Das Abendmahl

D a s    A b e n d m a h l

 Im Cafè ist Betrieb. Die meisten Gäste stehen, denn an den kleinen Tischen kostet der Kaffee das Doppelte. Man trinkt ihn ja doch schnell aus – kalt ist er nicht zu genießen! Im Cafè ist Betrieb. Der Platz ist leer – bis auf die Menschenschlange. Lang in der Diagonale, dann am Ende abbiegend sammeln sich Menschen aus der Strasse von links. Die, die gemächlich von rechts kommen stutzen kurz, suchen  die Situation zu erkennen: die menschenfreien Kirchentüren, den niedrigen Bau, der sich, modern, daran anschließt, –  die breite Glastüranlage im dunklen Rahmen übersehen sie zunächst, obwohl die Menschenschlange genau dort endet. Sie blicken suchend, da, sie zucken leicht zusammen, gehen dann schnell, beinahe laufen sie, auf kürzestem Wege über den Platz, durch die Wartenden sich drängelnd dorthin, wo sich das kleine Gedränge zum Ende der Schlange formiert.

Der rote Rock ist das Ende! Nein – die drei dort stehen auch schon in der Pose des Siegers da, der Erstgeborenen, derer, die schon dazu gehören und – im Augenhintergrund ein Drohen vorbereitend – bereit wären, ihren Platz gegen die später Kommenden zu verteidigen. Notfalls, aber niemand wagt es, gegen das Formationsgesetzt der Schlange zu verstoßen, notfalls würden sie ihren Platz und damit die Rechte der zur Schlange verbundenen Menschen, ihrer Menschen, mit allen Mitteln verteidigen.

Asiaten sind es fast alle, dunkle unsentimentale Augen, kompakt, adrett –  und langmütig bereit miteinander und mit den wenigen höher herausragenden, rotgesichtigen saloppen Fremden mit den eindrucks-

vollen Nasen die Warteschlange zu bilden.

In der Schlange unterhält man sich nur flüsternd. Und da die Schlange alle aufsaugt, die zu dem Platz vor der Kirche kommen ist der Platz sonst leer. Nur im Cafè ist Betrieb.

Schubweise treten Menschen aus der Türanlage, der gläsernen in dem dunklen Rahmen  und verschwinden  mäßigen Schrittes, die Wenigsten im Cafè. Sie gehen an der alten Kirche entlang ohne sie weiter zu beachten. In dieser Richtung liegt die Stadtmitte, der Duomo.

Aber es treten nicht nur Menschen aus der Glastüranlage, die Schlange tritt in abgezählten Zwanzigergruppen ein in das Dunkle und stehen ein paar Schritte weiter wieder im Hellen vor der Kassentheke. 12 000 L geben sie, Senioren und Kinder die Hälfte. Ein unscheinbares, unschönes Schnipselchen bekommt man dafür –

und den Weg frei nach rechts in den Hof.

Ein unsicherer Blick umfasst die Kirche, flache Gebäude, modern, spärliche Vegetation – zuletzt die Vor-Gänger, der Trupp der Zwanzig zu dem man selbst gehört. Links hinten verschwinden sie schon in einer weiteren Glastüranlage wie wir sie schon vom Platz her kennen.

Wir eilen, den Anschluss nicht zu verpassen, nicht ausgesperrt zu werden. Die Glastür aber ist zu! Mit unbewegtem Gesicht dahinter eine Frau im Kittelkleid, Knoten im grauen Haar, der linke Mundwinkel hängt etwas – wie die Nasenspitze.

Aber sie kennt das Geheimnis: Kaum hat sich „unsere“ Gruppe vor der Tür versammelt öffnet sich silengesteuert ( das wissen wir ja alle, wie so etwas funktioniert, das wundert uns nicht mehr so wie die deutschen Jungs 49 zu Ostern in Paris als sich dem neugierigen Blick in`s Nobelhotelfoyer von Geisterhand die Glastüren öffneten) also ohne eine Bewegung der links leicht hängenden Unterlippe öffnet sich vor uns die Tür, gleitet lautlos zur Seite und hinter uns wieder zu. Der Vorgang wiederholt sich als wir dem hellen Gang folgend uns wieder nach links wenden. Noch einmal nach rechts und wir stehen im hohen langrechteckigen Saal.

