zeichen zu mehren die auf den eigentlichen Stiftungsakt der messianischen Religion hinweisen sollten, verdichten sich zu Jesu Lebzeiten (Einritt nach Jerusalem auf einer Eselin etc.) um schließlich in die Ereignisse der letzten Tage, der letzten Stunden einzumünden als die ganze Stadt Jerusalem in Aufruhr ist, der Statthalter Roms eingreifen muss, die Hohepriester, die Soldaten, das Würfelspiel, schließlich der Henker, geißelnd, und nageln IHN an das Kreuz um es hoch aufzurichten auf dem Galgenberg, der Schädelstätte querab zum Osttor Jerusalems. Und, so fahren manche Quellen fort zu berichten, im Augenblick seines Todes verdunkelt sich der Himmel, ein Blitz zuckt, das Universum erzittert. Ein dramatischer Tod auf den sich eine andere, jüngere, Weltreligion beruft, ein Stiftungsakt, ein Todesfall. Er liest und sinnt, gehen ihn die beiden Toten etwas an? Er bleibt allein. Er glaubt, ganz gewiss – aber er weiß nicht, was.

4.

Das war schon lange sein Feld: die Arbeit am Projekt. Ob er, der „Vize“, noch dabei sein würde, wenn die Landung gelang und der erste Mensch vom Mond heil zur Erde zurückgekehrt sein würde? Gerecht wäre es, denn seine Überzeugungskraft hatte das Team immer wieder beflügelt, wenn die Rückschläge sie zu lähmen drohten – hatte aber auch die Präsidenten und seine feindseligen „Berater“ immer wieder „zur Fahne“ gerufen: sie durften weitermachen; das Geld floss in das Projekt – wie lange noch? Er selbst hatte nur noch 14 Monate, dann würde sein Abschied schlagen, geehrt – aber gescheitert, keiner glaubte so fest wie er an die Landung auf dem Mond, die triumphale Rückkehr zur Erde – keiner!

5.

Auf dem Heimweg ging er noch ein paar Schritte zu Fuß, es begann zu regnen. Im Schutz eines Baumes stand schon jemand, der Regen wurde stärker. „Kommen Sie mit, dort ist mein Haus – ins Trockene!“ Als sie in die Diele traten waren doch beide schon nass bis auf die Haut. Sie zögerte nur kurz – „Ziehen wir das nasse Zeug aus, hängen es zum Trocknen, ich lass uns die Wanne ein, dass wir uns aufwärmen.“ hatte er vorgeschlagen – und begann im wohlig warmen Wasser ihre Füße zu massieren und legte sich dann selbst dazu. Nachher ging sie durch die Wohnung, schaute sich alles an, und er schaute sie an. Dieses Ritual hielten sie bei, jedes mal zogen sie sich wortlos aus, gingen herum, schauten sich an, badeten auch wohl wenn´s kühl war, in der warmen Wanne, streichelten sich zärtlich. Irgendwann küsste sie ihn zum Abschied – und kam nicht mehr.

Man sieht es dem Labor und auch dem Rechenzentrum nicht an, ja, noch nicht einmal den flimmernden Filmdurchläufen im abgedunkelten Sitzungsraum, was ihre Nachricht ist. Die Auswertung erst lässt erkennen: gescheitert, gescheitert auch der letzte Versuch die Bodenqualität im Zielgebiet Delta III zuverlässig genug zu bestimmen. Schon damals, bei Boeing, waren ihm, dem Fahrwerksspezialisten, die Darstellungen der Rollwiderstände zum Trauma geworden. Und die Zeit arbeitet gegen sie – und die Russen! Über die besonders schwierigen und unsicheren Wege zu den wohlbehüteten Informationen der Konkurrenz kommen Andeutungen technischer Alternativen: dem schon oft diskutierten gleitenden Vorbeiflug wenige Meter von der Mondoberfläche entfernt. Das soll mit einer „Drohne“ geschehen. Es heißt, Sergej Koroljow, der „Vater des Sputnik“, des guten Gefährten, wie die Russen ihn liebevoll nennen, arbeite selbst mit an dem „Projekt“ der Russen Solche unbemannten steuerbaren „Raketen“ sind auch das Fernziel amerikanischer Entwickler – aber heute noch „sience fiction“ Immerhin hat Koroljow auch acht Jahre gebraucht bis der Sputnik flog nachdem Eisenhower 1953 den Auftrag für die außerirdische Erkundung erteilt hatte und damit dieses Wettrennen in Gang setzte. Wenn die Russen nun wieder als Erste . . . undenkbar, diese Blamage. Es muss auch anders gehen. 7. Oft nimmt er den Heimweg in seinem seltsamen Gang, er bewegt die Beine nur von den Knien abwärts, durch stille, unbeleuchtete Wege wie sie überall in L.A. für die Müllentsorgung und für Gartenlieferungen hinten zwischen den Gärten verlaufen; ein eigenes Wegenetz der Heimlichkeiten. Es liegt ständig die Lichtglocke über der Stadt wie der Dunst – nie sieht man die Stadt selbst von den fernen Höhen, nur den Dunst der sie in der feuchten Niederung verdeckt. Aber immerhin: der Mond ist hier deutlicher und die Sterne leuchtender. Er wird nicht müde ihn anzuschauen, ist es wirklich mehr als eine leuchtende Scheibe, reflektierendes Silber? Kann man dem Blick durch das Teleskop glauben, der alles zu zeigen scheint, alles? So hat er ihn schon als Kind gesehen. Gebannt war er schon immer, wie ihm jetzt scheinen will; Sentimentalität? Und irgendwann hatte er dann auch Jules Verne gelesen.

„Rumpelstilzchen“ oder: Die Jugend eines Astronauten. Er geht wie die Japanerinnen in den Uffizien: sie gehen hinter ihren Füßen her, die sie vom Knie her bewegen während alles Übrige steif bleibt Darum geht er auch nicht mit schwingenden Armen, er greift nicht voraus, er geht immer hinter sich her. Aber er lernte es viel früher als die Anderen am Sandkasten. Seine Mutter sagt immer: Mit einem Jahr konnte er schon laufen! Aber das stimmt nicht. Auch alles andere, was sie ihm aus mütterlichem Stolz andichtet stimmte ganz so nicht – treibt ihn aber in den Ehrgeiz, so zu sein, wie seine Mutter ihn offensichtlich gern gehabt hätte. Der ließ ihn nie wieder los. Immer wieder neue Pläne gab er ihm ein und so oft auch aus Stroh Gold wurde – das Kind wurde nie sein. Frätzchen nannten sie einen Jungen mit leicht aufgestülpten Lippen, der die heilsten Sandkuchen backen konnte. Ihm galt alle Bewunderung, er wollte so sein wie Frätzchen und stülpte wie der die Lippen hoch. Das ging am besten, wenn man brummt wie ein Kieslaster der es nicht aus der Kiesgrube schafft. Und so schob er lebhaft brummend, mal eine Schaltgang einlegend, mal den Motor beinahe abwürgend, mal schnell über ein ebenes Straßenstück rollend seinen roten Kunststofflaster voll feuchtem Sand, hoch und kunstvoll festgeklopft die Rampe empor die sie gemeinsam alle für ihre Autos benutzten um endlich befriedigt auf dem hölzernen Sandkastenrand auszuruhen von dem anstrengenden Brummen. Denn er hatte den Motor nach einem kurzen Zwischengas abgestellt. Nein, all das nicht mehr! Kurz vor dem oberen Ende der Rampe zerfiel diese unter der schweren Last seines überladenen Wagens, die Ladung kam ins Rutschen versank mit der Rampe im Sand; Erde zu Erde, Staub zu Staub. Frätzchen, der ihn inzwischen, wie er meinte, bewunderte und der ihn eben noch zugeschaut, zugehört hatte, lachte ihn aus, die anderen grinsten. Wütend schlug er mit seinem roten Auto auf den kläglichen Rest der zerfallenen Rampe, zutiefst enttäuscht vom Leben. Die anderen vergaßen sein Missgeschick schnell. Ja, Fräzchens Mutter sagte wenig später:“Heut ist´s so feucht willst Du nicht nachmittags zu uns nach Hause kommen zum Spielen?“ Und ob er wollte! Er konnte den Nachmittag kaum erwarten, seine Mutter hatte es gleich erlaubt, zog ihm aber frische Sachen an und weiße Söckchen – Frätzchens Mutter ist immer so gepflegt, war ihr Kommentar. Und er sollte zum ersten Mal den Weg allein gehen. Sie gingen zum Einkaufen immer auf der gleichen Seite der Straße, überquerten an der großen Kreuzung, nahmen die Abkürzung über den Friedhof und kamen kurz vor dem Markt an Frätzchens Haus vorbei – das konnte er auch allein! In seiner Aufregung ging er schon viel zu früh los. Unter seiner großen Kapuze, denn es hatte zu nieseln begonnen, sah man den Knirps kaum der er noch war, wenn nicht die weißen Söckchen darunter hervor geblitzt hätten jedes mal, wenn er, nur vom Knie abwärts die Füße bewegend, einen Fuß vor den anderen setzte. Gut, dass er zeitig losgegangen war, denn auf dem Friedhof war etwas los: Zwei Männer in Regencapes hatten begonnen, eine Grube zu graben, wofür auch immer. Man sah grade noch die Köpfe über den Erdhaufen ragen den sie mit der losen Erde aufgeworfen hatten. Er glänzte vor Nässe! Ja, gut, dass er noch Zeit hatte, vom Weg ab zu den Männern zu gehen, näher heran, um besser zu sehen, was sie dort ausgraben wollten, vorsichtig auf den Erdhügel, hinunter starrend in das Erdinnere. Die Männer standen ihm abgewandt, eine Zigarette sich teilend, rauchten in tiefen Zügen – so gut schmecken Zigaretten nur im Freien (aber das wusste er noch nicht) Da, waren das nicht Knochen unter ihren groben Stiefeln? Noch näher an den Rand, – der glitschige Lehm gab keinen Halt mehr, alles rutschte und mit allem rutschte er, der Erdhaufen, der nasse, hinterher. Die Männer schrien vor Schreck auf, begriffen nichts und erstarrten, als ihnen aus dem losen Boden im Grab ein nasses, lehmverschmiertes Kind mit schreckgeweiteten Augen entgegen starrte. Der rote Lehm ging selbst nach der zweiten Wäsche aus den weißen Söckchen nicht wieder raus – er durfte „nie wieder“ allein raus und aus dem Spielen bei Frätzchen zu Haus wurde nichts, für lange Zeit. Gogo lebte auch bei ihnen. Weil Gogo seine Schwester war obwohl sie beim Gehen mit den Armen schlenkerte und ihr Popo Schlangenlinien beschrieb wenn sie vor ihm und den anderen Jungen herging. Gogo ging immer vor, nicht nur beim Gehen! Und Gogo durfte ALLES! Aber später würde er auch dürfen. Wann war wohl später? Wenn sich sein Traum erfüllte, wenn er einen Hund bekam. „Den bekommst Du erst, wenn Du zwölf wirst, weil Du ihn Seite 13 vorher nicht richtig pflegen kannst.“ So pflegte er erst Schnecken, einmal einen Grashüpfer in einem Weckglas ohne Gummiring, damit er Luft bekam – bis er ihn mit all dem Gras, das er nicht gefressen hatte, aus Versehen aus dem Fenster warf. So „pflegte“ er eine Eidechse ohne Schwanz die ruhig und unerreichbar für ihn auf einer Mauerkante in der Sonne lag. Sie rührte sich nicht, auch als er ihr ein Stückchen Birne hinlegte, von dem Lindes Eidechse doch gefressen hatte, sagte sie jedenfalls. Der Vater belehrte ihn allerdings, dass Eidechsen kein Gemüse und kein Gras sondern nur Kerbtiere essen, da hatte er ihr von seinem Ei angeboten, sie mit dem Stock angestoßen, sie nahm nichts – da hörte er auf sie zu pflegen. So pflegte er auch zwei langbeinige Weberknechte und bot ihnen Fliegen an, die er mit der Fliegenklatsche erschlagen hatte als sie, hilflos, wie Fliegen immer im Herbst werden, auf dem Tisch hin und her gestolpert waren. Als auch die Weberknechte sein Angebot verschmähten obwohl doch die Spinnen extra aufwendige Netze machen, um Fliegen zu fangen die sie dann aussaugen; bei dieser Vorstellung gruselte es ihn auch und so nahm er es den Weberknechten nicht weiter übel – aber er pflegte sie nicht mehr! Schlimmer ging es aus mit der Pflege des Schwalbenjungen, das aus dem Nest gefallen war. Er hob es vorsichtig auf und bettet es in Gogos alten Kinderwagen der noch für die Mützen, Schals und Handschuhe der Kinder an der Garderobe gestanden hatte. Er lieh sich Mutters weißen Seidenschal, der noch im Mutters Mantelärmel steckte um das Kleine darin einzuwickeln. Als er es auswickelte, schlug das kleine Körperchen nicht mehr warm in seiner Handfläche sondern war steif und kalt – keine weitere Pflege half ihm mehr.

