Ägypten

Ägypten – eine Reise nach Luxor – Erlebnisse und Erörterung
Der Reiseverlauf in Stichworten: Nach Flug Rom-Kairo-Luxor Ankunft im Hotel am 16.2.2013 um Mitternacht. Zimmer und Dachterrasse mit Pool und Nilblick – alles einfach und gut. Am 17. Gegen Abend eine Rundfahrt mit der Kalesche, Muhamed und Jimmy, dem lieben Pferdchen Den 18. verbrachten wir im Karnack Tempel, überwältigt von den Steinmassen – und der Kraft der Formungen. Die Fahrt mit dem Schiff am Dienstag nach Dendera dauerte flussabwärts vier Stunden, abends zurück fünf. Busfahrt zum Tempel der HATHOR , Führung in Französisch (das war die kleinste Gruppe!) bis aufs Dach zu den Räumen für Geburtshilfe und andere medizinische Dienste – alles entsprechend „illustriert“. Mittwoch in das Luxor-Museum, ein gut gemachter neuerer Anbau mit wunderbaren Skulpturen und vielem mehr. Erschreckend die beinah fratzenhaft verformten Büsten von Echnaton und den Seinen. Der Donnerstag gehörte dann dem Luxor Tempel – wie noch weitere drei Tage – mit Aquarell- und Zeichenblock. Die Fahrt mit dem Kleinbus zum Komombo Tempel führte etwa 160 km nilaufwärts. Der Tempel ist dem Krokodilgott und Horus, dem Falken, geweiht. Auf dem Rückweg Edfu, Iris + Osiris, Seth . . . Hier sind die Decken teilweise noch erhalten, Bemalungsreste. Sonnabend mit dem Taxi und Führer in das Tal der Könige, zwei der Grabanlagen, der vielen, und nach dem Lunch auf den „westbanks“ der Tempel der Hapscheshut, dessen langgestreckte Form, in drei Ebenen an das Bergmassiv gelehnt, man vom Hotel schon ahnend „sehen“ konnte, nachts angestrahlt. Sonntag und Montag wieder im Luxor Tempel, u.a. hat Natalie „ihren“ vor 25 Jahren schon gemalten Gott wiedergefunden und noch einmal gemalt – es stellte sich heraus, dass sich Alexander so hatte darstellen lassen! Im abendlichen „Souk“ haben wir viel angeschaut, aber nichts gekauft. Dienstag war dann der Habu Tempel dran und ein Blick in das Hotel dort, in dem Natalie und Gilla vor 25 Jahren wohnten und sahen noch zwei Grabanlagen im Tal der Königinnen, nicht aber das Grab von Ramses II Lieblingsfrau, wovon uns der Abschreckungseintrittspreis von „tausenden Dollar“ abhielt. Donnerstag und Freitag waren wir erneut in den Tempeln Luxor und Karnack und danach führte uns zum Abschluss noch eine Fahrt mit der Kalesche durch „Alt Luxor“, d.h. durch Stadtrandgebiete in rechter Armut und ohne jegliche touristische Anmutung, kaum die Hälfte aller Bauten einigermaßen fertiggestellt, viele Neubauruinen.
Das Hotel übrigens, Mittelklassestandard mit üppigem Frühstück und ebensolchem Abendbrot kostete für uns zwei im Doppelzimmer nur €35 pro Tag – und hatte nur 5 bis 10 Gäste
Reiseerlebnisse
Kairo Flughafen: Die junge Frau am Ausgang zum Bus, der uns zum Flugzeug nach Luxor bringen sollte, blieb hartnäckig: Nein, ich sollte im Rollstuhl sitzen bleiben, mit dem man mich – ungebeten aber sehr, sehr hilfreich bei dem riesigen Flughafenkomplex – am Ankunftsflugsteig abgeholt hatte, Nein! Warten Sie. Obwohl doch alle schon zum Flugzeug gingen, Nein, bitte, und dann fuhr ein technisches Mobil vor, die Rückklappe öffnete sich, schob sich zurück, waagerecht, senkte sich, rampte an – nahm den Rollstuhl mit mir darin und Natalie auf, hob sich, schloss sich, rollte über weite Flughafenareale. An unserem Flugzeug angekommen wurde rückwärts angedockt, die Klappe öffnete sich, hob sich bis auf Eingangshöhe: man schob mich in die wartende Maschine – Service auf Arabisch!!! Und in Luxor „international airport“ das gleiche Spiel: Ein Rollstuhl auf der Hubfläche nahm mich im Flugzeug auf und schließlich fuhr mich ein hilfreicher Mann durch alle Stationen der Ankunft bis an das Taxi zum Hotel! Für unseren Rückflug später hatte man den gleichen Service organisiert. So etwas war mir in aller Welt noch nie passiert: Ägypten!!! Anderntags gegen Abend: Wir konnten, mochten dem guten Zureden des netten Herren im bodenlangen „Hemd“ nicht wiederstehen, Ja! Eine kleine Rundfahrt sei recht, und Jimmy zog die Kalesche mit Muhamed am Zügel – freundlich erklärend auf Englisch, durch die lebhaft bevölkerten Straßen. Die Fahrt war hübsch hinter den klappernden Pferdehufen, der Preis nachher für ein knappes Stündchen angemessen. Ein Halt zwischendurch („Jimmy muss ausruhen und fressen/trinken“) gab „zufällig“ Gelegenheit ein „artcentrum“ zu besichtigen, in dem den Besuchern unendliche Mengen von Pyramiden, Sphinxen, Obelisken und all den schönen Sachen in allen Größen aus allen nur denkbaren Materialien „angeboten“ wurden; wenn man die intensiven Verkaufsbemühungen so nüchtern bezeichnen will. Heimgekommen bestand Muhamed darauf, uns am nächsten Morgen zum Karnack Tempel zu bringen – ohne feste Preisabsprache – bestand darauf, uns dort wieder abzuholen, wann . . . also um 4 Uhr (es war etwa 11) Wir ließen uns Zeit im gewaltigen Bezirk mit den massigen Pylonen, Säulen, Balken, Figuren