Ein Fluss

E i n F l u s s

Unmittelbar vor der Quelle war Schluss: Der plötzlich einsetzende Regen hatte den steilen Lehmpfad so schmierig werden lassen, dass man keinen Halt mehr fand. Der Bautrupp weiter unten war zwar damit beschäftigt, neue Stufen einzusetzen und das morsche Geländer zu erneuern aber bis zur eigentlichen Quelle, die man glaubte, angeschwollen von dem Regen, der uns unten im Dorf Falera überrascht hatte, schon rauschen zu hören, würden sie noch ein zwei Wochen brauchen. Wir rutschten aus, Hose lehmverschmiert, und drehten um – mehr schliddernd als gehend.

Jahrelang schon hatten wir die Tiberquelle besuchen wollen. Die Schnellstraße von Terni nach Cesena, der kürzeste Weg aus Umbrien nach Norden, nach Ravenna, Padua, Venedig führt dicht daran vorbei, führt durch die Erosionslandschaft der östlichen Ausläufer des Appenin, der „alpe de la luna“, durch die Landschaft deren charakteristische steile, graue Kegel und Schrunden schon auf den Fresken von Ghiotto und den Bildern Pierro de la Francescas und vieler anderer umbrischer Maler erscheinen. Man ist geneigt sie auf den Bildern für Abstraktionen zu halten – „Landschaft“ als Hintergrund halt – bis man diese karge Landschaft selbst entdeckt und durchstreift. Wie es der Tiber tut der mitten in diesen hohen Hügeln entspringt, die Quellöffnung in Marmor gefasst – woher wir das wissen? – abgesehen davon, dass Natalie vor Jahren von Sansepolcro aus von einem verliebten Padre (nicht in sie verliebt, sondern in Jemanden, der dort lebte) schon einmal dorthin mitgenommen worden war, fanden wir ein Bildchen der Quelle auf den kleinen Zuckertütchen, die man im nächsten Dorf zum Kaffee bekommt, wenn man sich ihn am Tisch servieren lässt: an der Bar bedient man sich ja, wenn man überhaupt Zucker in das schwarze Schlückchen tun will, selbst aus den raffiniert gestalteten Zuckerdosen, die zum Beispiel ihren Deckel lüften, wenn man einen der beiden Löffel, die an der Seite stecken, herausnimmt. Solch ein Tütchen liegt jetzt vor mir – als Erinnerung an den gescheiterten Besuch der Tiberquelle mitgenommen.

Der Bach mit dem jeder Fluss beginnt, außer dem breiten Strom der bei Fontaine de Vaucluse
gespeist aus den Wassern des Mont Vontoux aus seiner gewaltigen Quellöffnung tritt und Petrarka, der hier im Exil lebte, Laura in seinen Gedichten anbetete und von hier aus zu seinem Spaziergang auf den Bergrücken, der diese ganze Landschaft beherrscht, aufbrach so tief beeindruckt hat, der kleine Bach Tiber hat sich sein bescheidenes Bett sehr malerisch in unendlichen Windungen durch die grauen Hügel gegraben und sie an seinen Ufern dicht begrünt. So ist es dort noch heute im Hinterland der Schnellstraße. Aber jetzt dominiert diese Straße das Tibertal – mit wenigen Strecken dazwischen, in denen sie entfernt vom Fluss geführt ist – bis nach Rom, ja, bis er bei Fiumicino ins Thirrenische Meer mündet, auf den letzten Kilometern als steriler Hafenkanal zementiert.

Und doch, wer sich die Mühe macht, den Windungen zu folgen, das meist fahle bis ockerfarbene Wasser dort zu beobachten, wo man ihn auf kleinen Nebenstraßen kreuzt, dort, wo solche Sträßchen am Ufer hinter Weiden und Pappelgestrüpp entlangführen oder wo man nur schmale Trampelpfade, bestenfalls tieffurchige Ackerwege antrifft. findet durch alle Jahreszeiten malerische Reize – und bewegende Geschichte, unsere Geschichte.

