Eine Farm in Afrika

UNSERE FARM IN AFRIKA
Als 19o4/05 die deutsche “ Schutztruppe “ die Herero am Waterberg geschlagen hatte und in die wasserlose Omaheke getrieben, kamen die Landmesser und setzten ihre trigonometrischen Punkte auf alle Bergspitzen in der sogenannten „Polizeizone“ und teilten das „herrenlose“ Land in handliche Stücke von etwa 3000 ha im fruchtbareren Norden bis zu 30 000 ha im unfruchtbaren Süden.

So teilten sie auch im westlichen Teil des Omaruru-Bezirkes gegen den Rand der Namib hin das Land und bildeten u.a. die Parzellen Nr. 94 mit 5557 ha und 98 mit 5322 ha – die heutigen Farmen Okongue und Otjipetekera mit zusammen ca 11 000 ha, also der Fläche von Bremen.

Okongue ist ein sanft gewelltes Tal mit einfassenden Bergen, zu denen der gleichnamige Berg „Ort des Leoparden“ gehört, der mit seinen 1900 m hoch über das etwa 1500 m über dem Meeresspiegel liegende Land steil aufsteigt – oben mit der unvergesslichen Doppelspitze aus rosa leuchtendem Granit gekrönt. Der gleiche Stein bildet den liebenswürdig zugänglichen „Hausberg“ unmittelbar neben dem Farmhof. Ein breites trockenes Flußbett – Revier genannt – durchzieht das hügelige Tal und vereinigt sich weiter südwestlich mit dem „Ovikangarevier“. Nur in guten Regenjahren nach starken Regenfällen im Oberlauf dieser Reviere fließt für Stunden Wasser – unterirdisch aber ständig ein schwacher Strom. Dunklerer Granit und ein weiß schimmernder Kalkrücken schließen das „Steinland“ nach Westen ab, – die gewundene „Treppenpad“ führt hinauf in die rotsandige Ebene, die viele Stunden weiter im Westen, beim lichtblau im Horizont stehenden „Götterberg“ und der „Kapelle“ in die Namib übergeht. Orientiert an einer hohen massiven Granitbank führen nur wenige schmale Buschpads in die Weite dieses „Veldes“, das von einigen schmalen Revieren und weitverzweigten „Omuramben“ durchzogen ist. Lockere Dornbuschbestände und Aristidagras sind die charakteristische Vegetation – uralte Schirmakazien, Kameldornbäume, und mächtige Omomborombonga wachsen nur entlang der Grundwasserströme an den Revieren.

Es herrscht Trockenheit!

Von kurzen Regenfällen abgesehen, die nur von November bis März vom fernen indischen Ozean über den Kontinent gezogen kommen, weil der nahe Atlantik mit seinem kalten aus der Antarktis heraufziehenden Benguelastrom keine Regenwolken ins Land schickt – nur unfruchtbare Nebel an die Küste – , von diesem wenigen Regen abgesehen, herrscht Trockenheit im größten Teil des Landes. Langjährige Aufzeichnungen in Okongue weisen durchschnittlich 300 bis 4oo mm im Jahr aus. Seit vielen Jahren wird auch diese geringe Menge nicht mehr erreicht. 95/96 war es nur die Hälfte der Durchschnittsmengen. Seit 2000 gab es wieder bessere Regenjahre – 2006 war sogar sehr gut.

Bodenschwellen durch die Reviere gezogen halten das tief im Sand abströmende Sickerwasser fest, damit es flache Brunnen speist. Dämme aus Erde oder Stein halten einen Teil des Regenwassers (wenn sie nicht brechen) bis es zur Jahresmitte hin verdunstet, versickert, verbraucht ist. Und so werden Brunnen geschlagen, bis 25 m von Hand mit Dynamit Sprengungen, bis gut 100 m mit der Bohrmaschine: suppentellergroße Bohrlöcher in tiefer liegende Wasserschichten. Die Orte werden mit Wünschelruten bestimmt – weit über 50% erfolgreich. Die Wassermenge läßt allerdings oft zu wünschen übrig: 5o cbm /Tag ist schon ein sehr guter Brunnen. Aber mit einem gewissen Nachlauf sind mit ganz wenigen Ausnahmen auch diese vom Regen abhängig – kein unerschöpflicher Vorrat sondern kostbarstes Gut. Darüber hinaus können weder Tier noch Mensch hier leben. Es herrscht Trockenheit.