Wandhoch, vielfarbig, achsial komponiert die Kreuzigungsscene, eine festliche Farborgie mit strahlenden Rots, leuchtendem Blau, Men-schen über Menschen, neben Menschen, unter Menschen – halb Jerusalem muss wohl auf dem Weg gewesen sein damals vor dem Passahfest und viel Besatzungsmacht dazwischen und Pferde, starke Pferde, die der Maler offensichtlich am liebsten von hintern malte, mächtige geile Schenkel, pralle Ärsche, wallende wogende Schwänze

       wunderbar gemalt. Und keiner schaut hin!

Das Trüppchen steht rechts, verloren vor der Größe des Saales, un-

schlüssig die Kamera in der  Hand wiegend  – „No flash“ flüstert eine Frau mit Namensschildchen am Revers der dunklen Jacke die sie zu einem mausgrauen wadenlangen Rock und, die Farbe ist schwer zu erkennen, olivbeigen(?) hochgeschlossenen Bluse trägt.

Unschlüssig auch die achtzehn Augenpaare, die mandelförmig schma-

len in den runden Gesichtern unter dem dunklen Haar der Asiaten. Eine in Hüfthöhe angebrachte Eisenstange quer durch den Raum, Quadratprofil, dunkel gestrichen gebietet Ordnung. An dieser Stange, genau genommen drei Meter davor, hat sich die Gruppe eingerichtet,

orientiert sich und sucht im eher dunstigen Licht zu erschauen, wiederzuerkennen.

Schnell durchgezählt als erstes nachdem die Augen sich auf das blasse Bild über der unter dem hohen hellen Wandfeld eingestellt haben. Ja, es stimmt: dreizehn Personen am langen weißen Tisch – unten alle abgeschnitten wegen der Tür.

Ein mächtiger „moderner“ Raum großer Tiefe, hochrechteckige Fenster, je drei rechts und links, die graue Decke unter leuchtend hellem Sturz, Raum oder Bild? Wir wissen es ehe wir sehen: Es ist das Bild des Raumes in dem er mit seinen Jüngern – eine irreleitendes Wort, wenn man seiht wie ältere und alte sich um den jungen, grad dreißig soll er gewesen sein an diesem Abend, ja, er scheint wohl der Jüngste, der Dunkle dort an der Wand in die Mitte gesetzt gemalt, dominant, still, seine schmale Figur gegen die  kräftig bewegten Gestalten am Tisch . Brötchen  liegen herum, sorgfältig „zufällig“ verteilt und einfache flache Schüsseln. Dunkles liegt darauf: Das Lamm? Es ist wohl gekocht, es müssen wohl mehrere gewesen sein für die vielen Esser – auch wenn er wohl keinen Bissen hinunter gebracht hätte. – aber er hat es gar nicht versucht, vielleicht aber ein Stückchen Brot und einen Schluck Wein? Nein! „Dies ist mein Leib, dies ist mein Blut.“ Es war nicht sein Mal sondern ihres, die sie noch nicht wussten, „das es Abend war“: Hätte sonst jeder so lebhaft und so ausdrucksvoll seine Rolle gespielt? Sich gruppiert neben Ihm, gespro-chen, und nicht mit Ihm?  Bis auf den armen Teufel der das Wort an ihn richtete und hatte doch seinen Auftrag: den „Verrat“, schon beschlossen. Auch er wird keinen Bissen hinunter bekommen haben.

Aber das sehen wir alles nicht genau: Die rechte Bildhälfte ist in ein schwaches milchiges Licht getaucht, die linke noch dunkler durch die beiden hellen Arbeitslampen, die die Hände der beiden Mädchen be-

scheinen die dort beschäftigt sind. Darüber und unter ihren Händen nur schemenhaft die bekannten Figuren die uns in ihren Gesten bekannt sind wie die Tonfolgen und Akkorde der kleinen Nachtmusik.

Aber darum stehen wir hier, darum stehen die Asiaten hier, darum die Schlange draußen auf dem leeren Platz, die Glastüranlagen – acht habe ich gezählt – die Silenzellenmontage, die Frauen in den Kittel-

Schürzen, in den mausgrauen Röcken und einige Uniformierte, unauf-

dringlich aber bestimmt.

