Sansibar

                    S  A  N  S  I  B  A  R

Die Wahrheit ist ,der erste Schöpfungstag liegt noch im Schein der lichtscheuen Sterne und der zweite Schöpfungstag ist noch nicht im blassen Abendgelb vergangen, denn das Wasser und das Feste , das Meer und das Landsind noch nicht geteilt und voneinander getrennt – jede Flut und jede Ebbe lehren uns das ebenso wie das stetige wachsen der Korallen , – riffe , -inseln , -länder aus dem Meer. Unter uns schieben sich gebirgige Massen aus Lava und Stein wie sie eben noch bei solchen Bewegungen den „ostafrikanischen Grabenbruch „  von der Jordanquelle bis tief hinunter in das heutige Mozambique aufplatzen ließen , schieben hoch , was im Meer lag und lassen anderes versinken. Und auf dem Versunkenen wachsen mit galvanischer Kraft Korallen , bilden Riffe und schützen Lagunen bis die sanften Ausläufer der heftigen Erschütterungen , die dem Ausbruch des Ngorongokraters folgte, auch diese langsam im Meer wachsenden Hügel wieder sanft angehoben hat zu dem Höhenzug der heute – schroff , die alte Abbruchkante erinnernd, nach Osten abfallend Sansibar vom Süden bis hinauf nach Nungwi durchzieht. Fruchtbaren Boden aus dem Inneren des heutigen Tansania hat der Fluss zum Meer und das Meer zur Insel getragen . Dieser Boden hat der Insel die Fruchtbarkeit beschert , die den Westen der Insel so reich gemacht hat. Ganz anders die nördliche Nachbarinsel Pemba : ein vulkanischer Prozess hat sie aufgetürmt jenseits des tiefen Grabens im Meer ,der sie von Sansibar trennt.

Es dauert nicht länger, als diese Zeilen zu schreibenund schon ist das Land der Lagune mit seinen Algengärtenund den fischreichen Prilen wieder vom Meere in seinem nächsten Einatmen und Anschwellen bedeckt. Der zweite Schöpfungstag ist noch nicht vorbei und hat kein Ende.

Nicht von dem „seeschifftiefen Wasser “ im Westen, daß zu ägyptischen ,biblischen , islamischen und später auch zu christlichen Zeiten Gelegenheit zum Anlegen bot und zu einem Hafen , einer Stadt , nicht von den Reisenden haben hier vor Zeiten Menschen gelebt sondern von den flachen Lagunen hinter den Riffen . Jeden Morgen – und hätte Muhammed nicht gesagt , Allah wolle den Freitag geheiligt , so würde er  das auch am Freitag tun , geht der ältere Fischer mit dem wadenlangenverwaschenen Rock, dem ausgebleichten Hemd und großen Strohhut watend zu seinem Boot,  , oft ist es im Seegang der nächtlichen Flut vollgelaufen ,  schaukelt mit ein paar geschickten Bewegungen das Wasser heraus , richtet den dünnen zähen Stab des Mastes auf , wirft das Segel aus alten Zuckersäcken  , in denen auch die Frauen auf ihren Köpfen weit draußen aus der Lagune die Algen, die sie aus ihren Gärten unter Wasser gezupft haben ins Dorf tragen  – das Segel  , kaum vier Meter hoch und am Unterliek keine zwei Meter messend wirft er an seiner schlanken Rah hoch , der Wind fängt es ihm auf. Er setzt die vorher schon aufs rechte Maß gebrachten Leinen steif –  dreht das Boot in die Richtung zum Riff vor Jambiani,  wo mehr Fisch steht und gleitet schnell davon. Vor ihm , mit ihm , nach ihm brechen die meisten der etwa zwanzig Boote auf , allein gesteuert oder mit drei , vier ,fünf Fischern besetzt  und kehren mit der nächsten Flut zurück. Dann strömen viele zum Strand , begutachten , beratschlagen,  die kleinen  Bunde auf Palmblatt“sehnen“ aufgefädelten  Fische , die Kalamari, die selteneren Aaale. Einiges wird gleich am Strand verkauft  – seit es erst das Geld ,die abgewetzten 200, 500 oder gar 1000 Schillingnoten gibt. An den Lagunenwaren vor wohl mehr als tausend Jahren die Menschenaus  Schiras im fernen Persien seßhaft geworden und lebten vom Meer und den Palmen am sandigen , brackigenUfer als“schirasi“ schon lange ,bevor eine häufigere Seefahrt begann , bevor weitere Schiffe von Norden – daher bläst der Wind das halbe Jahr – kamen und weiter nach Süden fuhren für das Gold aus Simbabwe oder waren sie vorher schon unterwegs und ließen ihre Schiffe in dem anderen halben Jahr wider nach Norden treiben wennder Wind stetig von Süden weht. Sie brachten von Norden- und dann von Süden und viel später noch als das Netz der Handelswege über die sieben Weltmeere immer dichter geworden war, Samen vielerlei Art und machten auf Sansibar und den beiden Nachbarinseln Mafia und Pemba  heimisch,was hier gut gedeihen konnte : nicht nur Ananas und Mango und Bananen , nein, auch Nelken und Zimt , Vanille und all die anderen Gewürze und  auch  Ideen , Religionen, Sprachen – Gewebe ,Techniken , Verfremdung und  immer wieder andere Menschen aus vielen Teilen der Welt. Pflanzen , Menschen , Segelboote und Algengärten , letztere für den japanischen Markt , die sie als Leckerbissen schätzen – bilden heute ein Amalgan bei dem Licht und Dunkel der Hautfarben ebensowenig  teilbar ist wie alle anderen Eigenschaften dieses Gemenges ,wie auch der Sprache der Insel  und weiterer fünfzig MillionenOstafrikaner : das Kisuaheli , Teil der Bantu Sprachenfamilieverwoben , bereichert  entwickelt mit arabischen ,asiatischen , europoäischen Wortschätzen zu einer wohlklingenden  vokalreich en Sprache , die gut über das Wasser der Lagune klingt , wenn sie  sich von Boot zu Boot oder zu den am Strand stehenden lebhaft unterhalten in kurzen  beinahe gesungenen Sätzen. Man lernt schnell die ständigen Begrüßungsformeln – langsam mehr.