Nur einen Stauwasserbrunnen im Revier gibt es auf Okongue, auf Otjipetekera wurde man erst in den 50er Jahren fündig. Bis dahin war die einzige Wasserstelle ein 1928 bis 32 errichteter Damm, der mehrfach brach und wieder hergestellt wurde, und ein in einer flachen Granitbank gebildetes Vley. Seit 1990 konnte auch in dem neuen Bohrloch nur noch wenig Wasser entnommen werden, der alte Brunnen in Okongue war von einer Flut zerstört: unbrauchbar für Jahre.

Tränken für das Vieh und Farmhöfe mit Gärten konnten am Brunnen im Okonguerevier angelegt werden. Die Weide für das Vieh kann außerhalb der Regenzeit, zu der noch offenes Wasser im Busch steht, nur genutzt werden, soweit die Tiere zwischen dem Trinken laufen können: bis maximal etwa 5 km wenn die Weide im engeren Einzugsgebiet abgeweidet ist.

Rinder, Pferde und Esel leben von Gras: silbern wogendes Aristidagras, kupferfarbene Halmgräser und, leider selten, pelzig grüne Futtergräser. Die Schafe und Ziegen fressen Blätter: am liebsten den hellgrünen kniehohen „Futterbusch“ oder die pelzigen Blätter des blaugrünen Omakalu oder „Kudubusch“. Die anderen sind teils giftig – „Speikraut“ – teils dornenbewehrt – kaum zu erreichen.

Viehzucht war die einzige Grundlage der Farmwirtschaft, bis seit einigen Jahren der Tourismus als Einnahmequelle dazukam.

Rinder – verschiedene Rassen – in Durchschnittsjahren ein Rind je 10 ha Farmland (nach jahrzehntelanger Beobachtung muß man feststellen, dass das zu wenig ist!) gezüchtet als Fleischvieh und als Milchvieh zugleich: etwa 3 bis 4 Liter sehr fettreicher Milch werden abgemolken, die gleiche Menge bleibt für das Kalb, frisch zentrifugiert, die Sahne kommt bis zur wöchentlichen Abholung zur Butterei in die Kühlkammer, Wände aus berieselter Holzkohle (Verdunstungskälte), aus der Magermilch setzt sich Quark ab, der auf Schüttelsieben zu Kasein getrocknet wird – einem Rohstoff für die Chemie der dreißiger Jahre, Schlachtvieh zum Transport nach Südafrika oder in kleineren Mengen nach Walvisbay zur „coldstorage“ (Kühlhäuser)für Lieferungen nach Übersee. Die Bahnreise nach S.A. dauert 6 Tage. Die Fleischpreise waren wegen der Marktferne – außer im Kriege – immer sehr niedrig.

Auf unseren Farmen standen 300 bis 1000, im Durchschnitt 500 Rinder und 1000 bis 2500, im Durchschnitt 1500 Schafe. Wegen Weidemangel musste etwa alle 10 Jahre mit den Rindern unter großen Verlusten etwa 300 km nach Norden „getreckt“ werden auf Pachtweide – jeweils etwa für ein Jahr. Dazu drohen ständig Maul- und Klauenseuche, Rausch- oder Milzbrand, Bangfieber und andere Krankheiten.

Daneben wurde die Schafzucht gepflegt: Karakul für die Persianerpelze! In gehüteten Herden von je etwa 25o Stück – nachts abgezählt, damit keines unbemerkt verloren geht, im Kral – werden sie in 3 Generationen vom weißen „Schwarzkopfpersianer“ mit kurzem harten Haar zum Edelpersianer, dessen Lämmer bei der Geburt das charakteristische schwarzseidene Lockenfell tragen, mit Hilfe teurer Zuchtramme hochgezüchtet. Die Lämmer müssen sofort geschlachtet, abgezogen und das Fellchen zum Verkauf getrocknet werden. Die modeabhängigen Preise lagen zwischen 1o und 5o Schilling. Vielfältige Krankheiten bedrohen die hochgezüchteten Tiere und müssen durch ständiges „Dosieren“ (Medizingaben), Dippen in Schwefelbädern, Naseputzen oder Fußpflege bekämpft werden. Die schlechte Wollqualität brachte zweimal im Jahr nicht viel mehr als die Scherkosten.