Zu den vielen Geschichten des Vaters gehörte auch die von der Verwandlung der Kaulquappen in Frösche die er im Frühling mit einer alten Teekanne voller Teichwasser mit einigen Kaulquappen darin nachprüfte. Obwohl er der Ernährung durch kleine Gaben zerbröselter Cornflakes nachhalf und um die Wärme des Sommers zu ersetzen, es war Anfang Mai nochmal empfindlich kalt geworden, den alten Teepott auf die Heizung setzte, Frösche kamen nicht aus der trüben Brühe bis die Mutter sie weggegossen hatte weil sie angeblich stank. Und so gingen die Jahre mit verschiedenen Zeugnissen seines tierpflegerischen Engagements dahin in denen er mit wechselndem Erfolg – oder eigentlich immer ohne! – weiße Mäuse, Goldhamster, zwei Meerschweinchen und eine Blindschleiche pflegte, man muss leider sagen: zu Tode pflegte. Aber welchem Kind ist es damit wesentlich besser gegangen? So wendete er sich ab von der Zoologie und begann, jede freie Minute zu lesen. Dabei geriet er übrigens auch an ein Buch –ahnungsvoller Engel du – in dem ein Junge wie er zum Mond reist um dem Maikäfer, der ihm sein Leid geklagt hat, das abgeschlagene Beinchen wieder zu holen, welches noch am Beil des Mannes im Mond klebt, der damit so grob zugeschlagen hatte; „Peterchens Mondfahrt“ hieß diese phantastische Geschichte. Er las mit glühenden Ohren von all den Schrecken, die der Held erlebt bis er nach diesem langen Traum wieder in seinem Bettchen erwacht. Endlich wurde er zwölf und sollte den Hund haben – gleich, nach den Sommerferien die sie auf einem Hof verbrachten. Es wurde eine große Enttäuschung: Immer, wenn er mit den beiden Hofhunden, dem altersschwachen Schäferhund und dem temperamentvollen lackbraunen Dackel spielte wurden seine Augen rot und tränten bis er nichts mehr sah – allergisch gegen Hundehaare, sagte der Dorfarzt und bestätigte später der Spezialist in der Stadt Das Aquarium mit den drei teilnahmslos hin und her schwimmenden Goldfischen war kein überzeugender Ersatz. So musste er seine Interessen und seine Schritte – die Füße immer noch nur vom Knie abwärts bewegend – zu neuen Zielen lenken. Dieser Weg führte ihn zum Theater. Da bot sich ihm das Puppentheater, das er selbst mit Gogos Puppen inscenierte, – sie spielt doch nicht mehr damit, sie sitzen immer nur in den gleichen feinen Kleidern auf ihrem Bücherbrett . . . Aber als die Stücke immer dramatischer wurden um die Spannung zu steigern blieben die Schürzchen und Kleidchen, ja sogar ganze Perücken auf der Strecke und Gogo verschloss die kläglichen Reste weinend in ihrem Schrank. Aber vorher hatte sie wirklich nie mehr mit den Puppen gespielt, verteidigte er sich. Dann: auf der Wiese am Pumpenhaus hatte ein kleiner Zirkus aufgebaut. die Zuschauerbänke im Freien hinter Gittern, verhängt mit den leuchtend roten Planen; „Zirkus Montana“ steht in gelben Lettern darauf. Oben aus den Gittern ragen wunderhübsche vergoldete Spitzen ritterlicher Speere An einer dieser Spitzen hängt auch die Tafel mit den Preisen; nein, das haben sie nicht, die drei – denn inzwischen waren auch Frätzchen und sein kleiner Bruder gekommen. Da strömen auch schon die Besucher: Eltern, Tanten, ältere Schwestern führen die Glücklichen an der Hand durch die Sperre, die kleine Arena füllt sich schnell. Unsere Drei starren neidisch auf den Eingang, stochern im nassen Gras der Wiese, gehen schon mal um die Arena herum, um die drei Wohnwagen, in denen die Zirkusleute wohnen, stehen im Schatten als die Scheinwerfer aufleuchten, stehen am Gitter – mit einem Blick haben sie sich vergewissert, dass alle voll von der beginnenden Vorstellung gefangen sind. Frätzchen zieht sich als erster am Gitter hoch, sitzt rittlings oben und reicht dem Kleinsten die Hand und dann ihm. Er fühlt sich angehoben, schweben, weiß nicht wie ihm geschieht, müht sich zappelnd einen Fuß über das Gitter zu schwingen, rutscht ab – und hängt an einer schön verzinkten Speerspitze, die sich in das eine Hosenbein geschoben hat und durch den Hosenboden gestoßen ist, der kleinen Last einen guten Halt gebend. Er schreit laut vor Schreck, alle wenden sich ihm zu, der Beleuchter dreht den Handscheinwerfer auf die klägliche Gruppe – nach kurzer Erstarrung beginnen die ersten zu lachen die den zappelnden Frosch am Gitter erkennen, Applaus brandet auf – aber auch der Zorn des rot befrackten Direktors; und aus dem Zirkusbesuch wird für diesmal nichts. Aber das Kino! Die Mutter meint: Habt ihr nichts Besseres zu tun, üben für die Rechenarbeit? Als er bekennen muss, dass sie die schon gestern zurückbekommen haben – mit Note 5, ist es auch damit erst mal aus. In der Schule wird das Sommerfest vorbereitet, „Märchenstraße“ ist das Thema, zu dem jede Klasse einen Beitrag leisten soll. Auch seine Klasse berät und entscheidet sich für eine Aufführung; das „Rumpelstilzchen“ soll es werden – und er die Hauptrolle spielen weil er einen so seltsamen Gang habe, sagen die Kinder und lachen. Frätzchen wird den König spielen und Lisa die Prinzessin. Für alle gibt es Rollen, für alle Kostüme und viele Proben. Schließlich findet der Lehrer auch einen Weg, das endliche Zerreißen des Titelhelden darzustellen: nachdem er mit einem Fuß tief im Bühnenboden versunken ist – dazu musste er nur kräftig auf das mit Papier verdeckte Loch treten – riss er sich ein Bein aus Pappe aus und die Bühne versank im Dunklen ehe das Publikum genau hinsehen konnte! So kam der große Tag schnell heran und die Spannung stieg bei allen Beteiligten, seine am stärksten. Am Vortag dann die Generalprobe, mit Kostümen, mit Kulissen, mit Lichtspiel und Musik. Voll Eifer strebten alle auf die Bühne. Nachdem es gut geklappt hatte mit allen Einsätzen bis zum furiosen Schluss die Prinzessin seinen Namen sagt: „Heißest Du etwa Rumpelstilzchen“ und ihm damit das goldlockige Kind verloren geht: „Heut back ich, morgen brau ich, übermorgen hol ich der Königin Kind“ Sie hatte ihn belauscht bei seinem Gesang: „Ach wie gut, dass niemand weiß, das ich Rumpelstilzchen heiß!“ Er stampfte auf mit aller Kraft – aber im Gedränge des Schlussbildes am falschen Platz – brach wimmernd mit verstauchtem Knöchel zusammen. Mit dick verbundenem Fuß an zwei Krücken humpelnd musste er zusehen wie sein Stück gespielt wurde, seine Rolle von einem anderen improvisiert, der Beifall galt nicht ihm, dem wahren Rumpelstilzchen. Er brauchte lange sich von dieser Enttäuschung zu erholen. Sein Onkel wollte ihn trösten: Ich geh mit Dir noch bevor ich abreise mit meinem Nachtglas auf den Aussichtsturm im Stadtwald und zeige Dir die Sterne und den Mond – hoffentlich haben wir eine klare Nacht. Sie hatten nicht, es zogen dunkle Wolken auf am Nachmittag, es regnete am Abend – er konnte sie nicht sehen, die Sterne und den Mond . . . Erst Jahre später bei einem Besuch der Klasse im Planetarium sah er durchs Teleskop den Mond, die Krater, die Schatten der Berge?! Soviel aus der Kindheit eines Astronauten – dem nichts glücken wollte.

