Malen auf Okongue

Repro2006 009

M a l e n   a u f   O k o n g u e

 „Du darfst nie weglaufen!“ wusste mich der neunjährige Sohn  der Wildhüterin Sonja zu belehren als ich vor dem urtümlichen Gebrüll der Pavianherde, die kurz vor meiner Staffelei das Revier kreuzt Reißaus nahm; und ich kehrte reumütig zu dem begonnenen Bild zurück. Die Affen verschwanden im Gebüsch – eine Schleppe von Gebrüll hinter sich lassend. Johanna sagt, sie riefen „Boch-um, boch-um!“ – und wunderte sich, als sie nach Deutschland kam, dass eine Stadt nach diesem Paviansrufe heißt: Bo-chum!                         Die meisten Bilder sind hier im Schatten der Omomborombonga oder der alten Kameldornbäume entstanden – wenige auch auf der alten Veranda des halb verlassenen Gehöftes auf dem früher buntes Leben herrschte. Wir wohnen jetzt in dem kleinen neueren Haus („Hellmut´s Haus) mit seiner bürgerlichen Atmosphäre und der unschätzbaren Dachterrasse unter dem nahen glitzernden Sternenhimmel – das Kreuz des Südens zieht über die Milchstrasse  hin wie der Zeiger der Weltenuhr  – bei jedem Erwachen ein Blick in die Sterne: die Uhr ist weitergegangen bis vor Sonnenaufgang die Venus als „Morgenstern“am blasshellen östlichen Himmel steht  – und im ersten Dämmerlicht Gemsböcke vorüberziehen zur Tränke, Springböcke im Busch  verschwinden.                                                            Viele Wildspuren im Sand der schmalen Pads auf denen ich jogge (früh, bevor es zu heiß wird) , seltener sehe ich die Antilopen selbst, die scheuen – aber einmal, als ich von einer gut tellergrossen Spur hochschaue, guckt die Giraffe auf mich herunter ehe sie wiegenden Schrittes enteilt. Die Nashörner habe ich nie gesehen – vielleicht ganz gut so.                   Ich habe auch zu Füssen des Okongue gemalt. Wir waren mit dem 72er Toyota Offroad dahin gefahren, ich, auf einem Granitblock oben, einen Sonnenschirm an der Staffelei festgebunden, Eberhard  unten im Schatten des Granitblocks, liest mir aus Goethes „Wahlverwandschaften“ vor. Der Berg von der Seite ist „nur“ ein oben spitz zulaufender Haufen Granit; beinah 2000 m über´m Meer erreicht er, gute 400 m davon versuche ich auf meinem Bild  unter zu bringen.

Schon vier mal war ich oben in wechselnder Begleitung – zuletzt mit Johanna in Rekordzeit. Für meinen Eberhard ist dieser Berg, zu dessen Füssen er aufgewachsen ist, der Mittelpunkt seines Lebens – für mich ein Teil von ihm. Aber immer wieder kehren wir zum Malen zurück in die Reviere unter deren gleißend hellem Sand tief unten Wasser läuft, das die uralten Bäume und den Gehölzstreifen versorgt in deren Schatten es auch an den heißesten Tagen kühl ist. Tierspuren kreuzen das Revier, im Schatten der Akazien haben Kudus und Gemsböcke ihre Mistplätze da sie dort die heißen Tage dösend verbringen. Oft schreckt man sie auf wenn man hier geht  oder gar mit dem Offroadwagen diesen hindernisarmen „Weg“ benutzt.   Meine europäische „Palette“ – sie lässt sich nicht so einfach für die afrikanische Landschaft nutzen, für das afrikanische Licht – in diesem Falle des namibischen Hochlandes, –  die klare Luft mit den weiten Horizonten ohne Dunst und ohne Dämmerung in den kurzen Morgen- und Abendstunden. Es braucht seine Zeit bis ich mich „eingemalt“ habe in diese Welt.       Aber auch hier finde ich schließlich „mein“ Thema: Wasser. Schmale Rinnen klaren Wassers noch Tage nachdem das Revier bei starkem Regen „abgekommen“ ist, klare „Tümpel“ (hin und wieder eine Wasserschildkröte darin) unterhalb der Quelle, die über das ganze Jahr aus den Tiefen der Kalkberge rieselt, nach einigen hundert Meter wieder im Kalk versickert. Wasser klar aber braun wie starker Tee in den „Vleys“ – kleinen Seen, die sich in Mulden auf den Granitbänken noch Monate nach dem letzten Regen halten. „Omantangara“ ist der klangvolle Name des größten dieser Vleys auf Okongue. Ich habe dort oft gemalt mit dem Berg im Hintergrund bis das Wild: Antilopen,Wildschweine, Perlhühner, Felsentauben nach Sonnenuntergang zumWasser kamen. 

Neben dem – seltenen – Wasser ist es der beinahe allgegenwärtige Granit, der als Motiv in seinem unerschöpflichen Formenreichtum (durch Äonen der Verwitterung) zu Bildern sich anbietet, oft allerdings zu bizarr, um als Abbild noch glaubwürdig zu sein. Sehr reizvolle Ausflüge führen zu den bemerkenswertesten Granit-formationen wie dem Brandberg, der Spitzkoppe oder dem Erongo.

Und dies sind auch die Schwerpunkte der „Buschmannszeichnungen“.

In Erdfarben mit Eiweißbindung  haben Vor-Bewohner vor – vermutlich – vielen tausend Jahren mit dem bekannten Geschick der eidetischen Menschen sich selbst und ihre Tierwelt an die Wände ihrer Höhlen und der leicht nach vornüber geneigte Granitwände gemalt, zum Teil auch in Relieftechnik eingekerbt. Im Süden Namibias, den wir nicht besucht haben, gibt es Darstellungen in Relieftechnik von weit über 30 000 Jahren Alter.     

Nach vielen Wochen brachte ich eine dicke Rolle bemalter Leinwand mit nach Hause. Vorbereitete Stücke Leinwand hatte ich, immer wieder neue,  provisorisch auf die mitgebrachten Keilrahmen befestigt,  Bilder aus einem fernen Land.