und den unerschöpflichen Geschichten der Pharaonen und Götter an den Wänden: Masse, Masse, Masse! – aber schließlich rollte die Kalesche mit uns zum Hotel zurück – immer noch ohne Preisabsprache; da wollte Muhamed €40 von uns haben, er habe ja den ganzen Tag auf uns gewartet. Wir gaben ihm trotz seines Protestes nur 20 – und fuhren nie wieder mit ihm, so nett Jimmy auch war! Am nächsten Morgen also gingen wir an den wartenden Kaleschen- und Taxifahrern freundlich grüßend vorbei zum „public bus“, dem Transporter mit 8 Sitzen, oft aber 10 Einsitzenden, in den man eben hineinspringt, sein Pfund nach vorne reicht, ggfls Wechselgeld zurückgereicht bekommt und mitfährt bis man wieder aussteigen möchte. Wenn wir ein Ziel nannten, fuhr er immer irgendwann auch dahin, Zufall oder System? Eine dichte Folge dieser „Busse“ fährt durch alle Straßen, haltend wenn jemand am Bordstein wartet oder aussteigen möchte; das Ideal eines ÖPNV! Wo wir schon beim Verkehr sind: In der „Millionenstadt“ Luxor gibt es weder Verkehrszeichen noch Ampeln, aber: alle etwa 100 Meter und vor allen Kreuzungen quert ein flacher Zementbuckel die Fahrbahnen, wer schneller als Schritt fährt, riskiert seine Stoßdämpfer – es fährt keiner schneller darüber! Das reicht!!! – und ersetzt erfolgreich alle übrigen Regeln. Man lebt hier mit allen „Farben“, vom tiefsten Dunkel (kein Mensch ist „schwarz!“) bis zum hellsten „dänisch-blond“ über das eher blässlich wirkende asiatische „gelb“ (was ja alles andere als „gelb“ ist!) Es scheint in dieser Ortsgesellschaft wirklich keinerlei Vorbehalte gegen andere Rassen zu geben. (dafür aber die Vorbehalte des Islam gegen alles . . . . !) Downtown, im Souk (oder war diese mit Tüchern unordentlich überspannte Ladenstraße gar nicht der „Souk“?) Ein warmer Tag (aber nie über 30 Grad) im Luxor Tempel Areal, Natalie hat „ihren“ Alexander gemalt – aber das ist eine andere Geschichte – und die Sphinx Allee, quer, gegen Westen. Die Sphinx war ja die zentrale Figur dieser 14 Tage (obwohl wir nie gehende, jagende, liebende, handelnde S. gesehen haben; sie sitzt immer wie eben S. sitzen, immer!) Jetzt können wir doch mal in den Bazar gehen, gleich nebenan, neben Mc.Donalds heißt das; ein Junge weist uns den Weg. Dort finden sich kaum Dinge des täglichen Bedarfs, nur das allgegenwärtige Angebot an uns, die Touristen: das ganze Programm! Jeder interessierte Seitenblick wird aufmerksam beantwortet, Gespräche eröffnet. Rechts in einer Seitengasse: Tische voll, Regale voll, der Boden voll, alt aussehende Stücke, aufgehäuft, verstaubt, durcheinander wie ausgekippt, gekonnt arrangiert; man glaubt, noch unentdeckte Stücke zu finden, die Versuchung, zu wühlen, eines unter dem andren hervor zu klauben wird immer stärker, angeheizt von der unübersehbaren Fülle der Sächelchen – endlos, endlos. Und dazwischen seriös gedämpft die Auskünfte des/der Verkäufer, Auskünfte über alles, – nur nicht über die Preise! Man soll nur aussuchen, was man haben wolle, dann . . . Schließlich, am Ende der Gasse: “ You want really old things? I have! You want tea? I´ll get some! Come, here!” Durch ein dunkles Lokal, rechts abbiegen, im geschlossenen Gelass blasen ein Mann und ein Junge Luftballons auf. Wir finden rechts Platz auf Kisten, weiß, plünnig, alt: „Take a seat!“ Der Tee kommt in den kleinen Gläschen, die Tür ist zugefallen als sie eine der Kisten aufklappen. Darin setzt sich das Durcheinander fort, fort, fort. Er reicht uns Sphinxe, Anubisse, Hathors, Scherben, große, kleine, winzige, kaum 3 bis 4 mm lang wie Samenkörnchen mit spitzen Fingern behutsam in die Hand gelegt – schauen, zurückgeben, nehmen, schauen: „My grandfather found in the sands . . .“ „Beautyfull, lovely! Really old!” was„old“ auch immer sein mag. Old, old, old! Alles was nicht deutlich abgelehnt wird, häuft sich links: engere Wahl! Der Kistendeckel füllt sich schnell, mag das „old“ 50, 500 oder 5000 Jahre heißen, egal, verstaubt, abgestoßene Ecken, abgeschubberte Farbreste, es sieht alles überzeugend alt aus: Sphinxe, Anubi, Hathors. Der Ton wird langsam drängender – zwischendurch werden Natalies Aquarelle bewundert, die zum Vorschein kommen, als ein Gläschen Tee in ihre Tasche kippt – dringlicher, der Kistendeckel immer voller! Um uns nur Ägypter = Araber, die gefährlichen, die etwas wollen von uns, im Hinterzimmer, Tür zu, neben dem Nebenlokal hinter dem Lokal an der schmalen Nebengasse vom Souk, irgendwo in Luxor downtown, Platzangst breitet sich aus, ausgemalt wie das wäre, wenn, wenn oder wenn. Ausgemalt habe ich mir das erst nachts, als ich zwischen zwei und vier nicht wieder einschlafen konnte, wenn man für ängstliche Gedanken so empfänglich ist: Wenn etwa ? ? ? Wir brachen diese „Sitzung“ mehr oder weniger abrupt ab: No, no – we don´t want, no! Soubran, no thank You, Goodbye“ und sind geflüchtet – oder auch nicht, aber nichts wie weg.