„Einführung in das Projekt“ Die Neuen hatten ein hartes Trainingsprogramm – wie er selbst es früher auch durch gestanden hatte – und viel Theorie, für alle Fälle, alles, beinahe alles fing mit Astro . . . an und hörte mit Mathematik auf. Aber hin und wieder kam man auf das Projekt selbst zu sprechen. Und dazu waren die Gespräche mit dem „Vize“ eingerichtet. Statt der Schulsteifigkeit der Theoriestunden die legere Arbeitsatmosphäre des Führungszirkels, die Freundschaft zwischen John und Neil. Wie waren sie dabei wohl auf die Tiere gekommen? Sicher hatte die beiden wohl schon als Kinder das gelockt was später ihr „ Interesse für die Naturwissenschaften“ heißen sollte. Hatten nicht Neils Jugendzeit Hunde begleitet, zum Entsetzen der Tante das Bett geteilt? Anders als Johns Schildkröten hatten sie seine Liebe auch erwidert. Und sie sprachen sicher von dem ersten irdischen Lebewesen im All: der kleinen Laika, die am 3.Novembert 1957 mit einem Sputnik in das Weltall geschossen worden war und einige Stunden nach dem Start an Überhitzung starb – ein Hundchen allein. Über die Tiere fanden sich die beiden –über das Projekt und über den erwarteten Sieg – aber sie ahnten nicht, wie einer durch den anderen siegen sollte – später. Armstrong war ja nur einer von vielen jungen Astronauten.

10.

Wann? An SIE denken hat mit dem Träumen gemeinsam, dass so viele und so verschiedene Eindrücke, Begegnungen, Bewegungen flüchtig auftauchen, sich, oft schmerzhaft, zur Sehnsucht verdichten, wieder verflüchtigen, den Geliebten Liebenden langsam hochschaukeln mit, sie weiß schon was für Folgen und immer neuen Bildern, allein, zu zweit, zu dritt, „allein zu zwein“. Wiesen auf denen sie nach dem Baden läuft, Steine zwischen denen sie liegt, Sonne auf ihrer Haut – dann wieder die freche Oberlippe, das freche Büschelchen krauses Haar . . . Vieles, vieles mehr, wie in den Träumen und das immer wieder als Gedicht: Mir träumt die ferne Geliebte Wolkenspiegel auf weichen Wellen Zitternd Mir träumt das Haar der Geliebten krauser Busch zur Glätte geschliffenen Granits Zitternd.

Auf dem Rückflug von Washington zogen sie Bilanz: Die Geduld des Präsidenten war erschöpft; sie hatten ihn noch nie so erlebt, kalt und abweisend hatte er und ungeduldig ihre Erklärungen angehört; ohne jegliches Interesse für die technischen Details, die sie aber doch daran hinderten den ersten Menschen zum Mond zu bringen – und zurück! zurück! zurück! Oder nicht zurück? Die Idee schlug bei den beiden ein, wie ein Blitz: Das war die Lösung, einer geht, schaut und bleibt. So, nur so können sie das Projekt zu Ende führen ehe die Ungeduld des Präsidenten . . . , ehe die Russen . . . , ehe sein Ruhestand für ihn selbst das Ende des Projektes . . . Jetzt! Und ohne nachzudenken wusste er: das war sein Ding!

12.

Eine Alternative: Bedaure! Sagte der Mühlstein zur kleinen schwarzen Olive und zerquetscht sie zu mauvefarbenem Brei. Bedaure! Sagte der Älteste zum Jüngsten, als er ihm den Weg abschnitt um mit seinem Schwung die Piste zu erreichen, die in´s Tal führte, der Jüngste aber, abgedrängt in eine Schneewehe, musste sich mit frierenden Fingern heraus graben, noch froh, dass kein Ski auf Nimmerwiedersehen verschwunden war – und nahm ihm auch in forschem Schwung die Braut, die Junge. Da sie auf ihn hereinfiel war sie sicher die Tränen nicht wert, die der Jüngste um sie weinte – auch wenn die Braut den Hof erbte auf dem der Älteste als ihr Gatte später dickbräsig den Bauern gab obwohl er die Feldarbeit nicht liebte und nicht das Vieh. Den Hof übertrug sie ihm nicht. Aber um den Hof hatte auch der Verlassene nicht geweint. Nach seiner Enttäuschung auf dem Weg der Liebe strebte er in die Weite der Gedanken und Gefühle religiöser Irrwelten. Schnell fand er heraus, dass es deren viele hat. Da ging er nach Berlin, verdingte sich als Nachtwächter beim Berliner Bankverein und schlug sein Quartier im Lesesaal der Staatsbibliothek auf, der ihn schon im Rohbau bei einer Baustellenbesichtigung zu der ihn ein Freund mitnahm, als weitschwingender Raum zutiefst bewegt hatte – und las.

Der Mittlere von den drei Brüdern: Ein Junge hatte ihn gefesselt, als er zwischen Schule und Leben ein Jahr in die „Psychiatrische“ gegangen war, zu helfen. Da der Junge dort bleiben musste, blieb er auch und wurde glücklich. Die Menschen, die dort lebten, hielten diesen Pfleger für einen der ihren, öffneten sich ihm unbeschwert und ließen ihn teilhaben am Reichtum ihrer Empfindungen und ihrer Erfindungen – denn viele wechselten Rolle und Schicksal mehrmals im Jahr, nahmen sich die Freiheit, ihre Fiktionen zu ändern, wenn neue Abenteuer sie lockten. Sie ließen ihn daran teilhaben aber beschwerten ihn damit nicht.

Es folgten Jahre mit Regen im Juli und Sonne im August, guten Ernten, reichen Erträgen. Der „Bauer“ drängte darauf, einen Knecht ein zu stellen. Der Knecht war vom Fach, war jung und schön. Da sagte die Frau:“Bedaure!“ und ging zum Knecht. Ich will Dir Lohn geben, wenn Du gehst! – Da ging er: reicher, als er es verdient hatte aber ärmer als erhofft. Das Lesen wurde dem Jüngsten einmal leid, wer hätte etwas anderes erwartet? Klarheit brachte es ihm nicht – aber er fand sie anderswo, in einer Brandweinbrennerei. Als er Berlin auf´s Geradewohl verließ, führte sein Weg ihn schließlich nach S. mit seinen berühmten Brennereien –und dort in eine Probierstube. Hier stand, sauber handschriftlich etikettiert, alles zusammen: Er hatte es schon am Wege gesehen – leuchtend goldene Kornfelder, dunkles Kartoffelkraut, staubüberfangene Zwetschen, rote Himbeeren, grüne Äpfel und Birnen, gelbe Quitten; verschieden wie die Religionen rund um den Erdball. Aber ob Korn oder Kartoffeln, Äpfel oder Quitten, alles wurde, wenn es reif war, in´s Brennhaus gebracht. Und er stand nun vor den handschriftlich etikettierten dickbauchigen Flaschen, vor den versammelten Essenzen, sie zu probieren. So verschieden Kartoffeln und Himbeeren sind, gebrannt und destilliert unterscheidet sie nur noch ein bisschen Duft, ein zartes Aroma auf der Zunge. Aber allen ist gemeinsam die wärmende Kraft des Alkohols, der Schwips – und der Kater. Die Arme auf den Holztisch gestützt ließ er die Bilder seiner Wanderungen und die Bilder der Religionen an sich vorüber ziehen – und als Essenz allen Gelesenen und Erfahrenen stand die Demut vor ihm, die den Grund aller Predigten, den Gegenstand aller Gebete bildet. Vor ihr, fand er, sind alle Religionen gleich bis auf den zarten Duft ihrer Legenden, das Aroma ihres Weihrauchs.

Als er frohen Mutes, sich dieser so gewonnenen Klarheit freuend und sonst ganz ohne Wunsch, weiterzog, holte er schnell den lahmen Wanderer ein, der vor ihm ging – seinen ältesten Bruder und hatten auch das gleiche Ziel.