Meist ist ja das Tibertal eine breite Ebene zwischen behäbig ausgebreiteten Hügeln von deren profilierteren Kuppen die umbrischen oder latinischen Städtchen grüssen. Aber hin und wieder musste sich der werdende Strom durch felsige Höhen beißen, fließt Kaskaden bildend über Barren die dem Wasser bis heute widerstanden haben, oft ist es der harte Basalt der noch immer an die vulkanische Phase dieser Landwerdung erinnert, oder er findet sich auf eine schmale Rinne beschränkt im Grunde eines Canons, den man, wie seinen großen Bruder in Amerika nur mit einem Paddelboot erkunden kann. Paddelboot – der Fluss hat auch besondere Freunde, die, um auf seine landschaftlichen Reize und seinen natürlichen Wert hinzuweisen, jedes Jahr in einer langen Kavalkade von der Quelle bzw. dicht danach bis zur Mündung, mit ihren Paddelbooten und Kanus den Fluss hinunterfahren. Bis weit hinauf – wir konnten noch nicht herausfinden wie weit, war er durch Jahrhunderte, auf jeden Fall aber zur Römerzeit schiffbar. Das zeigen ausgegrabene Hafenanlagen und einstmals blühende Hafenstädtchen aus dieser Zeit wie bei Otricoli. Selten ist die Tiberschiffahrt in zeitgenössischen Bildern dargestellt, so dass man sich kein rechtes Bild machen kann welche Schifflein darauf fuhren.

Und fruchtbar war und ist dieses Tal. Während Wein und Oliven sich meist auf den Hügelhängen ausbreiten, von Weizen- und in den letzten Jahren immer mehr Sonnenblumenfeldern unterbrochen soweit sie nicht von dem sehr lebendigen umbrischen Eichenwald – seltener von Kastanienwäldern bedeckt sind, wächst der Tabak nur in der Flussebene. lässt sich sogar im trockenen Sommer noch zusätzlich mit seinem Wasser beregnen. Üppige Gärten umgeben die Häuser, abgesehen von den geschlossenen Bergstädten – den jahrhundertealten Wohnstädten dieser Landschaft – findet man in der Fläche eher Einzelhöfe und – häuser. In den letzten Jahrzehnten nehmen allerdings großflächige Gewerbeansiedlungen einen großen Teil dieser Flussebene ein, nur nächtlich ein faszinierendes Bild, dieses Lichtermeer. Der Reiz der „Lage mit Aussicht“, die damit werbende Häuser für die vielen ausländischen Interessenten so wertvoll macht ( zur Freude der Verkäufer und Makler ) besteht in dieser Hinsicht eigentlich nur nachts von der Terrasse, tagsüber hebt man den Blick besser zu den fernen Horizonten, zu den lebhaften Silhouetten der Hügel und fernen Bergketten – die sibillinischen Berge tragen bis weit in den Sommer ihre Schneespitzen – und zum breiten kahlen Rücken des Monte Sobasio an dessen Hängen Spello und Assisi liegen ( eine „strada bianca“ verbindet sie über den Berg hinweg ) und der, vielleicht auch in Erinnerung an den heiligen Franz, der an seinen Hängen Eremit und später Heiliger war, mit einem Mönchsschädel – mit Monsur – gemahnen soll. Nachts, wie gesagt, bietet die Ebene das schöne Spektakel einer von sich bewegenden Schnellstrassenbefahrern durcheilten Welt aus Lichtern. In dieser Welt wird aber auch das Geld verdient mit dem die historischen Städtchen und Städte auf den Höhen alle inzwischen so wunderschön hergerichtet sind mit restaurierten Häusern, Stadtpalästen und Kirchen, vieles noch mit mehr oder weniger gut erhaltenem romanischen Baubestand – Schätze der Baukunst in unvorstellbarer Fülle – mit sehr geschmackvoll und oft originell natursteingepflasterten Strassen und Plätzen, kaum je durch unpassende Möblierung gestört. Nachts werden in manchen Orten anstatt der nüchternen und oft zu hellen modernen Straßenbeleuchtung Öllämpchen angezündet – besonders zu den so beliebten und in allen Orten, großen und kleinen mit viel Liebe und Begeisterung abgehaltenen Festen, den „sagras“ und den häufig wieder belebten historischen Zelebritäten: Prozessionen in historischen Gewändern, Kampfspiele in barocker Pracht oder nur Essen und Trinken und Tanzen in fröhlichem Miteinander der Bewohner, die auch Ortsfremde unbeschwert an ihre Tische bitten.

