Der Mann der später Charly hieß

Repro2006 006

Der Mann, der später Charly hieß ging um den kalten Ofen zur Tür. Die Kälte hat ihn getrieben – bis zur Grenze, zum Hafen nach Amerika. Er ging allein – ohne die Frau zu wecken. Kein Kummer darum! Sie war schon lange weg, mit dem älteren Sohn des Kaufmanns, der sie schon liebte, als der Mann noch Arbeit hatte in der Stadt. In der Woche schlief er dort; er schlief selten allein. Seine Wirtin, jünger als er selbst, war schon in der zweiten Nacht zu ihm in´s Bett gekrochen. Sie hatte Angst, allein, nachdem man den Wirt geholt hatte mitten in der Nacht. Er wurde gesucht wegen des Einbruchs in der benachbarten Bank. Der Gang zum Safe war von seinem Keller aus gegraben worden. Er hatte es nicht gewusst. Das blieb ein Rätsel. Es wurde nie gelöst und der Wirt blieb in Haft. Von den Tätern und dem Geld fand man nie eine Spur. Die Wirtin schlief immer nur bei einem der Gäste, der lange bei ihr zu wohnen versprochen hatte. Denn sie wartete auf den Wirt – bis man ihn doch noch entlassen hat. Seine Fingerabdrücke waren nicht unter denen der drei Menschen, die man am Tresor gefunden hatte; die der Frau hat man nicht untersucht. Es ging wirtschaftlich schnell aufwärts mit dem kleinen Hotel – seitdem. Als der Mann, der später Charly hieß, vor der Kälte das Land verließ, schlief sie bei einem anderen der nur selten heim fuhr zu Frau und Kind.

Im Hafen war kein Schiff. Nach vielen Wochen in denen er einer Bäckersfrau geholfen hatte und ihr auch morgens früh die Brötchen ausfuhr legte aber doch ein Frachter an, löschte Stückgut und nahm neue Fracht an Bord. Man nahm ihn gern als Ladearbeiter an – als das Schiff ablegte, war er angeheuert. Er löste die letzten Leinen, er klarte das Deck auf, er putzte die Messe und die Kojen, er fuhr nach Baltimore. Man hatte dort nicht auf ihn gewartet; viele

Arbeitslose lungerten am Hafen herum. So half er entladen und half neue Fracht zu verstauen und fuhr mit als das Schiff seine Fahrt fortsetzte.

An den langen eintönigen Tagen auf See wuchs in ihm der Traum vom Land auf dem er arbei-tet, den Boden umgräbt, Gemüse pflanzt und Kartoffeln, Obstbäume setzt, Korn sät und Maria liebt; er kennt sie noch nicht aber er sehnt sich schon nach ihr.

So ließ er die Heuer stehen für ein weiteres Jahr zwischen ausladen und einladen, zwischen vielen Häfen der beiden Amerika. Nach Europa kehrte das Schiff nicht zurück. In Equador ging er schließlich von Bord.

Im Inneren, hoch über der fieberheißen Küstenregion fand er sein Land, kaufte es von dem alten Indio, der bei ihm wohnen blieb und sie lebten zu zweit in der kleinen Hütte und schafften von früh bis spät. Als eines Tages die Tochter von Pedros Tochter kam um nach dem alten Großvater zu sehen blieb auch sie bei ihnen. Er baute für sie beide ein Hüttchen an.

Und Miriam war es, die ihn Charly nannte weil er nicht von hier war – und alle, die nicht von hier waren, waren für sie „Amerikaner“ und Amerikaner heißen Charly.

Ihm war es recht, denn sein alter Name lag so weit zurück hinter den vielen Meilen See –

niemand hatte ihn je danach gefragt statt „Hey“ und „Boy“ und „Gringo“ zu rufen, wenn man ihn brauchte – und nichts, wenn nicht. Mit seinem neuen Namen war er endgültig ein anderer geworden.

Hatte es ihn bis dahin voll Unruhe um getrieben so wurde es jetzt still in ihm. Hatte es ihn immer weiter zu ziehen gedrängt so freute er sich jetzt seiner Sesshaftigkeit, hatte er vorher in

stillen Nächten an früher gedacht, an die Bäckerin, an die Wirtin, an Frau und Kind, so kamen ihm jetzt diese Träume nicht mehr – und von Maria träumte er auch nicht, – die war ja da!

Nur einmal noch musste er alles Vergangene wieder aufrühren. Als ihr Kind kommen sollte wollte sie ihn zum Mann und er musste die Papiere beschaffen, die man auf dem Amte sehen wollte.

Er baute nach einem Jahr auch ein Hüttchen an für das Kind und weitere, wenn immer es nötig war. Nach dem Tod des Alten wohnte er mit Miriam in dessen Hütte bis man ihn unter dem alten Mangobaum begraben hat. Auf dem Stein stand: „Hier ruht der, den wir Charly genannt haben.