Als der Junge gestorben war blieb der Pfleger doch in „seinem“ Heim – aber einsam zwischen den vielen, die ihm anvertraut waren – bis eines Abends, als er zum Luft holen vor die Tür getreten war, seine Brüder vor ihm standen, in eine leere Kammer zogen und ihm zur Freude blieben. Die drei Brüder lebten dort, wartend – bis der Tod sie holte. Dieses Warten auf das Ende war auch seine Alternative.

Bottrop im Jahre 1903; da war der spätere Mondfahrer geboren worden, hatte seine Kindheit verbracht – wir hörten davon – und war im Schatten der Fördertürme unter den rußschweren nassen Wolken die der ständige Westwind über das Land an der Emscher trieb in die Schule gegangen – ein Krieg kam und ging und die Franzosen – hatte sich, naturwissenschaftlich und technisch interessiert und bergbauinfiziert an der Bergbauakademie in Clausthal eingeschrieben und diese nach glänzend bestandenem Examen als Bergbauingenieur verlassen – das war im Jahre 1925. Inflation, Stellenabbau, Arbeitslosigkeit – dann lieber den großen Sprung, die Staaten. Wie auch immer der Anfang war. Aber als er sich bis Pittsburgh durchgeschlagen hatte, siegte das deutsche Examen über die konkurrierenden Bewerber – vielleicht, weil der Personalchef ein Einwanderer aus Essen-Kupferdreh war – er bekam den Job und fünf Jahre später auch die amerikanische Staatsangehörigkeit. Aus dem Bottroper Hänschen war John geworden. Er war in eine Wirtschaftswelt eingetreten in der Fortschritt am schnellsten durch Wechsel erreicht wurde und er wechselte oft und schritt fort bis er – den zweiten Krieg seines Lebens als unabkömmlich in der Kriegswirtschaft beschäftigt nur von Ferne erlebend – bei Boeing als Fahrwerksspezialist seine Lebensstellung gefunden hatte. Eine „Lebensstellung“ als Ehemann hatte er schon früher, im heißen Texas mit der Erdölförderung befasst, bei seiner ersten festen Freundin Ann gefunden. Sie liebten sich aber Kinder hatten sie nicht bekommen – waren miteinander herumgezogen, waren miteinander glücklich.

Lebensstellung? Es kam anders: Mit dem Beschluss Eisenhauers im Jahre 1953 in Vorbereitung des ersten internationalen geophysikalischen Jahres, das für die Jahre 57/58 ausgerufen worden war, Raketen und Satelliten zur Erkundung der Erdatmosphäre zu bauen, war eine neue Entwicklung und Forschung als Aufgabe gestellt worden, die Spezialisten vieler Fachrichtungen zusammenführte, die meist nie vorher daran gedacht hatten, sich mit Problemen der Raumfahrt zu beschäftigen. So warben sie auch ihn an, den Fahrwerksspezialisten bei Boeing. Von Anfang an dabei war er schließlich zum zweiten Mann im Projekt aufgestiegen – war nun die Seele des Kampfes um den Mond.

14.

Ja, das war sein Ding. Mit dem Entschluss allein war es nicht getan, nein, erst mussten die Anderen, die Berater und der Präsident selbst überzeugt werden – sein Diktum: Ja, aber streng geheim, für immer! Er würde also der Erste sein auf dem Mond – aber niemand würde es wissen, niemals. Wir wollen dem Leser die Protokolle über die Zeit der Vorbereitung, wie sie jetzt zur Auswertung zur Verfügung stehen soweit sie erhalten geblieben sind, ersparen; sie würden leicht ein eigenes Buch füllen. Und über seine Gefühle und Gedanken in dieser Zeit hat John nichts hinterlassen Mit den freigegebenen Akten liegt aber der Bericht vor, den er in der Druckkamer hinterlassen hat in der er starb. Dort haben Neil Armstrong und Buzz Aldrin ihn gefunden und zur Erde gebracht. Seinen Freund John ließ Neil dort.

„A b s c h l u s s b e r i c h t Heute ist bei Euch der 10.12.1967 Mein Pflichtenheft umfasst die Führung eines Tagebuches – aber es gibt nicht Tag noch Nacht, nur gleißendes, blendendes, kaltes Licht. Die Sonne ist erbarmungslos, durch keinen Dunst gefiltert: keine „Tage“, kein Tagebuch! Abschlussbericht? Ja, ich will den Abschluss. Mit einem kräftigen Biss will ich die Kapsel zerstören – mich. Meine Mission ist erfüllt, die Erde dreht sich unerreichbar fern, mir so fern wie Euch der Mond über dem Waldrand. Ich hab es so gewollt – ich will es so! Nach dem Tod meiner geliebten Ann blieb mir nur ein einsames Altern – oder dieses wunderbare tödliche Abenteuer. Ich denke oft an die, die wie ich freiwillig in den Tod gegangen sind, die glaubten, damit etwas Gutes zu tun, wie ich. Die bittere Wahrheit ist, man kann vom Glauben nicht auf die Wahrheit des Geglaubten schließen, nicht beim eigenen Glauben, nicht bei dem der Anderen – auch nicht wenn einer dafür in den Tod geht, – wie ich. Ja, Amerika kann nun hoffentlich das Erste sein hier oben, ein Amerikaner wird sagen: „Ich war auf dem Mond und bin zurückgekehrt.“ Man wird stolz darauf sein, sehr stolz – aber zu welchem Ende? Wird mein Opfer Gutes wirken? Eine deutsche Ballade, die ich in der Schule lernte, endet mit den Worten:“ . . . kieloben treibt das Boot zu Lande und sicher fährt die Brigg vorbei!“ Kann ich durch meinen Tod dazu beitragen, die Brigg zu retten? Ich muss auf die Giftkapsel beißen, ehe mich die Kraft verlässt. Ich will es noch wollen können. Seite 25. Den technischen Ablauf während dieser Stunden hier auf dem Mond habe ich berichtet und die Beobachtungen, die Daten, die Fakten, um derentwillen ich hier bin, zur Erde gefunkt als es noch möglich war und ich habe Eure Antwort empfangen. Mit diesen Informationen kann jetzt der „erste“ Besuch eines Menschen mit der Chance zur Rückkehr vorbereitet werden. Ob es mein Freund Neil sein wird? Ich wünsche es ihm! Meine Arbeit im Schatten der Landefähre gelang trotz der Behinderung durch den Raumanzug und den Helm gut – beides konnte ich nur zu kurzer Rast in der Druckkammer der Fähre ablegen – und es gab keine unerwarteten Zwischenfälle. Es ist geschafft, die Übertragung zur Erde ist abgeschlossen. Die Verbindung ist abgebrochen, ich kann nicht mehr senden noch empfangen; ich bin alleine. So muss ich diesen Bericht auf Band sprechen. Sie werden ihn finden, wenn sie kommen. – wenn sie je kommen. Gefühle, Empfindungen? Ein Rausch? Nein, eine kühle Klarheit ist es, die ich hier erlebe, die mich erfüllt seit ich den Schockzustand des Raketenstarts hinter mir gelassen habe – eine Klarheit, die dem Ton h entspricht , auf einer ewigen Orgel gespielt in dieser tonlosen Erdenferne der blaue Planet ein Gestirn kein Sauerstoff mehr der Knopf . . . „

Scherzo: Noch einmal baden, den Staub der Erde . . . Solch ein Bad war ihm noch nicht untergekommen. Es blinkte von allen Seiten und über ihm: Rohre, Griffe, Halter, Brauseköpfe – später würde man es wellness nennen und Spa – der Weltraumingenieur zögerte, wo beginnen, wie agieren? Ein erster Versuch: eisiges Wasser traf ihn im Rücken, dann, von oben tröpfelt Warmes, nur Mut, dieser Hahn müsste doch zu jener Dusche gehören? Beinah hätte er sich verbrüht, zurück. In Kniehöhe hat er Erfolg, er kniet davor aber der warme Strom versiegt – was nun mit den eingeschäumten Haaren? Ein weiterer Griff, harte, nun wieder kalte kräftige Wasserstrahlen von allen Seiten, er zieht an der Schnur mit dem Ring: endlich hüllt ihn eine volle warme Dusche wohlig ein – der Staub der Erde . . .

Am 29.7.1969 fand Neil Armstrong das Band im Gerät auf Johns Schoß in der Druckkammer der Fähre und brachte es mit zur Erde. Der erste Mensch auf dem Mond blieb dort, erstarrt wie im Moment seines Todes in der ewigen Eiseskälte – über dem Waldrand aufsteigend als silberne Scheibe, untergehend im Morgennebel der Zukunft. Am 29.7.2009, vierzig Jahre später, wurde der Bericht mit allen anderen Zeugnissen des Projektes von der Regierung freigegeben ohne das Gebot des damaligen Präsidenten zu respektieren. So wurde doch noch bekannt, dass dem triumphalen Sieg ein stilles Opfer voran gegangen war.

Der Mann hieß Hans Portmann und nannte sich in Amerika John. Ehre seinem Andenken.