Soweit vor Ort: in LUXOR war dann nicht Zeit mehr und Ruhe zu schreiben, wie es dort war; erst zu Hause konnte ich den Bericht weiterführen.
Ja, wir sind wunderbar bereichert zurückgekehrt aus Luxor – nach vielen Tagen stiller Einkehr – allein vier Tage haben wir in Schatten und Sonne im Luxor Tempel verbracht, aquarelliert, gezeichnet (quälend stümperhaft) auf den hohen Sockeln der gewaltigen Säulenwälder sitzend oder in den gemütlichen Stühlen des bewirteten Gartens neben der Sphinx Allee. Aber ich will hier keinen touristischen Bericht abgeben, wir können nur dringend raten: Fahrt nach Luxor und schaut selbst!
Das Erlebte in all den Tempeln, Gräbern, Museen und Alleen ist so gewaltig, dass es sprachlos macht. Wer wollte aber auch das Werk der Völker am Nil von drei- oder mehrtausend Jahren nachsprechen? Wer?
Als Abschiedsgeschenk jedenfalls lag im Flughafen von Kairo für uns das Buch: „ The complete gods and goddesses of ancient Egypt“ von Richard H. Wilkinson der „The American University Press“ bereit, fiel uns buchstäblich in die Hände als der Orientale einherschritt, mächtig spannte die gelbe Seidenrobe über dem gewaltigen Bauch, das schwere Haupt erhoben, einherschritt, verschwand, wieder auftauchte, verschwand . . . und da lag das Buch auf dem Tischchen des Zeitungskiosks.
Erörterung zu den Reiseeindrücken.
Also: Die („Höhlen“) Malerei der Sahara – studiert an Hand des Kataloges der Kölner Ausstellung, erschienen als weiland Walter Scheel Präsident der Bundesrepublik war, begann vor der „Vorzeit“ und führte, auch im Niltal, bis an die Frühzeit der pharaonischen Jahrtausende heran in ihrer natürlichen Darstellungskraft, die, auch dort wo sie „kanonisch“ wird, vor allem mit ihrem Schaffensprozess identisch bleibt – „handmade“ – besser: „bodymade“ – persönlich, unmittelbare Schöpfung aus Übereinstimmung . . . Und dann, ohne das mir Zeugnisse über die Zeit dazwischen bekannt geworden wären, die „Narmer Pallette“, eine Schminktafel „from Hierakompolis ca, 3000 BC“ datiert „in the later Neolithik period – 3600 -3300 BC“ als ein besonders aufschlussreiches Beispiel: Höchst stilisierter Ausdruck gesellschaftlicher („staatlicher“?) Macht, sowohl im anekdotischen: Der Sieger erschlägt den Besiegten, die mystischen Tiere sind gefesselt, die Feinde geköpft – als vor allem im Stil: formalisiert in einer Strenge, die für 3000 Jahre künstlerischen Schaffens und für Hunderttrausende von künstlerisch arbeitenden Menschen als bindend sich erwies: unfrei, aber gewaltig in ihrer gebändigten Strenge, grausig, stark, schön, identisch nicht mit den Individuen, die es so meisterhaft handwerklich geschaffen haben sondern mit der verfassten gesellschaftlichen Ordnung, die sich darin abbilden lässt – Bild wird. Bild wird hier, vor unseren Augen, ein gewaltiger, ein eigentlich unermesslicher Schritt in der Geschichte dieser, dieser regionalen Gesellschaft von Menschen.
Vor diesem Schritt – oder war es doch ein langer Weg? – sehen wir sie mit großen Rinderherden, diese relativ kleinen Menschengruppen, durch das Weideland ziehen, lockeren Schutz sich schaffend vor Sonne und Wind – kaum vor Regen, den es schon damals nur wenig gab in der Sahara, ohne wirklich befestigte Wohnsitze und: kein, kein Zeichen hinterlassend von Gestalt gewordener Hierarchie, auch keines von Gewalt gegen Menschen, von Menschentötung, von Krieg – viele Zeugnisse aus allen Lebensbereichen, aber nicht vom Leben in Höhlen, die die Felsmassive in der östlichen Sahara auch nicht angeboten haben. Ihr Malgrund waren Felswände, seltener Höhlenwände, ihre „Bauwerke“: Lederwände an Stangen gegen den Wind, Matten gegen die Sonne; ungeeignet „Macht“ zu demonstrieren, „Dauer“ zu proklamieren!!!