Etwa zwei bis zweieinhalb Stunden stehen sie in der Schlange, unterhalten sich flüsternd, schauen kaum zur Kirche – manchmal nur abschätzend auf die Länge ihres Weges zur Glastür in dem dunkel gestrichenen  Metallrahmen. Sie wissen je eigentlich auch nicht rich-

tig was sie drinnen erwartet außer der Erinnerung an die unzähligen Abbildungen von Leonardo da Vinci´s  „Abendmal“ die sie letzlich hierher geführt haben, diese bunten Bildchen, seltener gerahmte Fas-sungen  in dem unvergesslichen Längsformat 18 auf 64 Zentimeter im

schmalen dunklen Naturholzrahmen. Vielleicht hing eines früher bei den Eltern über dem Büffet im dunkel möblierten Esszimmer – noch seltener über dem hellen Holz der Eckbank in der Wohnküche der Grosseltern. Nie aber hing diese Reproduktion daheim bei den Asiaten                 

die jetzt, da die Ferien in Europa zu Ende gegangen sind, das Gros der Besucher darstellen.  Sie kannten nur den Colordruck 2.4 x 9.8 im Reiseprospekt neben den Fotos des Markusplatzes mit Dogenpalast und San Marco und den Kuppeln über Florenz und Rom.

So stehenwir da, unschlüssig noch, ob wir unserer Bildung weiter nachgehen sollten: Namen aus der Erinnerung herauskramen, Insig-nien zuordnen: Ist der links hinten nicht Petrus? Oder der vorn rechts mit dem bläulichen Tuch?

Wir schauen, warten, hinter uns wird die Gruppe unruhig nachdem die leise japanische (?) Stimme aufgehört hat erklärend zu murmeln.

Aber das Bild macht uns ganz ruhig – es zieht uns hinein in die Kraft seiner Ordnung, in den strengen schmucklosen Raum mit dem weißen Tuch über den Tisch gebreitet und den Menschen an diesem Tisch.

Nicht die Dramatik des Geschehens nicht die offenkundige Dramaturgie des Bildaufbaus und nicht das vorherbestimmte und Gottes Wille erfüllende Geschick des jungen Mannes  in der Bildmitte zwischen seinen  „Jüngern“ – den älteren und alten – Nein!

Der ruhige Atem des Malers, die Stetigkeit seines Planens, die Beherrschung der künstlerischen Mittel (wenn auch leider nicht so sehr der technischen!)  – die Kunst des Leonardo berührt uns tief –

und lässt uns als Gesegnete gehen.

 

Mailand am 22.10.1997       

Regentag

Repro2006 020

Regentag

Er sprang aufs Rad um vor dem Regen zu Hause zu sein, die ersten Tropfen fielen, schnell mehr    unter der Linde kurz vor seinem Haus stellt er sich doch noch unter – da stand auch schon jemand, den der Regen überrascht hatte. Es regnete immer stärker.

„Kommen sie mit, dort ist mein Haus, ins Trockene!“ Als sie mit den Rädern in die Diele traten, waren doch beide schon nass bis auf die Haut.  Sie zögerte nur kurz    „Ziehen wir das nasse Zeug aus, hängen es zum Trocknen, ich lass uns die Wanne ein, dass wir uns aufwärmen!“ hatte er vorgeschlagen und begann im wohlig warmen Wasser ihre Füße zu massieren    und legte sich dann selbst dazu.  Nachher ging sie durch die Wohnung, schaute sich alles an    und er schaute sie an.

Dies Ritual hielten sie bei – jedes mal zogen sie sich wortlos aus, gingen herum, schauten sich an, badeten wohl auch wenn´s kühl war in der warmen Wanne, streichelten sich zärtlich; ein glücklich liebend Paar    nicht mehr.

Sie teilten sonst ihr Leben nicht – hatten aber auch keine andren Liebschaften neben dieser gemeinsamen Wartezeit voller Zärtlichkeit    und wenn sie nicht 17 geworden wäre und er sie nicht entjungfert hätte, wären sie das wohl bis heute. 

Your de Bagneux

Sonnenblumen 012

Y o u r   d e s   B a g n e u x

Am 8.8.1994

 

An der Biegung des grasüberwachsenen Feldweges sind die Blumen und Nesseln geknickt. Stroh bedeckt den Boden, seidenweiches Polster aus den harten Halmen des Weizens, seine Fruchthülsen liegen zwischen den schütteren Stoppeln.

Die Körner wurden vom Mähdrescher in Lastwagen gepumpt. Aber beim Wechsel pulsten gut  zehn Liter zurück an den Feldrand. Wir nahmen sie mit dem Porzellankump auf, sammelten sie in dem alten Leinenbeutel – Vorrat! Er lag noch jahrelang unbeachtet in der Garage in Luzern. Wurde dann als Vogelfutter verstreut.

Was wir nicht bergen konnten wurde vom Gewittersturm ins Feld gespült: Saat für eine ungewollte Ernte.