E p i l o g

Tief im Süden oder hoch im Norden; wissen wir, wo es ist: das Tal – groß wie eine Welt – in dem die Sonne nicht aufgeht und in das der Mond nicht schaut. Dort . . . Das dunkle Blau wurde heller vom Rand ihrer Welt bis zum Zenit, die dunkelste Farbe ein mattes Gelbgrün, Bäume mit dem schimmernden Glanz frisch gestochener Spargelstangen, weiche Konturen ohne Schatten. Der scharfgeschnittene Rand der Welt hatte sich tief eingeprägt in alle ihre Sinne, das erste Ahnen des beginnenden Einatmens eines neuen Tages, sanfte Linien ohne Innehalten des Fließens ansteigender Helligkeit zum Leuchten im Höhepunkt dieser und jeder vergangenen und jeder noch zu erwartenden Welle von Licht – ihrem Atem, und dann wieder die langsame Verdunkelung ihrer Welt bis zum blassen Licht der Sterne – manchmal Sterne, manchmal nicht. Grenze ihrer Welt jenseits des schroffen Anstiegs scharf geschnittene Kerben und sanfte Kurven wie die Rundungen der Mädchen, sanfte Wellen wie die Lenden der Jungen und so im Wechsel. Die Melodie über dem gleichmäßigen Atem aus heller werdenden und sich verdunkelnden Stunden bot das sich ständig verändernde Spiel der Wolken, der blassen Dünste, der Blautöne und rosa und gelben Nebel, der grauen Gebirge aus denen krachende Donner und leuchtende Blitze fuhren, Regen prasselte oder nieselnd auf die blass gelbliche Erde sank und um die Bäume in ihrem spargelfarbenem Schimmer waberte. Der Alte wachte bei der Gebärenden wenn der Donner grollte und Wetterleuchten zuckte. So hatte er gewacht bei Vielen seit sein Lehrer ausgeatmet hatte und dem Wechsel von Hell und Dunkel nicht mehr folgen konnte, in die Helligkeit getragen von starken Armen am jene schroffe Stelle im weiten Rund ihres Weltrandes hinter dem die große Helligkeit loderte, alles verbrennend. Die Arme hatten ihn über den Rand gestoßen, die Augen folgten ihm nicht. Er erwartete das Kind, das ein Blitz im Herniederfahren zur Welt bringen würde aus dem Schoß einer Frau, die in freudigem Schrei aus der Tiefe ihres Leibes den Sehenden entlassen würde, der ihm nachfolgen sollte, wenn starke Arme auch ihn über den Weltrand stoßen würden ohne das die Totenträger jemals ihre Augen der Helligkeit jenseits ihrer Welt öffnen würden. Die Mutter ging dann mit dem Neugeborenen zu ihm und wartete den beiden auf bis auch ihre Zeit gekommen war. Der erste Blick der Kinderaugen folgte schon dem Zug der Wolken und es lernte seinen Atem an den Weltatem von Morgen und Abend zu binden bis sein Einatmen und Ausatmen so lange dauerte wie der Wechsel von Hell und Dunkel dauert. Mit solch langem Atem kann man nicht sprechen und so teilten sich die, die den Zug der Wolken deuten konnten, in Bildern mit. Irden sind ihre Farbe, leuchtend weiß der Kalk, ocker oder rot, braun und grau. Sie kennen das Schwarz des Graphits und des Erdpechs, des klebrigen, ja, den blauen Glanz gemahlenen Schiefers, Lapislazuli kennen sie nicht. Wasser stürzt vom Rand ihrer Welt, Wasser stürzt seit alter Zeit in Schluchten und schleift die Wände glatt – Malgrund für das Bild. In unzähligen Schichten legen sie Bild über Bild der Ordnung des Lebens bis neue Lebensordnungen zu neuen Bildern werden im ständigen Wechsel zwischen Hell und Dunkel. Der Seher geht umher und sieht sich die Weltbewohner an: atmende wie seine Mutter, für die er seine Bilder über die älteren Schichten malt, hechelnde, japsende, fauchende, fliegend, laufend, krabbelnd und auch alles was ohne Atem lebt, schwimmend im Wasser der Seen, kriechend in der Erde. Dazu die Pflanzen, die am System des Atmens teilhaben, sich öffnen und schließen und auch jene, deren Atem so langsam geht, dass die Zeit des Beobachters nicht ausreicht, den Rhythmus dieses Atmens zu bestimmen. Aber ihre Blüten geben der Seele Nahrung und die Blüten, die ihnen reifen, dem Leibe, ihre Wurzeln und Knollen stärken und heilen, ihre Rinde labt die Kranken. So malt er es in seinen Bildern und so nutzen es die schnell und die langsam atmenden. Die Bilder helfen auch denen, die sie nicht zu lesen vermögen. Aber alle verstehen die Blumen. Da das Atmen ihr Leben ist, das Öffnen und Schließen, ist die Blume das göttliche Bild das sie anbeten. Wie die Brust vom Atem anschwillt, schwillt ihre Knospe unaufhaltsam, öffnet schmale Spalten, lässt hauchdünne farbige Häutchen sich entfalten um, ohne die Wende zu signalisieren, wieder zurück sich zu bilden bis zu der weichen Form der Frucht ausatmend, einer neuen Blüte Raum zu geben: göttliches Bild des Lebens in dem Tal weit weg am Rand der Erde in dem man die Sonne und den Mond nicht sehen kann, weil sie so hoch nicht steigen. Von den Bewohnern dieses Tales ist bis heute niemand aufgebrochen um über den Rand seiner Welt zu schauen – noch gar, auf einen Mond zu fliegen. Sie lieben die Erde so wie sie ist und die Sterne in der Nacht in ihrem goldenen Glanz, die ihnen Symbol sind für das ewige Werden und Vergehen, für das Hell und Dunkel – jede Nacht, jeden Tag.

   

Rom Empfehlungen

Rom   –   Empfehlungen zum Besuch einer unerschöpflichen Stadt

Am Ponte Milvio entschied der Sieg in einer Bruderschlacht über den Charakter, den diese Stadt für Jahrtausende angenommen hat: Constantin, römischer Kaiser wie viele vor und nach ihm, hatte – dem Rat seiner Mutter folgend oder einem Traum –   Banner mit dem Kreuz vorantragen lassen – der Sieg war sein. So wurde er „Christ“ und mit ihm automatisch „sein Volk“: das römische Reich mit allen die darin lebten – einschließlich Rom selbst.

(Ende der Christenverfolgung: 311 durch Edikt des Galerius, Christentum als Staatsreligion: 380 durch Theodosius.)

Die, die das Kreuz zum „Feldzeichen“ und dann zum „Logo“ der „Kirche Christi“ machten haben die Stadt am Tiber auf ihren „sieben Hügeln“, mit ihren Tempeln, Thermen und Theatern, die man noch heute durch die (Triumpf-) Tore in den alten Mauern betritt, zu ihrem Ort gemacht, einem Ort, an dem „einige Häuser zwischen den Kirchen“ stehen – nicht umgekehrt, wie anderswo. Aber es lohnt sich, in jede hineinzuschauen, wenn sie grad offen ist Ständig geöffnet sind nämlich nur einige Großkirchen – aber was wäre Rom ohne die vielen anderen? Das heißt: Du musst auf jeden Fall viele Wege gehen in Rom!

Wo beginnen?

Fange doch dort an, wo der Übergang vom vorchristlichen zum christlichen Bauen   am direktesten nach zu vollziehen ist, etwa zwischen dem Kolloseum und dem Tiber rund um das lang gestreckteGrün des „ CIRCUS MAXIMUS“ . Wenn Du am VESTATEMPELund dem benachbarten Tempel der FORTUNA VIRILIS“ noch einmal die klassischen Formen des hellenistischen Bauideals aufgenommen hast, steige hinauf zu SANTA SABINA um die räumlich schönste der frühen Kirchen zu sehen – und vergiss nicht die Türen mit ihren Reliefarbeiten – man braucht beides: den Raum und die Reliefs als Masstab für das Kommende: den Weg wieder hinab zu ST. MARIA IN COSMEDIN, wieder hinauf zu ST. SABA, wieder hinunter an den gewaltigen Ruinen der Thermen des Caracalla vorbei zu ST. MARIA IN DOMENICA und ST. STEFANO ROTONDO – durch die Via Celiemontana zu ST. CLEMENTE (mit der Kapelle an deren Ausschmückung Massacio mitwirkte) und der geheimnisvollen Unterkirche weiter zu PIETRO IN VINCOLO mit Michelangelos “MOSES” und zu ST. MARTIN IN MONTE auf dem Colle Oppium – dem der drei Esquilin-Hügel in dessen Tiefe das „DOMUS AUREA“ des Nero als „Grotte“ entdeckt wurde und Raffael und alle die ihm folgten zu den „Grotesken“ anregte.

Auf dem Weg zurück in´s republikanische und kaiserliche Rom, auf Wanderungen zwischen den zerbrochenen Tempeln des FORUM ROMANUM und des PALATIN kannst Du noch S.MARIA ANTIQUA aufnehmen. Während diesen Kirchen noch in wesentlichen Teilen ihre ursprüngliche Gestalt des Raumes und vieler Details erhalten blieb, sind in den meisten anderen bis in´s 11.Jahrhundert errichteten die späteren Änderungen dominierend und – abgesehen von Einzelheiten, zu denen recht häufig die sehr lebendigen „KOSMATEN“ – Fußböden mit ihren Mosaikbändern und –formen und nicht selten Mosaik, seltener frühe Fresken gehören, in ihnen nicht mehr die „alten Räume“ zu sehen.

Spätestens jetzt musst Du drei weitere Bauten dieser ersten christlichen Bauphase zu sehen versuchen: ST.PRASSEDE mitMosaiken im byzantinischen Stil, ST:AGNESE – weit draußen an der Nomentana und, im gleichen Gelände, das MAUSOLEUM der HL.CONSTANZE – kaum übertrieben sagen manche Romkenner:„Das schönste Gebäude Roms“. Lass Dich überraschen und nimm Dir genug Zeit für diese beiden!!!