Nach diesem Schritt bzw. am Ende dieses Weges finden wir die Gesellschaft durchorganisiert von der zentralen Figur des Machthabers bis hinunter zu den reihenweise abgelegten geköpften Feinden, wen immer das System, das inzwischen geschaffene, zu Feinden erklärt, das System, das alle Menschen instrumentalisiert, ihnen ihre Rolle zuweist, die Instrumente zu organisieren weiß — die Einhaltung der zugewiesenen Rollen mit allen Mitteln durchzusetzen weiß. Mittel zu denen auch die Erfindung der Religion gehört; Mittel von denen die rohe Gewalt das letzte ist, wenn alle Psychotaktik nicht mehr hilft.
Ja, die Organisation von Gewalt ist eine relativ leichte Übung im Vergleich mit der Entwicklung und Anwendung der Psychowaffe Religion!!!
Das ist die Entwicklung, die die Wende bringt, die Erfindung der Religion. Offenbar innert weniger Generationen ist ein Götterhimmel ersonnen, proklamiert und durchgesetzt worden, der die Welt grundlegend geändert hat – den Menschen neu definiert. Ja, so unglaublich es ist und so wenig man sich diesen schöpferischen Prozess vorstellen kann, der ja nicht von einem Einzelnen geleistet sondern von vielen gemeinsam bewältigt wurde: Menschen haben diese zuletzt wohl anderthalbtausend „ägyptische“ Götter ersonnen, einen „himmlischen Kosmos“, eine unermessliche lebendige Theaterwelt in dem Bedürfnis, durch die Orientierung an diesem erfundenen Kosmos die irdische, unsere Menschenwelt, zu ordnen, auf dieses Gesellschaftsmodell auszurichten und damit, unter anderem, regierbar zu machen. Aus bis dahin freien Menschen machten sie einen Staat!
Und es wurde kein einfältiger Staat, keine widerspruchslose, gradlinige Weltorientierung aus der ausgeschlossen würde, was den Schöpfern nicht passte, nein, alle Widersprüche der Menschennatur sind in diesem hochkomplexen System eingefangen, bilden sich in den Eigenschaften der erfundenen Götterfiguren ab und in dem, sich sehr lebendig immer weiter entfaltendem, Spiel zwischen diesen „Göttern“ – auch im Wechselspiel mit den aus dem Stand der Herrschenden sich immer wieder ergänzenden Götterscharen – und befähigt die so orientierten, so organisierten Manschen zu Taten, die wahrhaftig göttliche Kräfte bei ihrer Bewältigung zu Hilfe gehabt zu haben scheinen: die Bauwerke ebenso wie die Bildwerke, die Staatsgestaltung ebenso wie die Schrift, die Musik.
Und – das sei hier wenigstens kurz angesprochen: die Menschen haben solche Gesamtkunstwerke immer wieder unabhängig voneinander geschaffen, so wie in Ägypten, in Assyrien, Anatolien, Indien, China, Japan, auf den Inselwelten im Pazifik, in Mexiko, Peru und im Europa sowohl hellenischer als christlicher Ausprägung – kleine Grenzübergriffe und Anleihen inbegriffen; immer nach dem gleichen Muster – also wohl physiologisch bedingt?!
Die Darstellung der Welt, die die Götter einschloss, im alten Ägypten
Wie fand man die Möglichkeiten der Darstellung, wichtigste Voraussetzung der Vermittlung der Ideen? Eine sehr plastische Möglichkeit fand man durch die Einbeziehung der Tiere in den Götterreigen. Damit gelang es, viel Unerklärliches anzusprechen, so bestimmt/unbestimmt das Wesen des Krokodils, des Affen, des Mistkäfers, des Falken, der Schlange – so präsent ist dieses Wesen des Tieres in seinem Abbild. Das gilt noch stärker für die Menschenfiguren mit Tierköpfen und für die aus verschiedenen Wesen zusammengefügten Gestalten, das Krokodil mit dem Kopf des Falken, Löwenleib und Widderkopf: die Sphinx in ihren vielen Erscheinungsformen. Kanon: Die Sphinx gibt es nur in der klassischen Ruhestellung mit den Pfoten nach vorn gestreckt! Niemals finden wir unkommentierte Einzelfiguren, immer im Kontext, immer mit Erklärungen, immer im Zusammenhang und wenn er auch nur durch ein paar Hieroglyphen am Sockel angesprochen ist. Das erweiterte die Aussagemöglichkeiten in der Breite – vor allem aber auch in der Tiefe. Wenn man nur ein Bild herausgreift, die Himmelsgöttin NUT, die sich über die Scene wölbt, an der einen Seite aufsteigend die Beine, an der Decke der Leib vom betonten Schoß zu den nährenden Brüsten und dem Kopf, die Arme erreichen mit ausgestreckten Fingern eben den Boden: das Firmament, dass die bewohnbare Erde trennt von den umgebenden Wassern des Chaos aus dem alles entstammt. Entstammt, denn zu Grunde liegt das Wissen vom Ursprung im Chaos, oft vorgestellt als Wasser, Meer, Ozean, – auf jeden Fall: DRAUSSEN! Ein Bild schreibt dem Gotte PTAH die „Schöpfung“ zu, in seinem Geist ist sie entstanden, er hat sie gedacht – und durch sein Wort, sein schöpferisches Wort geschaffen indem er sie aussprach, verwirklicht in Sprache. „The story of creation, as attributed to PTAH by the priests of Memphis, whereby the god was said to have created the world through his thought and creative word or command.” zitiert aus R.Wilkinson. Schöpfung als einen Prozess des Ordnens, des Herauslösens aus dem unendlichen Chaos, das Herausgelöste in eine feste, sichere, beschützende Ordnung bringen – das sind die starken Triebkräfte der herrschenden Gruppe am Nil, der Priesterschaft und des darin integrierten „weltlichen“ Herrschers, des Pharao und seiner Leute: die Urkraft dieses Staates und auch die Urkräfte, die tonnenschwere Steinblöcke über hunderte Kilometer transportierten und über zwanzig Meter hoch wuchteten zu gewaltigen Architraven, gar zu den kristallinen Pyramiden wie sie gegen die Wüste gestellt sind – und der schlanken Obelisken, dieser Antikörper.