Nebenbereiche sind die Hühnerzucht, gelegentlich ein paar Schweine zur Selbstversorgung, Enten und Gänse. Neben dem Eierverkauf wurden Versuche gemacht Butter zu verkaufen, Käse für den Markt herzustellen und anderes mehr. Aber alle diese Produkte brauchen einen größeren Markt in der Nähe als ihn Namibia bieten kann und sind deshalb wirtschaftlich nicht sehr ergiebig, oft nicht einmal auskömmlich.

Vorraussetzung für all das ist erst einmal der Abtransport von der Farm. Dafür standen bis in die 40er Jahre in Okongue nur Eselkarren zur Verfügung: eine schwere Lastkarre mit bis zu 10 Eseln davor und ein leichte, gefederte die mit 4 Eseln bespannt wurde. Die Fahrt zum nächsten Ort: Omaruru, dauerte 8 bis 10 Stunden. Die Rückfahrt konnte dann aber auch erst am nächsten Tag erfolgen.

Auf der Farm wurde viel geritten, meist auf Eseln – bis zu 7o lebten davon in O. – seltener auf den oft ungebärdigen Pferden.

Eine große Rolle spielte der Garten, der morgens und abends bewässert Gemüse vieler Art, Zitrusfrüchte, Granatäpfel und Wein wachsen ließ und Blumen, vor allem Oleander, Kosmea und Zinnien – dazu hochrankende blaue Winden. Aber wehe dem Garten, wenn die Wasserversorgung stockte. Dann war schnell alles hin!

Die Menschen auf Okongue: Friedrich von der Becke, der Vorbesitzer, hatte die Farmen 19o8 von der Regierung gekauft, schrittweise eingezäunt, den ersten Brunnen geschlagen und das erste Haus gebaut. Er starb 1926 bankrott von eigener Hand.

Vater erwarb daraufhin mit geliehenem Geld die Farmen für 2700 Pfund – also etwa 60 000 Mark. Mit 7 Kindern und Mutters Schwester zogen die Eltern mit „Sack und Pack“ aus der Georg Gröning Strasse in Bremen nach O. 1926 im November traf man ein und begann: Vieh kaufen, Garten anlegen, wirtschaften. Auch der Bechsteinflügel war mitgereist.

In Deutschland hatte die wirtschaftliche Entwicklung den früheren Kaufmann aller Mittel beraubt und er sah keine Chancen für einen Neuanfang. So ging er – heute würde man sagen: als Wirtschaftsflüchtling, nach Afrika. Im Hintergrund dieser Entscheidung stand einmal die Zeit, die er als Kaufmann vor dem Krieg in Togo gearbeitet hatte und einige Jahre nach dem Krieg als Tagelöhner in Diensthop bei Verden. Erfahrungen in Afrika vermittelten die Nachbarn: der Schwager, der schon bald 2o Jahre im Lande war, dessen Haushälterin – eine Käsefachfrau – und viele andere. Die Entfernung der Farmhöfe voneinander betrug 10 bis 20 km. Auch im nächsten Ort knüpften sich Beziehungen – man brauchte dort ja auch ein Nachtquartier, da man nicht am gleichen Tage zurückfahren konnte. Arzt und Zahn-arzt gab es erst im fernen Swakopmund – auch das Krankenhaus und das Entbindungsheim. So wurde das allermeiste von der Mutter selbst kuriert.

Im Laufe der Jahre wurde viel gebaut: Mehrere sich ergänzende Wohngebäude, Werkstätten und Remisen, ein Keller für die Käserei und ein Kühlhaus. Gebaut wurde aus selbstgebrannten roten recht weichen Ziegeln mit selbstgebranntem Kalk: – weiß gekalkte Wände und Wellblechdächer. Wegen der Termiten standen alle Häuser auf zementgemauerten Granitsockeln. Strom gab es so wenig auf den Farmen wie Telefon – erst später Radio mit Autobatterie. Gekocht wurde mit Holz, als Toilette diente meist ein weit von den Häusern abgelegenes kleines Häuschen mit dem obligatorischen Herzchen in der Tür und Asche zum Abstreuen.

Neben der großen Familie – nach mir, 1927 geboren in Swakopmund, kamen noch zwei Geschwister dazu – lebten beinah ständig Männer. die bei irgendwelchen Projekten halfen, Farmlehrerinnen oder andere Reisende auf der Farm – meist gut 15 Personen bei Tisch. Später verbrachten wir die Schulzeit in Schülerheimen in Windhuk oder Swakopmund – waren nur in den Ferien zu Hause.

