Das Abendmahl

D a s    A b e n d m a h l

 Im Cafè ist Betrieb. Die meisten Gäste stehen, denn an den kleinen Tischen kostet der Kaffee das Doppelte. Man trinkt ihn ja doch schnell aus – kalt ist er nicht zu genießen! Im Cafè ist Betrieb. Der Platz ist leer – bis auf die Menschenschlange. Lang in der Diagonale, dann am Ende abbiegend sammeln sich Menschen aus der Strasse von links. Die, die gemächlich von rechts kommen stutzen kurz, suchen  die Situation zu erkennen: die menschenfreien Kirchentüren, den niedrigen Bau, der sich, modern, daran anschließt, –  die breite Glastüranlage im dunklen Rahmen übersehen sie zunächst, obwohl die Menschenschlange genau dort endet. Sie blicken suchend, da, sie zucken leicht zusammen, gehen dann schnell, beinahe laufen sie, auf kürzestem Wege über den Platz, durch die Wartenden sich drängelnd dorthin, wo sich das kleine Gedränge zum Ende der Schlange formiert.

Der rote Rock ist das Ende! Nein – die drei dort stehen auch schon in der Pose des Siegers da, der Erstgeborenen, derer, die schon dazu gehören und – im Augenhintergrund ein Drohen vorbereitend – bereit wären, ihren Platz gegen die später Kommenden zu verteidigen. Notfalls, aber niemand wagt es, gegen das Formationsgesetzt der Schlange zu verstoßen, notfalls würden sie ihren Platz und damit die Rechte der zur Schlange verbundenen Menschen, ihrer Menschen, mit allen Mitteln verteidigen.

Asiaten sind es fast alle, dunkle unsentimentale Augen, kompakt, adrett –  und langmütig bereit miteinander und mit den wenigen höher herausragenden, rotgesichtigen saloppen Fremden mit den eindrucks-

vollen Nasen die Warteschlange zu bilden.

In der Schlange unterhält man sich nur flüsternd. Und da die Schlange alle aufsaugt, die zu dem Platz vor der Kirche kommen ist der Platz sonst leer. Nur im Cafè ist Betrieb.

Schubweise treten Menschen aus der Türanlage, der gläsernen in dem dunklen Rahmen  und verschwinden  mäßigen Schrittes, die Wenigsten im Cafè. Sie gehen an der alten Kirche entlang ohne sie weiter zu beachten. In dieser Richtung liegt die Stadtmitte, der Duomo.

Aber es treten nicht nur Menschen aus der Glastüranlage, die Schlange tritt in abgezählten Zwanzigergruppen ein in das Dunkle und stehen ein paar Schritte weiter wieder im Hellen vor der Kassentheke. 12 000 L geben sie, Senioren und Kinder die Hälfte. Ein unscheinbares, unschönes Schnipselchen bekommt man dafür –

und den Weg frei nach rechts in den Hof.

Ein unsicherer Blick umfasst die Kirche, flache Gebäude, modern, spärliche Vegetation – zuletzt die Vor-Gänger, der Trupp der Zwanzig zu dem man selbst gehört. Links hinten verschwinden sie schon in einer weiteren Glastüranlage wie wir sie schon vom Platz her kennen.

Wir eilen, den Anschluss nicht zu verpassen, nicht ausgesperrt zu werden. Die Glastür aber ist zu! Mit unbewegtem Gesicht dahinter eine Frau im Kittelkleid, Knoten im grauen Haar, der linke Mundwinkel hängt etwas – wie die Nasenspitze.

Aber sie kennt das Geheimnis: Kaum hat sich „unsere“ Gruppe vor der Tür versammelt öffnet sich silengesteuert ( das wissen wir ja alle, wie so etwas funktioniert, das wundert uns nicht mehr so wie die deutschen Jungs 49 zu Ostern in Paris als sich dem neugierigen Blick in`s Nobelhotelfoyer von Geisterhand die Glastüren öffneten) also ohne eine Bewegung der links leicht hängenden Unterlippe öffnet sich vor uns die Tür, gleitet lautlos zur Seite und hinter uns wieder zu. Der Vorgang wiederholt sich als wir dem hellen Gang folgend uns wieder nach links wenden. Noch einmal nach rechts und wir stehen im hohen langrechteckigen Saal.

Wandhoch, vielfarbig, achsial komponiert die Kreuzigungsscene, eine festliche Farborgie mit strahlenden Rots, leuchtendem Blau, Men-schen über Menschen, neben Menschen, unter Menschen – halb Jerusalem muss wohl auf dem Weg gewesen sein damals vor dem Passahfest und viel Besatzungsmacht dazwischen und Pferde, starke Pferde, die der Maler offensichtlich am liebsten von hintern malte, mächtige geile Schenkel, pralle Ärsche, wallende wogende Schwänze

       wunderbar gemalt. Und keiner schaut hin!

Das Trüppchen steht rechts, verloren vor der Größe des Saales, un-

schlüssig die Kamera in der  Hand wiegend  – „No flash“ flüstert eine Frau mit Namensschildchen am Revers der dunklen Jacke die sie zu einem mausgrauen wadenlangen Rock und, die Farbe ist schwer zu erkennen, olivbeigen(?) hochgeschlossenen Bluse trägt.

Unschlüssig auch die achtzehn Augenpaare, die mandelförmig schma-

len in den runden Gesichtern unter dem dunklen Haar der Asiaten. Eine in Hüfthöhe angebrachte Eisenstange quer durch den Raum, Quadratprofil, dunkel gestrichen gebietet Ordnung. An dieser Stange, genau genommen drei Meter davor, hat sich die Gruppe eingerichtet,

orientiert sich und sucht im eher dunstigen Licht zu erschauen, wiederzuerkennen.