Eine dritte Gruppe bilden die Kirchen in Trastevere: ST.CECILIA im Osten und ST.MARIA IN TRASTEVERE im Westen (hier auch hinter der Seitentür links kurz vor der Chorzone zwei kleine kostbar schöne römische Mosaike)     In beiden Kirchen stehen frühe Elemente nicht mehr allein – das lebendige Interesse an ihrem Gebrauch und Repräsentationswünsche der jeweiligen Kirchenherren fanden immer wieder Ort und Gelegenheit zu „Ergänzungen“ – nach unserem Geschmack Störungen. Oberhalb von Trastevere lohnt noch ST.PIETRO IN MANTORIO, eine kleine Renaissancekirche den Besuch – zumal in ihrem Hof das Tempelchen von Bramante lockt. Ganz anders empfanden wir den Besuch der „großen Kirchen“. Die uns in der Regel im Kleide der Renaissance begegnen.

Beginnen wir mit ST.MARIA SUPRA MINERVA – die einzige „gotische“ unter den Kirchen Roms, geadelt darüber hinaus durch Michelangelos „Christus der Erlöser“ und das Grab des Fra Angelico,setzen die Besuche in ST.MARIA MAGGIORE fort, die räumlich noch viel von ihrer früheren Gestalt bewahrt hat. Die Mosaiken im Obergaden des Mittelschiffs sind nur mit Fernglas zu entziffern, die im Portal (Eingang von außen links) sind durch Architekt Fugas neue Fassade stark gestört aber immer noch sehenswert. Das Apsismosaik ist schon eine individuelle künstlerische Arbeit (1295 Torriti) Die Ka-pellen und Altäre, Grabmäler und Dekorationen bilden zusammen ein unerschöpfliches Erlebnisfeld „für jeden Geschmack“ – und für den Gläubigen: die „Gebeine des Mathäus“, fünf Stücke von der Futter-krippe in der Jesus neu geboren lag, ein Bild, das Lukas mit der Hilfe von Engeln vom Herrn gemalt habe.

Wählen wir weiter unseren Weg zu ST.MARIA DEGLI ANGELI die erst im   17./18. Jahrhundert nach hinterlassenen Plänen des Michelangelo in die Thermenruinen des Diokletian hinein gebaut wurde, so begegnet uns eine gewaltige aber untypisch persönliche Raumkonzeption voller Kraft.

Ohne räumlichen Zusammenhang damit solltest Du irgendwann Gelegenheit suchen SAN PAOLO FUORI LA MURA und ST:GIOVANNI IN LATERANO zu besuchen: beides gewaltige Demonstrationen an Raum und baulicher Pracht Ergänzt werden die beiden Kirchen im Falle Paolos durch den großen Vorhof und den reichen Kreuzgang, Mosaiken des 6.Jahrh. , die allerdings sehr gelitten haben, und im Falle Giovannis durch das nahe Baptisterium,einen kräftigen Kreuzgang, Mosaiken aus dem 5.Jahrh,(versetzt und restauriert) und um eine Fülle weiterer kirchengeschichtlich und künstlerisch interessanter Artefakte ergänzt. (u.a.“Scala regia“)Beide gehen im Übrigen auf das 4.Jahrh.zurück – auch wenn man das so nicht sieht. Größer und voller ist dann nur noch ST.PETER himself!

Aber dies war nur erst ein kleiner Teil der Kirchenherrlichkeiten Roms. Viele Kirchen besucht man um besonderer Eigenheiten willen. Einige davon liegen im Westen der alten alten Stadt.

Beginnen wir wieder am Tiber: ST.ELIGIO DEGLI ORIFICIO an der kleinen gleichnamigen Nebenstrasse der Via Giulia gelegen von Raffael als Architekt (die Einzige) –nur Di.bis Fr. zwischen 10.und 12,CHIESA NOVANA und ST:ANDREA DEL VALLE, am Corso Vitt.E. – zwei reine Renaissancewerke voller Ernst, ST.MARIA DELLA PACE westlich Piazza Navona von Pietro de Cortona mit großer Kraft gestaltet mit Kreuzgang von Bramante, ST.AGOSTINOhart nördlich des Platzes mit Bildern von Raffael und Caravaggio, vom gleichen Maler – ein Höhepunkt – die Matheuskapelle in ST.LUIGI DEGLI FRANZISCANI. Ganz am Ende des nahen CORSO liegt ST.MARIA DEL POPOLO am gleichnamigen Platz:Auch hier alte Baustruktur und viele Schätze, darunter zwei Charavaggio, eine Kapelle von Raffael („Perle der Renaissance“).

Am Ende meiner „Führung“ kann ich nur den Rat wiederholen: Gehe in jede offene Kirche, – sind darunter doch noch ST.ANDREA AL QUIRINAL von Bernini, SAN CARLINO von Borromino, ST.MARIA D ARACOELI am oberen Ende der langen Treppe neben dem KAPITOL mit ihren alten Tempeln entnommenen Säulen usw.

Auf frühchristliche Kunst (!!!) in den Katakomben und an ähnlichen Orten will ich hier nicht eingehen, sie werden in allen Blättern breit gewürdigt. Auch die beiden Schwerpunkte: die kaiserlichen Ruinen im weiten Umfeld des Kolosseums auf der einen und den Vatikan-komplex findet jeder Rombesucher breit angeboten. Ein Hinweis zum Vatikan: Die zahlreichen hervorragenden Museen im Vatikan lohnen mindestens zwei Besuche.

Einige weiter Sammlungen sind eines Hinweises wert. Das kleineMUSEO BARRACCO am Corso V.E. zeigt herrlichste Skulpturen: Aus Syrien, Ägypten, Kleinasien und Hellas neben wenigen römischen Stücken. Historisch folgen die Etrusker: ausgebreitet in der VILLA GIULIA – Vieles und darunter viel sehr schönes, z.B. lockere Zeichnungen auf Spiegelrückseiten, sehr freie Kleinplastik, Giacommetti vorwegnehmend, unendlich dann die Menge der Keramik und das alles in einer schönen alten Villenanlage – im Ausbau begriffen.

Der Schwerpunkt der meisten ursprünglich und teilweise auch noch heute privaten Sammlungen liegt auf dem 14. bis 18.Jahrhundert. Die größte Breite und in beiden Fällen dargeboten in edelsten Räumen bieten der PALAZZO DORIA PAMPHILIA und die VILLA BORGHESE. Ich habe viele Bilder notiert- aber es sind zu viele: Geht hin und seht!

Zeugnisse aus römischer Zeit bietet das MUSEO NATIONALE ROMANO in den Resten der Thermen des Diocletian plus Kreuzgang nach Plänen des M.angelo und der als Museum neue PALAZZO MASSIMO am Vorplatz TERMINI mit Arbeiten aus römischer Zeit und hellenisches Erbe:(viele Kopien nach hellenistischen Skulpturen) werden hier vorzüglich ausgestellt – ergänzt durch ein oberstes Geschoss mit wunderbaren Fresken und Mosaiken – u.a. aus der Villa Livia –und Gold usw. im Souterrain.

Einen besonderen Rang nehmen die CAPITOLINISCHEN MUSEENin der Bauanlage die Michelangelo für den Capitolhügel konzipiert hat, ein. Neben Caravaggios Johannes der Täufer findet man hier die berühmten Skulpturen: Sterbender Gallier, Dornauszieher. Venus.

Rühmende Erwähnung verlangt auch die VILLA FARNESINA am Tiberufer in Trastevere mit Grotesken und der Galatea von Raffael.

Weitere Sammlungen 14.bis18./19 J.h. bieten PALAZZO CORSINI,PALAZZO SPADA – mit dem schönen Innenhof! _ und die Galerie in den Prunksälen des Palazzo Colonna – sowie der Ausstellungsbereich im Palazzo ROSPIGLIOSO, den wir nicht gesehen haben( nur 1 Tag im Monat offen) mit Arbeiten Caravaggio, Raffael, Botticelli, Rubens.

Nicht fehlen darf dann noch der Hinweis auf den PALAZZO BARBERINI mit den Treppenhäusern von Bernini und Borromino und dem großen Deckengemälde von Pietro di Cortona und vielenwichtigen Bildern in der Galerie.

Die GALERIA NATIONALE DÁRTE MODERNE hat uns etwas enttäuscht – dieser Komplex wird aber ja wohl jetzt in Zusammenhang mit dem Neubau von Zahah Hadid neu geordnet, SEHR sehenswert!

Etwas mehr als ein Kuriosum ist der Besuch der ENGELSBURG mit dem schönen Blick von dort aus auf Rom – ähnlich schön wie die vier berühmten Aussichtspunkte: PINCIO, VILLA MEDICI, GIANICOLO und der Blick vom Denkmal Vitt.Ema. an der Piazza Venezia

Zum Bummeln empfiehlt sich vor allem der Bereich zwischen PANTHEON und SPANISCHER TREPPE (mit den „Modestrassen“),der PIAZZA CAMPO DI FIORI (Pizza auf die Hand im „FORNO)zum Tiber hin einerseits und zur PIAZZA NAVONA andererseits.

Antiquarische Werkstätten im Strassenzug VIA GIOVANNI VECCHIA und VIA BIANCHI NUOVI, antiquarische Geschäfte in der VIA DEI CORONARI , das untere Trastevere und – – -das ganze restliche Rom. Ich erinnere keine Stadt, die so wenig “tote”Gegenden hat wie die 6 mal 7 km zentrale Fläche von Rom.

Wir fanden jedenfalls nach drei Wochen: Nun müssen wir aber dringend mal in Ruhe nach . . . ROM

Im Hochgebirge

I  M    H  O  C  H  G  E  B  I  R  G  E

Lockere freundlich hellgrau wattende Nebel oder Wolken verdecken minutenweise die brilliante Kontur in schimmerndem Weiß, scharf geschnittene Grate – am benachbarten Gipfel ergänzt um sanfte Hänge: In kristallener Härte steht der Großglockner über schrundigen Felswänden, aufsteigend aus dichtem dunklen Tann unten, tief unten der liebliche Talgrund.