Die Menschen hier – häufig nicht sehr groß, eher gedrungen, erscheinen uns freundlich gegen jedermann – sind wohl noch immer Umbrer, links des Tiber, und Etrusker, rechts des Tiber, der alten Grenze vor viel mehr als 2000 Jahren. Wir hatten in Orvieto einen alten Etrusker auf einer Grabdeckung gesehen – nachher trafen wir Massimo: er war dem Etrusker wie aus dem Gesicht geschnitten ähnlich! Auch wenn in diesen zwei Jahrtausenden immer Fremde hier herrschten und ausnahmslos grausam ausbeuteten was diese reichen Landstriche zu bieten hatten – so sind die Zwingburgen, deren Ruinen jede Stadtansicht „krönen“ , die „ roccas“ alle von den vielen Päpsten errichtet worden, die sich darin überboten das Land auszuplündern und das ging halt nur mit gewalttätiger Unterdrückung der Städte die am Anfang freie Städte gewesen waren, die voll Stolz ihre Eigenheiten entwickelt hatten an die sie jetzt wieder anzuknüpfen bemüht sind. Darum auch die vielen farbenfrohen mittelalterlichen „remakes“ die inzwischen vom Tourismus weidlich ausgeschlachtet werden obwohl das eigentlich gar nicht ihr Hauptzweck ist.

Zusammengehalten wird das alles vom Tiber mit seinen Nebenflüssen unter denen die Nera eine ganz besondere Rolle spielt weil sie auch ein größerer Fluss ist, von weit her aus den Bergen kommt und durch die römischen Wasserfälle, die das Tal von Rieti entwässern und bei Terni über 165 Meter tief in das Valnerina stürzen, bereichert wird. Wenn man hier herumfährt, kommt man alle weil über eine Brücke , wenn man von den Hügeln aus schaut, windet er sich unten durch´s Tal – und wenn man nach Rom kommt ist er der rote Faden an dem man sich die Stadt erschließt. Da es aber über den Tiber in Rom so viel Erzähltes gibt will ich mir das in diesem Tiber-Brief ersparen – so reizvoll der Kontrast zu „unserem“ Landschaftstiber ist – er wäre kaum wieder zu erkennen, wenn es nicht das gleiche fahle und oft ockerfarbene Wasser wäre.

Lieber will ich noch etwas von unserem persönlichen Verhältnis zu ihm berichten. Das ist sehr stark davon bestimmt, dass er eines von Natalies beliebtesten Motiven ist, die dichten vielgestaltigen Ufer, die schönen Brücken ( die anderen überspringen wir einfach ) und das unerschöpfliche Spiegeln und Glitzern und Kräuseln und Strömen. Was Wunder, dass wir schon viele, viele Tage an diesen Ufern verbracht haben – meist allein, manchmal mit Überraschungen: So gibt es eine Malstelle bei Pontecuti, schwierig, nur zu Fuß durchs Gebüsch auf einem schmalen Trampelpfad zu erreichen, einsam aber mit Blick auf eine schöne alte hohe Brücke. Man hörte weit weg eine Autotür, dann erschien kieloben ein Kanu über den Büschen, dann der Mann, der es hoch über seinem Kopf trug. Er blieb mit einem Ausruf grenzenloser Überraschung stehen. Es war unser Freund Jo ( der uns zu unserem Haus verholfen hat) der mit Frau und Kind in Viepri in einer Abtei auf der linken Tiberseite – also weit von hier – wohnt, seit zehn Jahren schon, und zum ersten Mal mit seinem Kanu, das er hauptsächlich hat um auf dem Tiber damit zu fahren, an diese Stelle kam, die auch wir eben an diesem Tag dort für uns entdeckt hatten.

Diesen Bericht will ich damit beenden — aber der Tiber fließt weiter!