Das Licht der untergehenden Sonne versilbert Stroh und Stoppeln. Goldglanz schimmert auf den verlorenen Halmen. Die Bewirtschafter malen täglich neue Farben in das Bild: dem Grau des trockenen Getreides, der Ähren, die die Körner in vergrauten verwitterten Häutchen halten folgt der Ackergrund, darauf die schweren Rollen des ausgedroschenen Strohes, daneben ein anderes Feld übersäht mit den rötlich und gelblich flackernden Feuerchen des Abflämmens, hinterlässt anthrazitene Spuren bis der Flug die steindurchwirkte rote Erde aufwirft, Bahn  neben Bahn und die Egge den Acker wieder zurück nimmt in´s Graue.

Darüber Sonne, Dunst, der helle Rauch der Brandäcker, dunstig auch der Himmel über dem Horizont, über den unzähligen spitzen Kirchtürmen die inmitten der in die Täler geschmiegten Dörfer Burgunds stehen. Dörfer aus den graugelben Mauern, vor Jahrhunderten wohl schon von den Äckern gesammelter Kalkstein, vor Jahrhunderten schon der Kalk für den Mörtel gebrannt mit dem Holz der weiten Wälder, gelöscht mit dem frischen Wasser der Bäche. Mörtel und Mauerstein sind aus einem Material, dem Kalksteinen, vorher und nachher.      

Scheune und Schloss, alles aus dem Material dieser Hügel gebrochen. Nur die Steine für die feinen Gewände, für die Gewölberippen der Kirchen, für die Kreuzgänge und den Kapitelsaal in Fontenay, der schmucklosen Zisterzienser Abtei mit – doch nicht ganz schmucklos –

 den ägyptisch orientierten Kapitellen, den keltisch überlieferten Kreisbögen die sich zum Ornament überschneiden. Diese Steine sind von weit her geholt: alpiner Granit?

Leidenschaften scheinen dieser Landschaft fremd wie diesem Kloster  mit seinen asketischen Regeln. Und gingen doch von Burgund nicht viele Kämpfe um die Macht in Europa aus und die Energie zum ersten Kreuzzug?

 

Die Geschichte vom Mann, der nicht dabei war

Die Geschichte von dem Mann ,der nicht dabei war

Die schmale Rinne in der Mitte der  steilen , schmalen Straße war trocken , voll Abfall und Staub . Wenn der Regen  wieder ein mal lange ausblieb fegte Joseph  nach seiner Werkstatt und den kaum zwei Fuß breiten  Stein-platten  vor seinem Hause auch die Rinne ein Stück weit , trug den Abfall und Staub zum Schuttplatz am Rande von Nazareth  zum Tal hin.

Als er zurückkam , sich einen Becher Tee zu holen , bevor er wieder an seine Werkbank ging , kniete die Frau mit erschrockenem Gesicht vor dem seltsamen Gast , der hell in der dunklen Stube stand und das Unglaubliche sprach von der zu erwartenden Geburt eines Sohnes , – bevor noch Joseph seine Scheu vor seinem jungen Weibe  würde überwunden haben . Zu ihm gewandt , kein Bild hat dieses je gezeigt , ließ er in dem erstaunten Manne das Wissen wachsen , seine Frau maria zu schützen und zu lieben – aber nicht zu berühren , wie es ihn seine Scheu vor ihrem zarten Leibe auch bisher eingegeben hatte.. So stand er noch lange an ihrer Seite als der helle

Den Jungen , den sie dann aus Bethlehem heimgebracht hatten , hielt er wie sein eigen Kind , half ihn wiegen und – später – füttern , schnitzte ihm erst Püppchen , später Stecken  und befestigte ihm ein Rad daran , es vor sich her zu treiben . Größer geworden  saß der Junge gern auf der Werkbank , zuzuschauen  und hörte , mit seinen  ersten Augen am Munde des Mannes hängend  , zu , wie ihm dieser vom Holz und den Dingen , die er daraus zu machen verstand  – von einem hölzernen Kreuz hat er aber wohl nie gesprochen – aber von den Menschen , für die er die Dinge machte , wenn das Holz glatt gehobelt und die Teile zueinander gefügt waren zum Gebrauch.

Aber oft hatte Joseph das Gefühl , er sei mit seinen Blicken weit fort und verstummte und arbeitete schweigend weiter . Jesus war ein stilles Kind .

So gingen  die Jahre dahin und nichts geschah  in Nazareth als die jährliche Ablösung der römischen Legion und dem Wechsel der Arbeiten auf den Feldern rings um mit dem Wechsel der  Jahreszeiten.