„ Kommen Sie ihm noch näher – Großglockner zum Anfassen! „

werben die Prospekte, „Kommen Sie zum Kaiserstein!“

Zwanzig Kilometer kurvt die Strasse durch die dicht verkrauteten Berghänge, kleine farbintensive Blüten: enzianblau, karmesinrot, ziklamgelb – satt grün in zahllosen Nuancen. Darüber Felswände, niedere Buckel, höhere Spitzen, Waldhänge und immer wieder durch Täler in die ferne blickend: verblauende Kulissen aus „3000endern“mit weißen Spitzen und Graten.

Dann wird es enger: Schroff aufragende graue Putzfassaden stellen sich in den Weg, verstellen die Berge: Autos, einförmig in ihrer Vielfalt der Variationen des immer gleichen Themas, Bergstiefel und Straßenschuhe, Windjacken, Norwegerpullover wechseln sich ab mit Kostümen, Trachten und Versagemänteln aus aller Herren Mode-schöpfer Ateliers.

Wir sind da!

Einladend winkt das freundliche P mit dem Dach darüber: Kostenfrei parken!

Der Zwangsweg führt hinein. Die bekannte enge Spindel, die niedrigen Geschosse: Alles lieblos in schalungsrauhem dunkel nass-grauem beißend riechendem Beton. Enge Stände, ungeduldig drängelnde Fahrer, lautes Argumentieren auf Italienisch, lustige Wortwechsel in „Schwizerdütsch“, betulich wirkende Dialekte der anderen Alpenvölker.

Ein Ausgang ist durch laut röhrende Presslufthämmer versperrt.

Längere Wege führen uns in´s Freie, die Menschen drängeln sich auf Schotterwegen am Machendrahtzaun – unten, die Menschen dort klein wie Ameisen ( Sie hat der spezielle Lift dahin gebracht!) unten der „ längste Gletscher der Ostalpen“: ein graues „Fjell“, leicht gepuder-zuckert, am Rande von Steinen übersäht – grünlich zu uns herauf schimmerndes Wasser sickert in´s Tal , vor allem wohl aus dem weit geöffneten Gletscher“tor“darin die Ameisen verschwinden und wieder auftauchen – Gewimmel.

Uns lockt der „Panoramaweg zum Kaiserstein“ und dem „KaiserJosephHaus“( 15 Minuten). Ein Durchgang im Parkhaus, die gut vier Meter breite Treppe aus Terrazzo mit Gummikanten, fünf Meter tiefe Podeste (lichte Höhe 2.20), Neonröhren, die lieblos betonierten Wände „chamois“ gestrichen. Wir steigen und steigen,treten in einen hoch gelegenen Hinterhof des vielgeschossigen Parkhauses mit dem anschließenden Restaurant und „shopetagen“.

Auf jeder Setzstufe steht hellblau links und rot rechts abgesetzt „Panoramaweg“ und „Kaiserstein“.

Ein geschotterter Trampelpfad führt aus dem Hinterhof am Berg entlang – rechts und links knabbern die Murmeltiere im schütteren    Kraut zwischen grauen Steinbrocken. Uns reizt es nicht mehr zum „Kaiserstein“ zu gelangen.

Der Großglockner und alle anderen höheren Berge sind wolken-verhangen, „Er“ steht  wohl etwas weiter rechts als wir vermuten –

Aber nichts Genaues weiß man nicht.

Der Kaffee war gut, die „Mehlspeisen“ matschig – im Hochgebirge.

 

Dreikirchen am 22.9.2001    

Sonja erzählt

Repro2006 010

Sonja´s Spuren

Vor dem Tor im Sand der breiten staubigen Pad waren sie gut zu erkennen: seine glatten Gummisohlen ohne jedes Profil, der linke Fuß leicht schleppend hinterließ zusätzlich eine kleine Schleifspur – dieselben Abdrücke hatten sie am Haus gefunden und zwischen den Scherben der zerschlagenen Fensterscheibe – aber auf der Pad waren dazu gekommen, vorm Tor verwischt, dann wieder deutlich fortgehend die Fußspuren einer Frau, schmale Ballen, deutlicher Zehen:

waren sie also zu zweit gewesen um einzubrechen auf der nur als Schlafstelle

benutzten Farm; am hellen Vormittag als Timo, der Ovambo der hier ständig lebte und nach dem Rechten sah, seiner Arbeit nachging: schmale Erddämme quer zu den Fahrspuren aufschüttete gegen das Ausspülen der tief eingegrabenen Fahrspuren bei den seltenen aber heftigen Regenfällen – als Timo unterwegs war und die Einbrecher die Farm verlassen wussten hatten sie eine Scheibe eingedrückt, die Fensterflügel geöffnet und mitgeschleppt: das Radio mit einer Lautsprecherbox, Hemden aus dem durchwühlten Schrank, den Fotoapparat und die kleine Henkelkiste mit einigem Essbaren: Corned Beef, Zucker, Reis – keine reiche Beute aber eine schwere Last.

 

Spuren lesen? Ja, von Kind an im Transvaaler Buschveld am Rand der Kalahari und jetzt hier, unterwegs mit den Jägern, auf Pirsch mit den Fotosafaris. Auch neulich, um es der Tochter, die aus dem Windhuker Schülerheim gekommen war zu vermitteln, auf dem Hügel hinter dem Ovikangarevier von dem man meist irgendwo Wild im Schatten unter den Büschen sieht eine ganz frische Gemsbockspur. Der wurde gefolgt, sie bog in den sandigen Boden eines gutfußbreiten Schlotes ein, das Tier war stehen geblieben, weitergegangen – atem-los leise folgten Sonja und die gebannt suchende Tochter: da stand er, keine 100 Fuß entfernt, den Kopf leicht gebeugt, der Schweif schlägt nach den Fliegen – er döst – da knackt doch ein trockenes Zweiglein unter dem vorsichtig nieder-

gesetzten Fuß, – der Kopf fliegt hoch, das drohende Hörnerpaar scheint in der sirrend heißen Luft zu zittern und mit einem Sprung aus dem Stand jagt das erschrockene Tier davon, einige Klippen hört man noch – Stille, Zikaden und kein Laut mehr – kein Tier. Aber überall kreuzen Spuren den Weg.

 

Timo hatte nicht die Spuren gefunden, zuerst, sondern seine Milch vermisst, den vollen Blechtopf – nun lag der Deckel daneben und die Milch war weg. Als er hoch schaute blitzte das zersprungene Glas, als er runter schaute sah er die Spur.

Deutlich war zu lesen das der Milchdieb lange gesichert hatte – hin und her tretend – dann um´s Haus in dem die Weißen schliefen, gegangen war, an einige Fenster heran getreten –  und schließlich, zwischen den Scherben der tiefe Abdruck vom Einstieg. der noch tiefere vom Sprung von der Fensterbank, das Radio abgestellt um die anderen Beutestücke zu schultern – dann die gleich- mäßigen Schritte eines geübten Gehers zum Tor, die kleine Schleifspur, – die Pad nach rechts nehmend, weg! Als, überraschend, Sonja mit dem Jeep zur  Mittagszeit herüber kam war Timo  grad mit seinen Feststellungen fertig. Das Funktelefon mobilisierte Helfer, ein weiterer Wagen, weitere Spurenleser, an Etendero – 7 km entfernt war er vorbei gelaufen; nur die Spuren der Frau bogen dort ein, seltsam, also doch keine Komplizin? Später, auf der steinigen Pad nach Omatjette hörten die Spuren abrupt auf. Hatte ihn jemand mitgenommen? Nachfragen auf weiteren Farmen: Ja, man habe einen gesehen, grad eben erst mit schwerem „Gepäck“, nach Westen gehend. Das nächste Auto hatte ihm einen Lift gegeben  – auf Nimmerwiedersehen in der blauenden Ferne des Damaralandes. Es gab keine Spur mehr.

Anders, als ihnen, Sonja und ihrer Tochter, der Pavian folgte. Sie hatten die Spuren vor sich, irgendwo hier am Revier mussten sie sein – obwohl: es war nichts zu hören von ihnen, auch das aufgeregte Lautwerden eines Sandhuhnes  gab keinen Hinweis und auch nicht die aufsteigende Tonfolge des Pfeifers, das Tackern eines Spechtes. Leise gingen sie den sich zum Hügel hin wendenden Wildwechsel, immer den kleinen und großen Spuren der Affenherde folgend,als sie ein Angstgefühl im Nacken sich umdrehen ließ: Er setzte sich, erschrock- en wie sie, auf sein Hinterteil, brummelte verlegen, so schien es ihnen, keinen Steinwurf entfernt – und war mit einem Satz im Busch verschwunden. War er ihnen gefolgt, war es Zufall, der ihn ihren Weg kreuzen ließ, –  wo waren die anderen? Die Spuren gaben keinen Aufschluss und das weite Buschland lag stimmlos in der Nachmittagssonne bis viel später ein vielstimmiges Vogel- konzert den Sonnenuntergang begleitete. Da waren sie längst zu Hause.

 Und dann war es die Hyäne. Die letzte Stunde vor Sonnenuntergang ist die schönste im afrikanischen Busch. Unter den vielfarbig sich türmenden Wolken in der Regenzeit – unter den altrosa über coellinblauen oder zitronengelben atmosphärischen Farbwechseln in der wolkenlosen „kalten Zeit“ – in dieser Stunde erwacht das Veld, ziehen die Kudus, streunen die „wilden Hunde“ und die Hyänen traben immer der Nase nach – tote Tiere sind ihre Beute, angreifen tun sie nicht.  Aber wer tut das schon hier im Busch außer den Menschen.

Sonja und ihre Tochter hatten nicht angegriffen. Sie wollten zur Quelle an der sich so gut im Dämmerlicht das Wild beobachten ließ – zuerst die Felsentauben dann die Perlhühner, später auch größere Tiere.