Mitte September in Umbrien
Unmittelbar vor der Quelle war Schluss: Der plötzlich einsetzende Regen hatte den steilen Lehmpfad so schmierig werden lassen, dass man keinen Halt mehr fand. Der Bautrupp weiter unten war zwar damit beschäftigt, neue Stufen einzusetzen und das morsche Geländer zu erneuern aber bis zur eigentlichen Quelle, die man glaubte, angeschwollen von dem Regen, der uns unten im Dorf Falera überrascht hatte, schon rauschen zu hören, würden sie noch ein zwei Wochen brauchen. Wir rutschten aus, Hose lehmverschmiert, und drehten um – mehr schliddernd als gehend.

Jahrelang schon hatten wir die Tiberquelle besuchen wollen. Die Schnellstraße von Terni nach Cesena, der kürzeste Weg aus Umbrien nach Norden, nach Ravenna, Padua, Venedig führt dicht daran vorbei, führt durch die Erosionslandschaft der östlichen Ausläufer des Appenin, der „alpe de la luna“, durch die Landschaft deren charakteristische steile, graue Kegel und Schrunden schon auf den Fresken von Ghiotto und den Bildern Pierro de la Francescas und vieler anderer umbrischer Maler erscheinen. Man ist geneigt sie auf den Bildern für Abstraktionen zu halten – „Landschaft“ als Hintergrund halt – bis man diese karge Landschaft selbst entdeckt und durchstreift. Wie es der Tiber tut der mitten in diesen hohen Hügeln entspringt, die Quellöffnung in Marmor gefasst – woher wir das wissen? – abgesehen davon, dass Natalie vor Jahren von Sansepolcro aus von einem verliebten Padre (nicht in sie verliebt, sondern in Jemanden, der dort lebte) schon einmal dorthin mitgenommen worden war, fanden wir ein Bildchen der Quelle auf den kleinen Zuckertütchen, die man im nächsten Dorf zum Kaffee bekommt, wenn man sich ihn am Tisch servieren lässt: an der Bar bedient man sich ja, wenn man überhaupt Zucker in das schwarze Schlückchen tun will, selbst aus den raffiniert gestalteten Zuckerdosen, die zum Beispiel ihren Deckel lüften, wenn man einen der beiden Löffel, die an der Seite stecken, herausnimmt. Solch ein Tütchen liegt jetzt vor mir – als Erinnerung an den gescheiterten Besuch der Tiberquelle mitgenommen.

Der Bach mit dem jeder Fluss beginnt, außer dem breiten Strom der bei Fontaine de Vaucluse
gespeist aus den Wassern des Mont Vontoux aus seiner gewaltigen Quellöffnung tritt und Petrarka, der hier im Exil lebte, Laura in seinen Gedichten anbetete und von hier aus zu seinem Spaziergang auf den Bergrücken, der diese ganze Landschaft beherrscht, aufbrach so tief beeindruckt hat, der kleine Bach Tiber hat sich sein bescheidenes Bett sehr malerisch in unendlichen Windungen durch die grauen Hügel gegraben und sie an seinen Ufern dicht begrünt. So ist es dort noch heute im Hinterland der Schnellstraße. Aber jetzt dominiert diese Straße das Tibertal – mit wenigen Strecken dazwischen, in denen sie entfernt vom Fluss geführt ist – bis nach Rom, ja, bis er bei Fiumicino ins Thirrenische Meer mündet, auf den letzten Kilometern als steriler Hafenkanal zementiert.

Und doch, wer sich die Mühe macht, den Windungen zu folgen, das meist fahle bis ockerfarbene Wasser dort zu beobachten, wo man ihn auf kleinen Nebenstraßen kreuzt, dort, wo solche Sträßchen am Ufer hinter Weiden und Pappelgestrüpp entlangführen oder wo man nur schmale Trampelpfade, bestenfalls tieffurchige Ackerwege antrifft. findet durch alle Jahreszeiten malerische Reize – und bewegende Geschichte, unsere Geschichte.