Maria hatte die Geschenke zu seiner Geburt tief in ihrer Kleidertruhe verstaut . So lebendig die Erinnerungen an die armselige Hütte in B. , an die Hirten und Magier , die vor ihnen gekniet hatten , die schreckliche Flucht durch die karge Negev Wüste  und ihre Rückkehr nach Nazareth , so lebhaft die Erinnerungen daran waren , – sie sprachen nie darüber , um das andere nicht zu berühren, daß sie doch nicht fassen konnten . Aber da Maria doch fröhlich war , sang sie viel und so war s Joseph auch zufrieden und das Kind wuchs bei dem Mann , der gut still sein konnte  und der Mutter , die ihm sang leise heran.

Nach den Regeln seines Glaubens , dem alle in Nazareth anhingen , ging der Zimmermann regelmäßig zum Tempel  und feierte in ernster Konzentration  alle Feste und  hielt die Fasten . Und schon früh nahm er den Jungen mit , ja , oft zog der den Mann von der Werkbank weg , wenn er über seiner Arbeit die Zeit vergessen

 hatte.

Niemand konnte lesen , damals in Nazareth außer den Priestern . So erfuhr man die Geschichten nur von ihnen und auch die Regeln , die überliefert waren und was sie sprachen  , hielt man für recht gesprochen . Nicht so der Junge!

Das zeigte sich als er bei einem dieser Besuche sich von der Hand des Mannes löste und begann zu den Priestern zu sprechen . Joseph stand erschrocken  und sah das King leuchten als es sprach wie damals der helle Gast

 geleuchtet hatte und achtete der Worte nicht , die gewechselt wurden . Aber ersah auch die ungläubigen Gesichter  der Priester – und das Staunen in den Augen derer , die mit im Tempel waren, da es ein Fest war zu dem viele kamen.

Maria weinte zu Hause , als er es ihr erzählte und drückte ihr Kind unter Tränen an sich , da sie ihn auf seinen Weg gehen sah , von dem sie wußte.

Joseph blieb an seiner Werkbank , der Zimmermann in Nazareth , als der heranwachsende begann , durch die Lande zu ziehen  und in Gleichnissen zu reden  und Maria sang nicht mehr . So kannte er auch die Freunde nicht , die mit dem jungen Mann zogen , – bis auf den einen , den Jugendfreund , den Hirten Johannes . Und Joseph war auch nicht dabei , als dieser Johannes den Jüngeren im Jordanwasser weit dort im Osten taufte auf den Namen seines Gottes . Das war nicht nach der Regeln der Gläubigen in Nazareth.

Immer , wenn Kunde kam von dem jungen Wanderer , hörte Joseph still zu , was man erzählte und Maria weinte wieder und sonst war sie still. Sprechen über das , was ihr das Herz abdrückte , konnte  sie nur mit Anna , ihrer Mutter , denn  der hatte sie alles gesagt.

Wenn er ,selten genug , auf seinen Wegen durch Nazareth kam , trat er bei seiner Mutter ein , ihre Hand  eine Weile still in der seinen zu halten  und setzte sich auch für ein Stündchen  an die Werkbank    aber zwischen ihnen blieb es stumm.

Und als Maria und ihre Mutter Anna mit Jesus nach Jerusalem gingen kurz vor dem Passahfest blieb Joseph daheim bei seiner Arbeit.

Ob er von der Verurteilung und von der Kreuzigung gehört hat , ob vielleicht sogar ein dunkler Gast oder ein hell leuchtender Bote ihm erschienen ist  bevor Anna und Maria mit Johannes zurück kamen , wissen wir nicht und nicht , wie er die Nachricht von der Auferstehung aufgenommen hat.

Niemand berichtet uns , ob er nachgefolgt ist dem Kind , dem  Jüngling der auf seiner Werkbank saß , der an seiner Hand zum Tempel ging , dem Mann , der als Gottes Sohn  gekreuzigt worden  war – wir wissen weiter nichts von dem Mann , der nicht dabei gewesen ist.       

Morgenstunde

M o r g e n s t u n d e

Tiefe Fensterleibungen , hohe Flügel unter dem Kämpfer ,vergilbtes Weiß alter Ölfarbe . Hungrig sind die vier Kranken und reden vom Essen. Es ist ihre Sucht.

Aus dem braunen Volksempfänger oben auf dem alten Klassenschrank kommt in flachen Tönen das erste Lied nach dem 8 ten  Mai : „ Wenn es früh um sieben bei Dir klopft – tok , tok , tok , dann ist es sicher nicht mehr die

Gestapo , wenn es früh um sieben bei Dir klopft , tok , tok , tok , dann ist s der Milchmann , sei doch froh ! „. Die Wunden klopfen unter den Binden aus zerrissenen Bettüchern  , jeden Morgen nach dem frühen Wecken . Die Nachtwache leert die Bettflaschen aus .Zwei lange Stunden sind es noch bis zum Frühstück : dem klebrigen bitteren Maisbrot , dem lauwarmen Karo Kornkaffee.