Zunächst gab es eine Namawerft (Dorf) etwa 5oo m querab hinter einem Schlot. Hier lebten etwa 5 Namafamilien in ihren Hütten. Sie waren vor allem als Schafhirten und für Farmarbeiten beschäftigt. Es lebten meist etwa 4o Nama hier. Etwa die gleiche Zahl Herero hatte ihre Werft aus „Pontoks“, den Rundhütten aus armdicken Ästen, die mit einem Gemisch aus Lehm und Kuhmist verschmiert werden, auf der anderen Seite des Reviers. Sie betreuten die Rinder und viele andere Arbeiten und die Frauen besorgten das Melken und die Wäsche, halfen auch im Haus mit.

Anfang der 3oer Jahre verdichtete sich ständiges Geplänkel zu einer handfesten Schlägerei. Danach räumten die Nama das Feld und es lebten und arbeiteten nur noch Herero bei uns bis es üblich wurde auch Ovambo auf Jahreskontrakte anzustellen. Eine Agentur vermittelte diese Arbeitskräfte, meist nur ihrer Stammessprache mächtig aber schnell lernend und sehr geschickt. Sie wohnten – meist 6 bis 8 – in eigens dafür von den Farmern errichteten kleinen Häusern am Hof. Sie sparten allen Lohn um am Ende einen großen grellbunt bemalten Koffer mit allem, was ihnen zu Hause fehlte, zu Fuß am Stock über der Schulter 6-700 km nach Hause zu tragen, denn sie hatten auch das Fahrgeld umgesetzt. Der Durchschnittslohn betrug 25 bis 5o Schilling die Woche zuzüglich Lebensmittel und einige Kleidung bzw Stoffe für die Frauen. Ihre Grundnahrungsmittel waren Mais und Milch.

Auch für die Weißen waren Mais und Milch die Grundlage. Dazu wurde Brot aus Mischmehl gebacken, Eier gab es und Gemüse und Obst – vor allem Kaktusfeigen – aus dem Garten, sonntags oft Hähnchen. Sonst gab es Fleisch nur, wenn jemand auf der Jagd Erfolg gehabt hatte oder – selten – mal ein Hammel geschlachtet wurde.

Wirtschaftlich stellte sich der Farmbetrieb in der ersten 30 Jahren so dar: Die beiden Farmen wurden 1926 für 2634 Pfund gekauft und wegen Investitionen und Inflation 196o mit 24 000 Pfund bewertet. Etwa 110 km Zäune außen herum und zur inneren Aufteilung zur besseren Bewirtschaftung der Weide waren hergestellt und ständig in Stand gehalten, 6 Wasseranlagen mit Brunnen, Windmotor, Becken und Tränken angelegt, die notwendigen Häuser gebaut und der große Garten gepflegt.

Die Betriebsüberschüsse betrugen im Durchschnitt aller 32 Jahre 1000 Pfund – der Lohn der Arbeit für die ständig beschäftigten drei bis vier Weißen also etwa 250 Pfund im Jahr: rund 5000 Mark bei freier Kost und Logis

Anfang der 60er Jahre kehrten die Eltern nach Bremen zurück. Die Farm wurde nach einiger Zeit einem Neffen übertragen der auch die benachbarte Farm bewirtschaftete. Dieser hat wegen der stark rückläufigen Erträge aus der Viehhaltung – die Karakulzucht gibt es wegen sich ändernder Mode schon seit vielen Jahren nicht mehr – seine Farm zur Gästefarm ausgebaut. Da neben den Jagdgästen, die zunächst die Hauptkundschaft bildeten, inzwischen mehr und mehr Schaugäste kommen, hat er inzwischen auch auf Okongue die Viehwirtschaft völlig eingestellt – die gliedernden Zäune beseitigt und baut ein Wildreservat auf. Sein Ziel ist es, den alten Wildbestand, den man aus den Buschmannzeichnungen ablesen kann, wieder herzustellen und mit weiteren Arten des südlichen Afrika zu ergänzen.

So findet dieses Land nach knapp hundert Jahren der Bewirtschaftung wieder in seinen früheren ursprünglichen Zustand zurück