Meist ist ja das Tibertal eine breite Ebene zwischen behäbig ausgebreiteten Hügeln von deren profilierteren Kuppen die umbrischen oder latinischen Städtchen grüssen. Aber hin und wieder musste sich der werdende Strom durch felsige Höhen beißen, fließt Kaskaden bildend über Barren die dem Wasser bis heute widerstanden haben, oft ist es der harte Basalt der noch immer an die vulkanische Phase dieser Landwerdung erinnert, oder er findet sich auf eine schmale Rinne beschränkt im Grunde eines Canons, den man, wie seinen großen Bruder in Amerika nur mit einem Paddelboot erkunden kann. Paddelboot – der Fluss hat auch besondere Freunde, die, um auf seine landschaftlichen Reize und seinen natürlichen Wert hinzuweisen, jedes Jahr in einer langen Kavalkade von der Quelle bzw. dicht danach bis zur Mündung, mit ihren Paddelbooten und Kanus den Fluss hinunterfahren. Bis weit hinauf – wir konnten noch nicht herausfinden wie weit, war er durch Jahrhunderte, auf jeden Fall aber zur Römerzeit schiffbar. Das zeigen ausgegrabene Hafenanlagen und einstmals blühende Hafenstädtchen aus dieser Zeit wie bei Otricoli. Selten ist die Tiberschiffahrt in zeitgenössischen Bildern dargestellt, so dass man sich kein rechtes Bild machen kann welche Schifflein darauf fuhren.

Und fruchtbar war und ist dieses Tal. Während Wein und Oliven sich meist auf den Hügelhängen ausbreiten, von Weizen- und in den letzten Jahren immer mehr Sonnenblumenfeldern unterbrochen soweit sie nicht von dem sehr lebendigen umbrischen Eichenwald – seltener von Kastanienwäldern bedeckt sind, wächst der Tabak nur in der Flussebene. lässt sich sogar im trockenen Sommer noch zusätzlich mit seinem Wasser beregnen. Üppige Gärten umgeben die Häuser, abgesehen von den geschlossenen Bergstädten – den jahrhundertealten Wohnstädten dieser Landschaft – findet man in der Fläche eher Einzelhöfe und – häuser. In den letzten Jahrzehnten nehmen allerdings großflächige Gewerbeansiedlungen einen großen Teil dieser Flussebene ein, nur nächtlich ein faszinierendes Bild, dieses Lichtermeer. Der Reiz der „Lage mit Aussicht“, die damit werbende Häuser für die vielen ausländischen Interessenten so wertvoll macht ( zur Freude der Verkäufer und Makler ) besteht in dieser Hinsicht eigentlich nur nachts von der Terrasse, tagsüber hebt man den Blick besser zu den fernen Horizonten, zu den lebhaften Silhouetten der Hügel und fernen Bergketten – die sibillinischen Berge tragen bis weit in den Sommer ihre Schneespitzen – und zum breiten kahlen Rücken des Monte Sobasio an dessen Hängen Spello und Assisi liegen ( eine „strada bianca“ verbindet sie über den Berg hinweg ) und der, vielleicht auch in Erinnerung an den heiligen Franz, der an seinen Hängen Eremit und später Heiliger war, mit einem Mönchsschädel – mit Monsur – gemahnen soll. Nachts, wie gesagt, bietet die Ebene das schöne Spektakel einer von sich bewegenden Schnellstrassenbefahrern durcheilten Welt aus Lichtern. In dieser Welt wird aber auch das Geld verdient mit dem die historischen Städtchen und Städte auf den Höhen alle inzwischen so wunderschön hergerichtet sind mit restaurierten Häusern, Stadtpalästen und Kirchen, vieles noch mit mehr oder weniger gut erhaltenem romanischen Baubestand – Schätze der Baukunst in unvorstellbarer Fülle – mit sehr geschmackvoll und oft originell natursteingepflasterten Strassen und Plätzen, kaum je durch unpassende Möblierung gestört. Nachts werden in manchen Orten anstatt der nüchternen und oft zu hellen modernen Straßenbeleuchtung Öllämpchen angezündet – besonders zu den so beliebten und in allen Orten, großen und kleinen mit viel Liebe und Begeisterung abgehaltenen Festen, den „sagras“ und den häufig wieder belebten historischen Zelebritäten: Prozessionen in historischen Gewändern, Kampfspiele in barocker Pracht oder nur Essen und Trinken und Tanzen in fröhlichem Miteinander der Bewohner, die auch Ortsfremde unbeschwert an ihre Tische bitten.