Walter lag mir gegenüber , Horst und Peepi  – ein Wiener – in den anderen Ecken des früheren Klassenraumes .Die Wunde am Bein schmerzte pochend und hat gestunken . An den Gestank gewöhnt man sich ,  an den Schmerz nicht .

Erst hatten wir die ganzen Tage  bis in die Abenddämmerung hinein vom Essen geredet. Dann nur noch vom Wecken bis zum Frühstück . Während des übrigen Tages war das Thema tabu.

Von den  „ Bratkartoffeln „ mußte Horst  oft erzählen:

Die schwarze Eisenpfanne wird über das duftende Torffeuer geschoben , das sie nur langsam warm macht . So schmelzen auch die Speckwürfel nicht so schnell und das austretende Fett brutzelt nicht . Es würde bitter , wenn das Feuer zu heiß wäre.                                            

Die mehlige Kartoffel , die schon morgens gekocht worden war , türmt sich nach dem Pellen zu goldenen Bergen. Aber erst kommen die Zwiebelscheiben in die Pfanne , zerfallen zu Ringen , die schnell blass werden . Darauf  die Kartoffelscheiben , fünf kommen auf einen Zoll und dürfen nicht zu dünn sein und nicht zu dick ! Schicht um Schicht nimmt die Pfanne auf in das siedende Schmalz.                                       

Grobkörnig ist das weiße Salz in dem dunkelbraunen Steinkrug  , das die kundige Hand über jede neue Schicht , segnend , verstreut. Das breit-flächige Pfannenmesser aus federndem Stahl löst mit zartem Druck die ersten Scheiben vom Pfannenboden , mit dem ersten braunen Schimmer steigt der würzige Duft auf . Aber mit Geduld wird dieses Umwenden fortgesetzt bis alle Scheiben goldene Ränder haben und das Schmalz in ihrer mürben Oberfläche aufgesogen ist. Die trockene Pfanne kommt schnell vom Herd auf den Holztisch  , den tiefbraunen , wie altes Pferdegeschirr hundertfach gegerbten Tisch.                                               

Im Weidenkorb schichten sich die über den Laib  geschnittenen Scheiben des hellen Brotes mit der lackbraunen Kruste , groß wie zwei Handteller  ehe sie sich zum Gebet zusammenlegen .

An Festtagen gibt Walter   den „ Gänsebraten „.

Dazu muß es kalt sein damit die Gans gut abhängen kann  bevor sie am frühen Morgen auf das Bord über dem Herd  kommt um langsam warm zu werden  – handwarm. Die Zubereitung beginnt mit dem Abflämmen  des letzten Flaumes . Das wird zum Schluß der krossen Haut den Geschmack nach Wildnis geben , durch die milde Sahnesoße hindurch. Aber soweit sind wir noch nicht.                                                                                   

Erst  kommt die Füllung. Bei uns sind es Esskastanien  mit Rosinen . Am  Abend vorher sind die Kastanien abgezogen und geviertelt  worden  und die Rosinen kleingeschnitten . Richtig : Mandelsplitter gehörten noch dazu und eine Prise Kardamom. Auch die Füllung braucht diese Andeutung von Bitterem . Und ein kleiner Stich Schmalz kommt dazu .                                                           

Dann das Salz! Ganz gleichmäßig muß es auf dem feuchten Körper verteilt werden  bevor die Gans in brauner Butter goldgelb angebraten wird . Der Ofen darf nicht  über 18o Grad werden , damit das empfindliche milde Fett nicht leidet , wenn es hinabrinnt in das flache Wasserbett , in dem die Gans liegt , und damit das Fleisch nur langsam gar wird. Man muß Geduld haben über Stunden.                                                    

Es gibt ja aber auch noch viel vorzubereiten. Die grünen Klöße  müssen lange ziehen. Im Rotkohl  lösen sich in seiner sanften Wärme  die Boskop Äpfel langsam auf  und geben die Nelken frei , die wir darein gesteckt hatten  . Übrigens : Rotkohl zum Gänsebraten wird nicht mit Schmalz gekocht  – das paßt nur zum trockenen Rehrücken  und er darf auch nur einen Hauch von Säure mit auf den Weg . auf den Teller bringen

Erst wenn der Braten aus der Röhre genommen wird um sich zu setzen werden die Salzkartoffeln aufgesetzt  , eine mürbe kochende Sorte , damit sie grad weich sind und dampfend  bevor sie zerfallen  auf den Tisch kommen , wenn der Bratenfond  mit ganz wenig saurer Sahne sämig gerührt auch bereitet ist.