Schnell durchgezählt als erstes nachdem die Augen sich auf das blasse Bild über der unter dem hohen hellen Wandfeld eingestellt haben. Ja, es stimmt: dreizehn Personen am langen weißen Tisch – unten alle abgeschnitten wegen der Tür.

Ein mächtiger „moderner“ Raum großer Tiefe, hochrechteckige Fenster, je drei rechts und links, die graue Decke unter leuchtend hellem Sturz, Raum oder Bild? Wir wissen es ehe wir sehen: Es ist das Bild des Raumes in dem er mit seinen Jüngern – eine irreleitendes Wort, wenn man seiht wie ältere und alte sich um den jungen, grad dreißig soll er gewesen sein an diesem Abend, ja, er scheint wohl der Jüngste, der Dunkle dort an der Wand in die Mitte gesetzt gemalt, dominant, still, seine schmale Figur gegen die  kräftig bewegten Gestalten am Tisch . Brötchen  liegen herum, sorgfältig „zufällig“ verteilt und einfache flache Schüsseln. Dunkles liegt darauf: Das Lamm? Es ist wohl gekocht, es müssen wohl mehrere gewesen sein für die vielen Esser – auch wenn er wohl keinen Bissen hinunter gebracht hätte. – aber er hat es gar nicht versucht, vielleicht aber ein Stückchen Brot und einen Schluck Wein? Nein! „Dies ist mein Leib, dies ist mein Blut.“ Es war nicht sein Mal sondern ihres, die sie noch nicht wussten, „das es Abend war“: Hätte sonst jeder so lebhaft und so ausdrucksvoll seine Rolle gespielt? Sich gruppiert neben Ihm, gespro-chen, und nicht mit Ihm?  Bis auf den armen Teufel der das Wort an ihn richtete und hatte doch seinen Auftrag: den „Verrat“, schon beschlossen. Auch er wird keinen Bissen hinunter bekommen haben.

Aber das sehen wir alles nicht genau: Die rechte Bildhälfte ist in ein schwaches milchiges Licht getaucht, die linke noch dunkler durch die beiden hellen Arbeitslampen, die die Hände der beiden Mädchen be-

scheinen die dort beschäftigt sind. Darüber und unter ihren Händen nur schemenhaft die bekannten Figuren die uns in ihren Gesten bekannt sind wie die Tonfolgen und Akkorde der kleinen Nachtmusik.

Aber darum stehen wir hier, darum stehen die Asiaten hier, darum die Schlange draußen auf dem leeren Platz, die Glastüranlagen – acht habe ich gezählt – die Silenzellenmontage, die Frauen in den Kittel-

Schürzen, in den mausgrauen Röcken und einige Uniformierte, unauf-

dringlich aber bestimmt.

Etwa zwei bis zweieinhalb Stunden stehen sie in der Schlange, unterhalten sich flüsternd, schauen kaum zur Kirche – manchmal nur abschätzend auf die Länge ihres Weges zur Glastür in dem dunkel gestrichenen  Metallrahmen. Sie wissen je eigentlich auch nicht rich-

tig was sie drinnen erwartet außer der Erinnerung an die unzähligen Abbildungen von Leonardo da Vinci´s  „Abendmal“ die sie letzlich hierher geführt haben, diese bunten Bildchen, seltener gerahmte Fas-sungen  in dem unvergesslichen Längsformat 18 auf 64 Zentimeter im

schmalen dunklen Naturholzrahmen. Vielleicht hing eines früher bei den Eltern über dem Büffet im dunkel möblierten Esszimmer – noch seltener über dem hellen Holz der Eckbank in der Wohnküche der Grosseltern. Nie aber hing diese Reproduktion daheim bei den Asiaten                 

die jetzt, da die Ferien in Europa zu Ende gegangen sind, das Gros der Besucher darstellen.  Sie kannten nur den Colordruck 2.4 x 9.8 im Reiseprospekt neben den Fotos des Markusplatzes mit Dogenpalast und San Marco und den Kuppeln über Florenz und Rom.

So stehenwir da, unschlüssig noch, ob wir unserer Bildung weiter nachgehen sollten: Namen aus der Erinnerung herauskramen, Insig-nien zuordnen: Ist der links hinten nicht Petrus? Oder der vorn rechts mit dem bläulichen Tuch?

Wir schauen, warten, hinter uns wird die Gruppe unruhig nachdem die leise japanische (?) Stimme aufgehört hat erklärend zu murmeln.

Aber das Bild macht uns ganz ruhig – es zieht uns hinein in die Kraft seiner Ordnung, in den strengen schmucklosen Raum mit dem weißen Tuch über den Tisch gebreitet und den Menschen an diesem Tisch.

Nicht die Dramatik des Geschehens nicht die offenkundige Dramaturgie des Bildaufbaus und nicht das vorherbestimmte und Gottes Wille erfüllende Geschick des jungen Mannes  in der Bildmitte zwischen seinen  „Jüngern“ – den älteren und alten – Nein!

Der ruhige Atem des Malers, die Stetigkeit seines Planens, die Beherrschung der künstlerischen Mittel (wenn auch leider nicht so sehr der technischen!)  – die Kunst des Leonardo berührt uns tief –

und lässt uns als Gesegnete gehen.

 

Mailand am 22.10.1997