Die Menschen hier – häufig nicht sehr groß, eher gedrungen, erscheinen uns freundlich gegen jedermann – sind wohl noch immer Umbrer, links des Tiber, und Etrusker, rechts des Tiber, der alten Grenze vor viel mehr als 2000 Jahren. Wir hatten in Orvieto einen alten Etrusker auf einer Grabdeckung gesehen – nachher trafen wir Massimo: er war dem Etrusker wie aus dem Gesicht geschnitten ähnlich! Auch wenn in diesen zwei Jahrtausenden immer Fremde hier herrschten und ausnahmslos grausam ausbeuteten was diese reichen Landstriche zu bieten hatten – so sind die Zwingburgen, deren Ruinen jede Stadtansicht „krönen“ , die „ roccas“ alle von den vielen Päpsten errichtet worden, die sich darin überboten das Land auszuplündern und das ging halt nur mit gewalttätiger Unterdrückung der Städte die am Anfang freie Städte gewesen waren, die voll Stolz ihre Eigenheiten entwickelt hatten an die sie jetzt wieder anzuknüpfen bemüht sind. Darum auch die vielen farbenfrohen mittelalterlichen „remakes“ die inzwischen vom Tourismus weidlich ausgeschlachtet werden obwohl das eigentlich gar nicht ihr Hauptzweck ist.

Zusammengehalten wird das alles vom Tiber mit seinen Nebenflüssen unter denen die Nera eine ganz besondere Rolle spielt weil sie auch ein größerer Fluss ist, von weit her aus den Bergen kommt und durch die römischen Wasserfälle, die das Tal von Rieti entwässern und bei Terni über 165 Meter tief in das Valnerina stürzen, bereichert wird. Wenn man hier herumfährt, kommt man alle weil über eine Brücke , wenn man von den Hügeln aus schaut, windet er sich unten durch´s Tal – und wenn man nach Rom kommt ist er der rote Faden an dem man sich die Stadt erschließt. Da es aber über den Tiber in Rom so viel Erzähltes gibt will ich mir das in diesem Tiber-Brief ersparen – so reizvoll der Kontrast zu „unserem“ Landschaftstiber ist – er wäre kaum wieder zu erkennen, wenn es nicht das gleiche fahle und oft ockerfarbene Wasser wäre.

Lieber will ich noch etwas von unserem persönlichen Verhältnis zu ihm berichten. Das ist sehr stark davon bestimmt, dass er eines von Natalies beliebtesten Motiven ist, die dichten vielgestaltigen Ufer, die schönen Brücken ( die anderen überspringen wir einfach ) und das unerschöpfliche Spiegeln und Glitzern und Kräuseln und Strömen. Was Wunder, dass wir schon viele, viele Tage an diesen Ufern verbracht haben – meist allein, manchmal mit Überraschungen: So gibt es eine Malstelle bei Pontecuti, schwierig, nur zu Fuß durchs Gebüsch auf einem schmalen Trampelpfad zu erreichen, einsam aber mit Blick auf eine schöne alte hohe Brücke. Man hörte weit weg eine Autotür, dann erschien kieloben ein Kanu über den Büschen, dann der Mann, der es hoch über seinem Kopf trug. Er blieb mit einem Ausruf grenzenloser Überraschung stehen. Es war unser Freund Jo ( der uns zu unserem Haus verholfen hat) der mit Frau und Kind in Viepri in einer Abtei auf der linken Tiberseite – also weit von hier – wohnt, seit zehn Jahren schon, und zum ersten Mal mit seinem Kanu, das er hauptsächlich hat um auf dem Tiber damit zu fahren, an diese Stelle kam, die auch wir eben an diesem Tag dort für uns entdeckt hatten.

Diesen Bericht will ich damit beenden — aber der Tiber fließt weiter