Es soll Glück bringen , wenn wenigstens sieben um den Tisch sitzen , wenn die Gans zerteilt wird  und man sollte sich soviel Zeit nehmen für das Essen wie für das Braten.

Es gab noch viele Gerichte  zwischen Wecken und Frühstück , viel Gestank und Schmerzen  bis der Sommer in den Herbst überging und wir zersteut wurden in alle vier Winde  und erinnerten uns doch noch oft an die    „Morgenstunden“ – kurz nach dem Wecken , kurz nach dem Krieg.

Ein Märchen aus Sardinien

Repro2006 022

Ein Märchen aus Sardinien

Das Glück auf dem Monte Matheo

Der alte Sarde lag auf dem Totenbett. Die Schafe lagen zu seinen Füßen, die Hirtenhunde , weiß und still saßen am Kopfende.

Drei Söhne , die ihm von seiner großen Familie nach langen Jahren der Not , wie sie so oft in Sardinien geherrscht hat , noch geblieben waren , knieten neben ihm am Boden.

„Bringt mir einen brennenden Scheid vom Feuer „ verlangte der Vater . Als er ihn in den zitternden Händen hielt pflückte er das rote aus den Flammen und gab es dem Ältesten. „Hüte es gut , im Roten ist die Wärme !“ und das Gelbe gab er dem Zweiten  , „Hüte es gut , im Gelben ist das Licht !“ – und der Dritte bekam das Blaue  von der Wurzel der Flammen , „ Hüte es gut , im Blauen ist die Luft  !“

Und die Flammen erloschen und der Vater starb.. Seine letzten Worte aber waren :“Da nur Wärme , Licht und Luft zusammen das Feuer sind , bleibt einig und zusammen  – sonst werdet ihr arm sein und traurig!“

Da gingen die drei Söhne  hinaus , zogen mit den Schafen auf den Monte Matheo in Gallura  und hüteten gemeinsam ihre Herde.

Aber als der Mond zum siebten Mal voll über die Bergzacken stieg hatte der Älteste ein Tal voller Apfelsinenbäume,  die golden schimmernde Früchte trugen  gefunden und er nahm seinen Anteil an den Schafen und einen Hund  , führte sie hinweg  und tauschte sie gegen das Tal in dem es warm war und der Wind nicht so wehte . Das Rote aus dem Feuer nahm er mit.

Und als der Mond wiederum sieben mal später aufging als große gelbe Scheibe  führte der Zweite auch seine Schafe über die Berge und ging mit dem zweiten der Hunde und tauschte die Herde gegen eine Wiese mit Olivenbäumen , die war grün und windgeschützt. Das Gelbe aus dem Feuer nahm er mit .

Der Jüngste blieb allein im blassen Schimmer des Blauen von der Wurzel der Flammen mit seinem Anteil an der Herde  und dem letzten der Hunde

Aber es kamen sieben heiße dürre Sommer und sieben kalte stürmische Winter . Die Apfelsinen verdorrten und die Olivenbäume  erfroren. Die Schafe des Jüngsten wurden mager und trugen die Lämmer nicht mehr aus.

Da war große Not in Sardinien bei den drei getrennten Brüdern denn Wärme , Licht und Luft fanden nicht mehr zusammen  zum Feuer .

Nun standen aber auf dem Monte Matheo drei junge Eichen um einen seltsamen Stein  der in sich eine Höhle barg. Eine große alte Schildkröte lebte in dieser Höhle schon lange ehe die Eichen gekeimt waren . Wenn der  Jüngste hin und wieder einem der Schafe ein wenig Milch bekam vergaß er nie , der alten Schildkröte ein paar Tröpfchen  in einem Schälchen vor die Höhle zu stellen.

„ Als Dank , daß Du Dein weniges mit mir teilst „ sprach sie eines Tages zu ihm  „ will ich Dir helfen!“ Aber er wußte nicht,  wie , stieg mit seinen schwachen Kräften auf den höchsten Stein des Hügels und schaute ins Tal hinab.