Umgesetzt in einen Prozess: „Architekten“ priesterlicher Hoheit skizzierten die Herausforderungen an die Organisations- und Tatkraft, keine Hilfsmittel oder Anschauung als ihre Phantasie, der sich die Herrschenden anvertrauten, indem sie den Bau freigaben: „Ja, so werde es!“ Und diese Phantasie der Baumeister reichte aus für die Jahre der Vorbereitung, für die Finanzierung und Mobilisierung der Massen an Mitwirkenden, die Suche nach dem besten Material, reichten aus, dieses Material zu gewinnen, aus dem Felsgrund zu lösen, ungeheuer: es auf schwankenden Planken auf den hilfreichen Wassern des Nils zu transportieren, auf Rollen und Rampen gleiten zu lassen und die Tempel, Pylone, Obelisken, gar ganze Pyramiden zu errichten und schließlich beinahe flächenfüllend zu gestalten, im Relief und in Farbe und zu beschriften. Es konnte nicht anders sein, es hat mit Sicherheit große Blutopfer gekostet unter der zur Arbeit gepressten (?) Bevölkerung – niemand spannt sich freiwillig vor einen 20Tonnen Stein und zieht ihn, durch Peitschenhiebe vorangetrieben, die Rampen hoch um die vorbestimmte Höhe zu erreichen. In Einzelfällen kann man diese Rampen noch sehen. Zwei dieser Phantasten („Architekten“) wurden von ihren Mitpriestern zu Göttern erhoben wie sonst nur die Pharaonen selbst. Erst nach diesen Jahren der Vorbereitung, der Willensbildung und Organisation und des Handels, der Arbeit, zogen die Prozessionen diese Prozessionswege entlang, sah man, fühlte man, was der Phantasie entsprungen war, als Herausforderung an die Menschen, sich gegen das Chaos zu behaupten wie die Pyramiden gegen die Wüste, wie die hohen Säulen mit den „Balken“80/200cm messend und sieben Meter lang und mehr, die steinernen Decken tragend – gegen die Schwerkraft.
So stehen wir, noch immer fassungslos, zwischen zweimal zehn mal sieben Säulen, zwei, drei Meter dick und über zehn Meter hoch – fast überwiegt die Masse des Steins den Luftraum dazwischen. Zwischen diesen beiden „Wäldern“ aus Stein führen zweimal fünf noch wesentlich kräftigere und höhere Säulen den Prozessionsweg weiter, – weiter zu neuen Pylonen, Portalen, neuen Höfen, neuen Säulen, neuen Bildern. Eine der zahlreichen Schautafeln zeigt, dass allein dieser eine Tempelteil mit seinen 150 Säulen die Grundfläche von Notredames in Paris erreicht. Größe hin und her; es lohnt sich allein schon, sich mit den eleganten Gestalten der Säulen und ihrer Kapitelle, die nie ihre florale Herkunft verleugnen, immer in schwingender Bewegung bleiben, zu beschäftigen.
Man muss in diesem Zusammenhang auch die dreitausend Jahre beherrschende „Grammatik“ der Bildsprache betrachten?! Von der schon erwähnten Schminkpallette um 3000 BC bis in die 30. Dynastie beherrscht die Silhouette das Bild; die Grenze zwischen Mensch und Welt – das zentrale Anliegen des pharaonischen Ägypten: die Grenze! Bei allen sichtbaren Unterschieden blieben sich doch alle Darstellungen gleich, dieser „Grammatik“ unterworfen, über diese 3000 Jahre beinahe zum Verwechseln ähnlich. Auch innerhalb der Menschenwelt, die immer wieder dargestellt ist und durch Hieroglyphen erklärt in ihrer unübersichtlichen Buntheit und Vielfalt, musste Ordnung auch im Detail herrschen um die größere Ordnung bewahren zu können, die Ordnung des Staates, der Welt. Darum, nebenbei bemerkt, musste Echnaton scheitern!
Das zahllose göttliche Personal erlaubte es, alles menschliche Geschick und Verhalten prägend abzubilden und den Menschen zu zeigen, den Erzählungen im Bild Dauer zu verleihen. Die strenge Form der Darstellung schloss jeden Zweifel am Inhalt, an der Wahrheit der Erzählungen von den Göttern, aus.
