Morgenstunde

M o r g e n s t u n d e

Tiefe Fensterleibungen , hohe Flügel unter dem Kämpfer ,vergilbtes Weiß alter Ölfarbe . Hungrig sind die vier Kranken und reden vom Essen. Es ist ihre Sucht.

Aus dem braunen Volksempfänger oben auf dem alten Klassenschrank kommt in flachen Tönen das erste Lied nach dem 8 ten  Mai : „ Wenn es früh um sieben bei Dir klopft – tok , tok , tok , dann ist es sicher nicht mehr die

Gestapo , wenn es früh um sieben bei Dir klopft , tok , tok , tok , dann ist s der Milchmann , sei doch froh ! „. Die Wunden klopfen unter den Binden aus zerrissenen Bettüchern  , jeden Morgen nach dem frühen Wecken . Die Nachtwache leert die Bettflaschen aus .Zwei lange Stunden sind es noch bis zum Frühstück : dem klebrigen bitteren Maisbrot , dem lauwarmen Karo Kornkaffee.

Walter lag mir gegenüber , Horst und Peepi  – ein Wiener – in den anderen Ecken des früheren Klassenraumes .Die Wunde am Bein schmerzte pochend und hat gestunken . An den Gestank gewöhnt man sich ,  an den Schmerz nicht .

Erst hatten wir die ganzen Tage  bis in die Abenddämmerung hinein vom Essen geredet. Dann nur noch vom Wecken bis zum Frühstück . Während des übrigen Tages war das Thema tabu.

Von den  „ Bratkartoffeln „ mußte Horst  oft erzählen:

Die schwarze Eisenpfanne wird über das duftende Torffeuer geschoben , das sie nur langsam warm macht . So schmelzen auch die Speckwürfel nicht so schnell und das austretende Fett brutzelt nicht . Es würde bitter , wenn das Feuer zu heiß wäre.                                            

Die mehlige Kartoffel , die schon morgens gekocht worden war , türmt sich nach dem Pellen zu goldenen Bergen. Aber erst kommen die Zwiebelscheiben in die Pfanne , zerfallen zu Ringen , die schnell blass werden . Darauf  die Kartoffelscheiben , fünf kommen auf einen Zoll und dürfen nicht zu dünn sein und nicht zu dick ! Schicht um Schicht nimmt die Pfanne auf in das siedende Schmalz.                                       

Grobkörnig ist das weiße Salz in dem dunkelbraunen Steinkrug  , das die kundige Hand über jede neue Schicht , segnend , verstreut. Das breit-flächige Pfannenmesser aus federndem Stahl löst mit zartem Druck die ersten Scheiben vom Pfannenboden , mit dem ersten braunen Schimmer steigt der würzige Duft auf . Aber mit Geduld wird dieses Umwenden fortgesetzt bis alle Scheiben goldene Ränder haben und das Schmalz in ihrer mürben Oberfläche aufgesogen ist. Die trockene Pfanne kommt schnell vom Herd auf den Holztisch  , den tiefbraunen , wie altes Pferdegeschirr hundertfach gegerbten Tisch.                                               

Im Weidenkorb schichten sich die über den Laib  geschnittenen Scheiben des hellen Brotes mit der lackbraunen Kruste , groß wie zwei Handteller  ehe sie sich zum Gebet zusammenlegen .

An Festtagen gibt Walter   den „ Gänsebraten „.

Dazu muß es kalt sein damit die Gans gut abhängen kann  bevor sie am frühen Morgen auf das Bord über dem Herd  kommt um langsam warm zu werden  – handwarm. Die Zubereitung beginnt mit dem Abflämmen  des letzten Flaumes . Das wird zum Schluß der krossen Haut den Geschmack nach Wildnis geben , durch die milde Sahnesoße hindurch. Aber soweit sind wir noch nicht.                                                                                   

Erst  kommt die Füllung. Bei uns sind es Esskastanien  mit Rosinen . Am  Abend vorher sind die Kastanien abgezogen und geviertelt  worden  und die Rosinen kleingeschnitten . Richtig : Mandelsplitter gehörten noch dazu und eine Prise Kardamom. Auch die Füllung braucht diese Andeutung von Bitterem . Und ein kleiner Stich Schmalz kommt dazu .                                                           

Dann das Salz! Ganz gleichmäßig muß es auf dem feuchten Körper verteilt werden  bevor die Gans in brauner Butter goldgelb angebraten wird . Der Ofen darf nicht  über 18o Grad werden , damit das empfindliche milde Fett nicht leidet , wenn es hinabrinnt in das flache Wasserbett , in dem die Gans liegt , und damit das Fleisch nur langsam gar wird. Man muß Geduld haben über Stunden.                                                    

Es gibt ja aber auch noch viel vorzubereiten. Die grünen Klöße  müssen lange ziehen. Im Rotkohl  lösen sich in seiner sanften Wärme  die Boskop Äpfel langsam auf  und geben die Nelken frei , die wir darein gesteckt hatten  . Übrigens : Rotkohl zum Gänsebraten wird nicht mit Schmalz gekocht  – das paßt nur zum trockenen Rehrücken  und er darf auch nur einen Hauch von Säure mit auf den Weg . auf den Teller bringen

Erst wenn der Braten aus der Röhre genommen wird um sich zu setzen werden die Salzkartoffeln aufgesetzt  , eine mürbe kochende Sorte , damit sie grad weich sind und dampfend  bevor sie zerfallen  auf den Tisch kommen , wenn der Bratenfond  mit ganz wenig saurer Sahne sämig gerührt auch bereitet ist.

Es soll Glück bringen , wenn wenigstens sieben um den Tisch sitzen , wenn die Gans zerteilt wird  und man sollte sich soviel Zeit nehmen für das Essen wie für das Braten.

Es gab noch viele Gerichte  zwischen Wecken und Frühstück , viel Gestank und Schmerzen  bis der Sommer in den Herbst überging und wir zersteut wurden in alle vier Winde  und erinnerten uns doch noch oft an die    „Morgenstunden“ – kurz nach dem Wecken , kurz nach dem Krieg.