Der Ostervollmond tauchte alles in sein mildes Licht .So sah er von weitem schon das Mädchen , daß zu ihm aufstieg  durch die Machia  und über die Klippen bis es atemlos bei ihm sich niedersetzte. „ Woher , wohin ?“

Da fing sie zu weinen  an und klagte : „ Wir sind drei Schwestern . Als die Mutter starb , gab sie uns vom Wasser  – der Ältesten die Weite des Meeres , der Zweiten die Weichheit der Teiche  und mir , der Jüngsten die Nässe der Bäche und Quellen.

Aber anstatt  zusammen den Garten zu pflegen und die Bienen , wie sie uns geheißen , nahmen die beiden ihren Teil und gingen davon um Reichtum und Müßiggang zu gewinnen .

Nach den sieben heißen Sommern und den kalten Wintern  ist aber alles verloren und von der Nässe allein und ohne das Wasser kann ich nicht leben.

Da weinten sie zusammen und ihre Tränen blieben als kleine weißliche Blütenglöckchen an den Corbezzolo – Büschen hängen  die schon grünliche  Früchte trugen und seitdem tragen diese Büsche Blüten und Frucht zusammen.

Als die beiden sieben Monate lang die Schafe gehütet hatten auf dem kargen Gras zwischen den Steinen röteten sich die Beeren  an den Büschen und sie hingen über und über voll davon. So konnten sie ihr karges Leben fristen  aber sie blieben traurig jeden Tag.

Da kam , als sie eines Abends  eng umschlungen auf ihren hohen Stein saßen , die alte Schildkröte aus ihrer Höhle  unter den drei Eichen. Sie legte ein kleines metallenes Männlein , das sie im Maul getragen hatte , vor ihnen hin. „ Seit vor vielen tausend Jahren Menschen hier in Sardinien lebten , die solch seltsame Männlein machen konnten , bewahrten meine Ahnen ein solches auf in unserer Höhle und hielten es in Ehren. Nehmt es mit Euch , damit ihr  die Euren  wiederfindet  und dann bringt es zurück , daß ich es für spätere Jahrhunderte  bewahre !“

Am nächsten Morgen packte das Mädchen dem Jüngsten das letzte Stück Käse ein und tat den letzten roten Wein in ein Krüglein aus Ton und er ging ihre Schwestern und seine Brüder suchen und hielt das metallene Männlein fest in der Hand.

Alle sieben Tage fand er Eines von ihnen in Dorf und Stadt und rief sie an und sie zogen zusammen weiter  , denn keiner hatte etwas zu verlieren , so arm waren sie. Aber die Weite und das Weiche des Wassers  und das Rote und das Gelbe des Feuers hatten sie treulich aufgehoben und nahmen es mit.

Und eines späten Abends , als das Mädchen  vom Stein ins Tal hinab schaute sah sie Schwestern und Brüder kommen und sprang ihnen froh entgegen.

Es dauerte nicht lange das Rote , das Gelbe und das Blaue zum Feuer zu fügen und das Weite , das Weiche und das Nasse zum Wasser. Und als sie das Feuer wieder hatten und das Wasser  begannen sie zusammen zu arbeiten auf dem Monte Matheo  – und feierten Hochzeit  : der Jüngste mit der Jüngsten , der Älteste mit der Ältesten  und die Mittleren miteinander.

Am Tag der Hochzeit gaben sie das metallene Männlein der alten Schildkröte zurück und brachten ihr auch weiterhin jeden Tag ein Schälchen Milch.

So lebten sie glücklich und zufrieden  und war keine Not mehr in Sardinien . Die Schafe trugen wieder die Lämmer aus , neue Apfelsinen und Olivenbäume wuchsen heran –

und jedem Paar drei Kinder .  Und wenn sie nicht gestorben sind , so leben sie heute noch , – auf jeden Fall aber lebt noch die alte Schildkröte in ihrer Höhle zwischen den drei Eichen auf dem Monte Matheo in Gallura in

Sardinien.                  

Abendgruß

Euer Vater, dem Ihr zu gleichen glaubt, dem Allwesenden

Kein Name soll das Namenlose begrenzen

Kein Reich und kein Wille beherrsche

Die immerwährende Wandlung –

Unsere nicht, die wir Raum und Zeit erleben,

Noch jener, denen alles nur jetzt ist und hier.

Unser sei ein Teil am Ganzen

Ohne Bitten und eigenes Tun.

Nicht Schuld noch Verdienst sind uns gegeben

Aber die Kraft und die Herrlichkeit!

So sei der Mensch ohne jede Berechnung

„Edel und hilfreich und gut“

Aus Gewohnheit oder Gesetz –

Alles ist gleich.

(Eberhard Kulenkampff)