Mitten in „stone town “ ein helles Haus , hohe Treppen zu hellen Laubengängen , luftig , freundlich – darunter die Keller  die vorher schon waren : kaum ein Meter dreißig Luft über gemauertem glatt geputzten Boden, keine zwei Meter breit rechts und links neben der Rinne – Meerwasser habe die Fäkalien weggespült , auch das sickernde Blut – keine 25 cm  sah die Halskette für jeden der damit aneinandergeketteten Sklaven vor , die hier für den Markt oben auf dem Platz an dem  seit den späten siebziger Jahren  – mein Vater ist 1884 geboren – seit die Engländer die Sklaverei hier 1874 verboten haben , die anglikanische Kirche steht ,aufbewahrt wurden. Es war der Vorratskeller für den zeitweise größten Sklavenmarkt der Welt mit seiner Geißelsäule.Die höchsten Preise wurden für die Menschen erzielt , die der Geißelung am längsten klaglos standhielten – wenn sie das überlebten.                                          1873/74   Verbot des Sklavenhandels durch England                         1897      Gesetzliche Freilassung aller Sklaven, die dies wünschten durch England                                                                                          1901      Verbot der Sklaverei in „Deutsch Ostafrika“ durch Deutschland                                                                                                 1909      Offizielles Ende der Sklaverei in Ostafrika                               Die förmliche Sklaverei ging übergangslos in die „zwangsrekrutierung “ durch deutsche und englische Kolonisatoren über , private und staatliche.                                                                      Die zu Tode geschundenen , die in den  niedergebrannten Dörfern erschlagenen Alten und Kinder erinnern , was Menschen ihnen angetan haben , nicht mehr. Die, die es überlebt haben , erinnern vor allem ihr eigenes Überleben, schöpfen daraus Hoffnung.          Die Toten haben keine Hoffnung mehr und alle Religion wird an  ihnenzum Spott.                                                                                  Heute , hundert Jahre und drei , vier Generationen später leben die Nachkommen derer , die die Sklavenmassaker als Sklaven überlebt haben als Sansibari auf dieser Insel . Und sie sind die liebenswürdigsten , hilfsbereiten, Freudlichkeit und Gelassenheit ausstrahlenden Menschenkinder. Schlicht die Männer , farbenfroh in ihre Kangas gehüllt, als Blumen Sansibars die Frauen , kritisch interessiert die Kinder. Als Mädchen schon früh mit dem Wassereimer oder sonst beschäftigt – als Jungen am Strand tobend ,aber auch schon tüchtige Angler, die mit langen Ketten auf Palmblätter aufgezogener weißsilberner Fischlein zum Familienessen beitragen.                                                                       Zwar haben sie 1964 die politische Unabhängigkeit erreicht und sie in freier Vereinbarung in den Staatenbund Tansania eingebracht  , aber wirtschaftlich ist ihnen  nur ein karges Bett aus Palmstroh bereitet, in dem sie ebenso fleißig wie genügsam leben.                 Den , der sich in dies ruhige Leben einfügt , grüßen sie  freundlich , helfen gutmütig bei den langen , singenden Begrüßungsformeln nach  – und bescherten uns eine glückliche Zeit zwischen Wasser und Land , Licht und Dunkel – Stunden des zweiten Schöpfungstages.

Eberhard Kulenkampff

Paje imFrühjahr 1997