Wir kennen die Funktion der Ordnungsmittel gut aus der uns geläufigen, christlichen Gesellschaftsordnung ebenso wie aus der vergleichbaren des Islam. Fast alle Ideen, die Menschen zur Ordnung zu rufen, finden wir so auch im alten Ägypten. An zentraler Stelle steht auch hier das (jüngste) Gericht. Osiris führt den Vorsitz. 42 Götter stellen die Fachanwälte; die von ihnen zu beurteilenden „Sünden“ nehmen die zehn Gebote vorweg, nur eben etwas differenzierter ausgearbeitet. So werden z.B. Terrorismus, Angeberei, Jähzorn und Knabenliebe aufgeführt. In den frühen Dynastien war es geboten, die formale Ordnung einzuhalten – Verdienste und Versündigungen waren messbar, während gegen Ende stärker die inneren Werte den Maßstab bildeten für das gute menschliche, vor allem das gebotene zwischenmenschliche Verhalten. Selbstverantwortliches Handeln trat langsam an die Stelle nachprüfbarer Disziplin.
Fühlte man sich vor dem drohenden Chaos schon so sicher, dass es der extremen Disziplinierung durch das formalisierte Gesetz nicht mehr in dem Maße bedurfte? Die Porträts der Spätzeit zeigen individuelle, schicksalsschwere Züge an der Stelle der edlen Gleichförmigkeit früherer Menschenbilder. Dass sie diese Entwicklung nehmen konnte, spricht doch wohl für die Qualität des Gesamtkonzeptes der ägyptisch-pharaonischen Weltordnung?!
Monotheismus – der Gegensatz schlechthin? Die Gesamtdarstellung des ägyptischen Göttergeweses zeichnet ein anderes Bild: von Anfang an umfasste die Erzählung vom Göttlichen fließende Übergänge zwischen Fabelwesen aller Art – vorzüglich Wasserwesen – zu mehr und mehr sich durchsetzenden göttlichen Wesen in Menschengestalt. Diesen wiederum, den vielen, standen gegenüber Einzelne, in der Anlage monotheistische Figuren wie zum Beispiel AMUN, der sich aus sich selbst geschaffen hatte. „He is hidden from the gods and his aspect is unknown! He is farther than the sky, he is deeper than the Duat…”(Papyrustext Leiden I 350) . Karnak umfasste, so die Aussage in der 18.Dynastie “the mound of the beginning” wo AMUN die Welt ins Dasein brachte – „brought the world into being!” So nahm AMUN auch andere Götterdarstellungen in sich auf und wurde zu AMUN-MIN (Gott der Fruchtbarkeit) und AMUN-RE(Sonnengott). Aber auch ATUM findet sich so hervorgehoben: „ATUM was the monad – the one, from whom all else originally came!“ oder auch: „ the lord of fatability!“ und „he who came into being of himself!” (Pyramidentext) und schließlich: als Schöpfergott war ATUM der Vater von SHU und TIFNIT, „copulating with himself to produce the first divine pair!“ – „a personification oft the female principle inherent with himself!“ und weiter zu seinem Enkel: Osiris, seinerseits Vater von . . . – und über Jahrtausende halten die den Lebesnschlüssel KA in der Hand; formal das Kreuz des Franziskus TAU mit dem Ring oben, an dem er gehalten wird. Könnte es nicht sein, dass man in den vielen Göttern nicht eher die Engel, zumindest die Erzengel und die Heiligen der christlichen Kirche und die selig gesprochenen sehen müsste? Wie auch die Zahl der Heiligen ist die Zahl der Götter langsam gewachsen über die Jahrtausende. AMUN bzw. ATUM blieben sich aber im Kern gleich!
Kehren wir zurück zu dem Erlebnis Ägypten heute: Die Gegenwart in den Tempeln, zwischen den Tempeln, zwischen den Gräbern, in den Gräbern: Kinderzüge, Schülergruppen, viele in Schuluniform, noch ohne Gesichtsverhüllung die Mädchen, in Jeans die Jungen, alles schwatzt, die – sehr seltenen – mahlenden Touristen werden umringt, man drängt sich einander ablösend um ein Handyfoto mit dem Fremden; im Übrigen ziehen sie unter Lehrerführung recht schnell dahin! Dann viele kleine Gruppen, die sich, wie wir auch ein paar Mal, um Führer oder Führerin scharen, welche in den verschiedensten Sprachen, meist gut gelernte, Texte vortragen. Und schließlich Pärchen und Einzelbesucher, zögernden, suchenden Schrittes, das offene Büchlein in der Hand – im Schatten haltend, die Sockel der Säulen sind oft blank gewienert von internationalen Hosenböden!
Gut, die Zeit war lang seit diese Artefakte geschaffen wurden – gleichwohl fragt man sich oft: warum, wie, wann was entzwei gegangen ist – oder: wie viel und warum noch steht neben den Trümmern inklusive einiger Rekonstruktionen, Restaurierungen. Unendlich viel Material – teilweise museal geordnet, beschriftet, wartet noch in den weitläufigen „Gehöften“ die die Tempel umgeben. Die Tempelareale sind oft/meist eingefasst von halb zerfallenen „Mauern“ (mindestens fünf Meter dick?) Aus römischer oder noch späterer Zeit aus sonnengetrocknetem Nilschlamm: ungebrannten Ziegeln, grau, unansehnlich. Wollten die Römer die Tempel schützen (?) oder sich selbst, die sich in den Tempeln Militärlager eingerichtet hatten (?) oder (?) Jedenfalls sind fast immer vor den eigentlichen Bauflächen große, sehr große und relativ triste „Plätze“ angelegt – auch neueren Datums. Der – moderate – Eintritt summiert sich ganz schön bei längerem Aufenthalt!