Sie gingen hintereinander her, auf der ausgetretenen Spur, so brauchten sie auf die Rothakies nicht zu achten und nicht auf die Steine. Sie gingen und lauschten – und fuhren zusammen als ganz nah der klägliche Jaulgesang der Hyäne sie auf schreckte. Sie erstarrten, horchten, versuchten den dichten Busch mit den Augen zu durchdringen – da, rechts wieder der heisere Laut, in ein Wimmern über- gehend und ein kurzatmiges Japsen. Dann Stille, der Busch liegt still.

Als  sie den Weg zurück gehen sehen sie die eigenen Spuren, beide, den großen Fuß und den schmalen der Tochter. Keine zehn Meter hinter der Stelle, da sie vom Hyänenlaut erschrocken stehen blieben, überlagert die Spur des Tieres ihre eigenen  – deutlich zeichnen sich der Ballen in seiner charakteristischen Herzform und die vier Zehen mit den Krallen im weichen feinen Sand ab – hier hielt sie inne, selbst erschrocken, als sie hinter den Menschen her getrabt war – sprang seitwärts in den Busch – fort.

 Von den Spuren kommt sie wieder auf die Einbrecher – der lustige Fall damals in Windhuk: Als es vom Mittagessen – wie die Meisten fuhr er mittags zum Essen nach Hause – wieder in sein Auto steigen wollte war es weg! Unauffindbar, gestohlen – Oh, dieser Schuft!!!

Nach zehn Tagen stand er wieder da, als wenn nichts gewesen wäre. Ein Brieflein auf dem Fahrersitz: Bitte vielmals um Entschuldigung, unaufschieb- bare Reise, kein Auto, da habe man sich erlaubt . . . Als Dank, bescheidenen Dank, zugegeben, erlaube man sich zwei Kinokarten, interessanter Film heute Abend! Und nichts für ungut. . .

Seine Frau und er nahmen die Einladung an: ein witziger Film über ein Gauner- pärchen mit Überlänge weil alles weitschweifig erzählt wurde. Sie aßen noch ein Eis hinterher (auf eigene Rechnung) und fuhren heim.

Der Schreck war vollkommen: Das Haus war leer geräumt bis auf den altenKleiderschrank. Alles weg; saubere Arbeit – auf Nimmerwiedersehen!

 Als sie auf wuchs: Nicht weit davon liefen die Reviere von den Drakensbergen in´s Meer, ganzjährig führten die meisten Wasser, mindestens eine Folge von Tümpeln und Rinnsalen daran die Frauen ihre Wäsche wuschen, darin die Krokodile. Sie selbst habe sich nie in´s Tiefe getraut. Aber die Waschfrauen lachten, schwatzten und sangen, dachten an nichts Böses, sahen die zwei Augen nicht und den unscheinbaren Buckel mit den zwei Nasenlöchern der näher und näher kam. Ohne Vorwarnung: ein wilder Schlag mit dem Schwanz, drei stürzen in´s Wasser, zwei können sich retten . . . Als das Krokodil von seinem Opfer ablässt wegen des Geschreis, der Schläge auf das Wasser, der Schüsse, die abprallen,  ist es zu spät.

Anders als bei dem Mann, der nur seine Hosen einbüßte und eine schwer heilende Wunde davontrug. Er hatte dem Krokodil, das ihn erwischt hatte die Faust in die enge Kehle gepresst bis es nach Luft schnappen musste – da kam er frei.

Das Krokodil konnte man schließlich erlegen: im Magen fand man die Reste derHose, eindeutig identifiziert.

 So erzählte es uns eines langen Abends auf Hellmuts Terrasse  Sonja,  Wildhüterin auf Okongue.                                

Malen auf Okongue

Repro2006 009

M a l e n   a u f   O k o n g u e

 „Du darfst nie weglaufen!“ wusste mich der neunjährige Sohn  der Wildhüterin Sonja zu belehren als ich vor dem urtümlichen Gebrüll der Pavianherde, die kurz vor meiner Staffelei das Revier kreuzt Reißaus nahm; und ich kehrte reumütig zu dem begonnenen Bild zurück. Die Affen verschwanden im Gebüsch – eine Schleppe von Gebrüll hinter sich lassend. Johanna sagt, sie riefen „Boch-um, boch-um!“ – und wunderte sich, als sie nach Deutschland kam, dass eine Stadt nach diesem Paviansrufe heißt: Bo-chum!                         Die meisten Bilder sind hier im Schatten der Omomborombonga oder der alten Kameldornbäume entstanden – wenige auch auf der alten Veranda des halb verlassenen Gehöftes auf dem früher buntes Leben herrschte. Wir wohnen jetzt in dem kleinen neueren Haus („Hellmut´s Haus) mit seiner bürgerlichen Atmosphäre und der unschätzbaren Dachterrasse unter dem nahen glitzernden Sternenhimmel – das Kreuz des Südens zieht über die Milchstrasse  hin wie der Zeiger der Weltenuhr  – bei jedem Erwachen ein Blick in die Sterne: die Uhr ist weitergegangen bis vor Sonnenaufgang die Venus als „Morgenstern“am blasshellen östlichen Himmel steht  – und im ersten Dämmerlicht Gemsböcke vorüberziehen zur Tränke, Springböcke im Busch  verschwinden.                                                            Viele Wildspuren im Sand der schmalen Pads auf denen ich jogge (früh, bevor es zu heiß wird) , seltener sehe ich die Antilopen selbst, die scheuen – aber einmal, als ich von einer gut tellergrossen Spur hochschaue, guckt die Giraffe auf mich herunter ehe sie wiegenden Schrittes enteilt. Die Nashörner habe ich nie gesehen – vielleicht ganz gut so.                   Ich habe auch zu Füssen des Okongue gemalt. Wir waren mit dem 72er Toyota Offroad dahin gefahren, ich, auf einem Granitblock oben, einen Sonnenschirm an der Staffelei festgebunden, Eberhard  unten im Schatten des Granitblocks, liest mir aus Goethes „Wahlverwandschaften“ vor. Der Berg von der Seite ist „nur“ ein oben spitz zulaufender Haufen Granit; beinah 2000 m über´m Meer erreicht er, gute 400 m davon versuche ich auf meinem Bild  unter zu bringen.

Schon vier mal war ich oben in wechselnder Begleitung – zuletzt mit Johanna in Rekordzeit. Für meinen Eberhard ist dieser Berg, zu dessen Füssen er aufgewachsen ist, der Mittelpunkt seines Lebens – für mich ein Teil von ihm. Aber immer wieder kehren wir zum Malen zurück in die Reviere unter deren gleißend hellem Sand tief unten Wasser läuft, das die uralten Bäume und den Gehölzstreifen versorgt in deren Schatten es auch an den heißesten Tagen kühl ist. Tierspuren kreuzen das Revier, im Schatten der Akazien haben Kudus und Gemsböcke ihre Mistplätze da sie dort die heißen Tage dösend verbringen. Oft schreckt man sie auf wenn man hier geht  oder gar mit dem Offroadwagen diesen hindernisarmen „Weg“ benutzt.   Meine europäische „Palette“ – sie lässt sich nicht so einfach für die afrikanische Landschaft nutzen, für das afrikanische Licht – in diesem Falle des namibischen Hochlandes, –  die klare Luft mit den weiten Horizonten ohne Dunst und ohne Dämmerung in den kurzen Morgen- und Abendstunden. Es braucht seine Zeit bis ich mich „eingemalt“ habe in diese Welt.       Aber auch hier finde ich schließlich „mein“ Thema: Wasser. Schmale Rinnen klaren Wassers noch Tage nachdem das Revier bei starkem Regen „abgekommen“ ist, klare „Tümpel“ (hin und wieder eine Wasserschildkröte darin) unterhalb der Quelle, die über das ganze Jahr aus den Tiefen der Kalkberge rieselt, nach einigen hundert Meter wieder im Kalk versickert. Wasser klar aber braun wie starker Tee in den „Vleys“ – kleinen Seen, die sich in Mulden auf den Granitbänken noch Monate nach dem letzten Regen halten. „Omantangara“ ist der klangvolle Name des größten dieser Vleys auf Okongue. Ich habe dort oft gemalt mit dem Berg im Hintergrund bis das Wild: Antilopen,Wildschweine, Perlhühner, Felsentauben nach Sonnenuntergang zumWasser kamen. 

Neben dem – seltenen – Wasser ist es der beinahe allgegenwärtige Granit, der als Motiv in seinem unerschöpflichen Formenreichtum (durch Äonen der Verwitterung) zu Bildern sich anbietet, oft allerdings zu bizarr, um als Abbild noch glaubwürdig zu sein. Sehr reizvolle Ausflüge führen zu den bemerkenswertesten Granit-formationen wie dem Brandberg, der Spitzkoppe oder dem Erongo.

Und dies sind auch die Schwerpunkte der „Buschmannszeichnungen“.

In Erdfarben mit Eiweißbindung  haben Vor-Bewohner vor – vermutlich – vielen tausend Jahren mit dem bekannten Geschick der eidetischen Menschen sich selbst und ihre Tierwelt an die Wände ihrer Höhlen und der leicht nach vornüber geneigte Granitwände gemalt, zum Teil auch in Relieftechnik eingekerbt. Im Süden Namibias, den wir nicht besucht haben, gibt es Darstellungen in Relieftechnik von weit über 30 000 Jahren Alter.     

Nach vielen Wochen brachte ich eine dicke Rolle bemalter Leinwand mit nach Hause. Vorbereitete Stücke Leinwand hatte ich, immer wieder neue,  provisorisch auf die mitgebrachten Keilrahmen befestigt,  Bilder aus einem fernen Land.