Keine Abbildung oder Vorstellung kann das Erlebnis ersetzen, sich stundenlang, tagelang diesen mächtigen Steinkolossen auszusetzen – einfach im Schatten einer Säule auf sich einwirken zu lassen, was hier Götterkräfte aufgerichtet haben.
Sind wir es nicht diesen Menschen schuldig, sich ihrer Gegenwart auszusetzen?!
Die Welt der Gräber
Im Unterschied zu den Tempelwänden und – säulen findet man auf den Wänden der Grabanlagen viel locker „hingeschriebenes“ – immer noch gebunden durch die überkommene Grammatik, aber lebhafter im Strich, persönlicher im Ausdruck. Immer beherrscht das Dekorationsprogramm die inhaltliche Gestaltung – meist ziehen die Figuren und alles Beiwerk symmetrisch zu beiden Seiten des Ganges, der Türwände, der Grabkammern dahin. Es fehlt uns so vieles, um voll in das Anekdotische einzusteigen, die Menschen-, die Königs- und Göttergeschichten mitzulesen. Da aber den Autoren dieser Bildergeschichten ihre Mitteilungen so ungeheuer wichtig waren, wichtiger als der individuelle künstlerische Ausdruck und der emotionale Gehalt, fehlt uns doch sehr viel, sie so zu verstehen, wie sie gemeint waren.
Eine weitere Einsicht kam mir erst, als wir wieder in Europa zurück waren. Wir besuchten Freunde in Lucca, wir besuchten Lucca, wir besuchten die Kirche San Michaele. Der Innenraum gehört noch ganz in die romanische Zeit, nichts Besonderes auf diesem Gebiet, ein schlichter schöner Raum . . . Ein Raum!!! Die Säulen, die Pfeiler, die das hohe schlichte Gewölbe tragen, die einfachen Wände, eingeschnittene Fensteröffnungen – nichts davon stellt sich als Masse dar, alles dient dem RAUM, bildet den Raum, ist Raum!!! Das ist der große Unterschied!
Die Bauten Ägyptens, die Tempel, die Pyramiden, die Grabanlagen – ebenso aber die Bauten der Griechen, Asiens, Mittelamerikas: gewaltige Bauwerke – kein RAUM darin! Der Leser sollte an dieser Stelle innehalten und diese Behauptung an seinen Erinnerungen überprüfen, stimmt das? Stimmt das? Und wenn es stimmt, wenn, wie ich empfinde, die Pyramiden, die Säulenwälder, die Pylonen und, als höchste Abstraktion der Skulptur die Obelisken, keinen Raum bilden – ? Wann, wo und durch wen kommt der Raum, treten die Baumassen, tritt alles zurück aus der stolzen Selbst-Ständigkeit, (kommt von „Stehen“) wann und wo übernimmt der RAUM die Herrschaft über das Bauen? Wann, wo und von wem? Wenn man die Räume der römischen Thermenanlagen und das Pantheon – nach meiner Kenntnis des frühen Bauens die ersten baubeherrschenden Räume, zum ersten Mal betritt, weiß man wann, wo und von wem – oder? Wenn man darüber nachdenkt könnte es sein, dass einem eine ägyptische Grabkammer, keine zehn Meter im Quadrat, keine fünf Meter hoch, mitten reingerammt der gewaltige Sarkophag, einfällt: Über die Wand zur Rechten – ich hab es an anderer Stelle schon beschrieben – steigen von hoch sich reckenden Füßen die schlanken Beine, an der Decke breitet sich der Leib der Göttin vom Schoß bis zum zierlichen Haupt aus und ihre Arme erreichen mit lang ausgestreckten Fingern an der linken Wand die Erde wieder: die Göttin TUT die das Firmament ist, alles einschließt was unser ist, unseren RAUM bildet und alles ausschließt was Chaos ist, draußen, jenseits. TUT ist, schon im pharaonischen Ägypten, RAUM – aber mehr RAUM war im alten Ägypten nicht, nicht in den Tempeln, nicht in den Gräbern, nicht in den Bildern Weiter suchend nach den frühen Räumen von Menschenhand finde ich mich im himmelhoch ansteigenden Rund – dem Halbrund — der griechischen Theater, die in ihrer räumlichen Qualität bewusst die Weite der Landschaft in der sie eingebettet sind, auf den Punkt bringen, hohe räumliche Qualität aber offen zum weiten Himmel, kein RAUM. Dieses Halbrund hat den Römern nicht genügt, das volle Oval, die volle Arena musste es sein, die volle Gesellschaft zu festlichem Beginnen aufzunehmen, eine, zivile, Gesellschaft, die es vorher so nicht gab. Solche Gesellschaft bildeten auch nicht die griechischen Weisen, diskutierend im Forum zwischen Säulengängen wandelnd. Die „Demokratie“ haben wohl die Griechen entwickelt aber die Republik haben erst die Römer geschaffen – der Gesellschaft, die sie bildeten aber auch den RAUM gebaut, in dem sie sich verwirklichen konnte. Es trübt mein idealisierendes Bild ein wenig, dass die großen RÄUME erst in der Kaiserzeit errichtet wurden, die Thermen und das Pantheon ebenso wie das Kolosseum!!! Neben den großen Rundungen für die Menschen – als idealer Baustoff erwies sich der römische Ziegel – bauten sie weiter Tempel, aus Marmor, für die Götter. Aber, man kann hinter sein Wissen nie zurück, aus dem Tempel wurde bald die „Basilika“, Tempel mit RAUM darinnen an Stelle der den Raum verstellenden und leugnenden „Cella“ – eine Gebäudeform, die sich auch die gemeinsam betenden Christengemeinde aneignete, als sich ihr wachsendes Selbstbewusstsein mit dem schlichten Betsaal, wie er wohl zuerst unter der Erde in den Lehmboden gegraben worden war, nicht mehr begnügen mochte. Wesentlicher Schmuck dieser ersten „Kirchen“, wohl mehr „Kasten“ als „Raum“, waren zunächst nur mit kostbaren Mosaiken geschmückte Fußböden. Sie beschritten so den Weg, der in den himmelstrebenden gotischen und den barock weit ausschwingenden Kirchenräumen, den Kuppeln der Renaissance, den Wölbungen der Hagia Sophia und den Moscheen Senins seine letzte Überhöhung fand.
Im pharaonischen Ägypten gab es keinen RAUM.
Zum Schluss soll nochmal die Gegenwart zu Wort kommen, die heutige Stadt LUXOR.
Die „Millionenstadt“ Luxor wirkt auf mich eher chaotisch als bunt. Abgesehen von dem touristisch aufgeräumten Streifen entlang des Nils (Ostufer) mit seinen, teilweise neuesten, Hotelbauten und – palästen und etwas 19.Jahrhundert Altstadt (?) besteht teilweise aus mehr oder weniger fertiggestellten „Neu“bauten, aus denen oben noch die Moniereisen ragen, aus sehr dunklem Ziegel, ganze Viertel noch so gut wie unbewohnt – oder täuscht der Eindruck? Hat die Revolution einen Wirtschaftsaufschwung abgebremst, dann könnte er „danach“ auch wieder in Gang kommen – hoffentlich!
Den Rest bilden unabsehbare Standränder, eingefasst von dem grünen Ackerland des Niltales. Die Straßen – „Plätze“ habe ich nicht gesehen – werden lebhaft genützt. Der Verkehr wird dominiert von den Kleinbussen und unendlich vielen Taxen, beide weiß mit blauem Streifen, und den Kaleschen, den altmodischen Einspännern, hunderte, tausende triptrap überall dazwischen – soweit sie nicht wartend unter eigens angelegten Schattendächern herumstehen, geduldig wie Karrenpferde so sind. Oft mampfen sie ihr grünes, appetitliches duftendes Futter – wenn man nett sein will, gibt man etwas Geld dazu „für Jimmy!“. Da so wenige Touristen sich im Februar 2013 hierher wagen, ist es verständlich, dass man, wo man geht und steht, angesprochen wird mit dem Angebot, gefahren zu werden: Hin und womöglich auch noch her, hinterher. Es ist trotzdem schön mit diesen kleinen Kutschen und die Pferdchen sind lieb, so lieb! Zu dem Thema der Läden, der Händler, der allgegenwärtigen, will ich nichts sagen. Ich bin eh kein Einkaufstyp und damit parteiisch – lassen wir das. In die gesellschaftlichen Verhältnisse bekamen wir – bekommt man – keinen Einblick Den muss man sich wohl zu Hause in der Zeitung holen und aus den Büchern, besonders denen ägyptischer Autoren, wie es sie so gut gibt. Viele, praktisch nie allein gehende Frauen tragen schwarz mit verhüllten Gesichtern, bilden aber den kleinsten Teil der Straßenbenutzer im Zentrum, die im Übrigen eher jugendlich daherkommen, „global“ gekleidet. Alte Männer sitzen meist herum, wenn man sie sieht. Anders in den Vorstädten. Auf der Rundfahrt durch „Old Luxor“ sahen wir mehr Frauen und Kinder vor den Häusern, um die Häuser; hier allerdings auch viel Getier wie Hunde, Katzen, Geflügel, Ziegen und Esel; auch mal die Pferde, wenn sie nicht „auf Arbeit“ sind. Straßen und Wege, Höfe wirken oft unbefestigt, jedenfalls staubig. Dort herrscht ein eher rustikales Milieu – dazwischen auch schon Äcker mit Korn, Zuckerrohr, Gemüse und Pferdefutter, einzeln Fruchtbäume und Palmen. Charakteristisch sind noch immer die klassischen Kanäle, die neben dem Grundwasser, das der Nil speist, seit Jahrtausenden das Leben möglich gemacht haben. Es hat uns erschüttert, zu lesen, dass das ägyptische Volk zu den (vielen) ärmsten der Welt gehört und dass ärgste Misswirtschaft die Menschen hilflos macht, die Nachkommen der genialen, starken und schöpferischen Priester und Pharaonen.
Solch ein Reisebericht bleibt unbefriedigend wenn man ihn an dem Erlebten misst. Ihr müsst halt selber hinfahren und selbst schauen!
Eberhard Kulenkampff, Umbrien im Frühjahr 2013