Schriftsatz über den Glauben – zwei

Da diese treibenden Kräfte so pauschal wie unscharf wirken, kann der Prozess, den sie antreiben nicht logisch, nicht geplant sich abgespielt haben, sondern kann nur als im eigenen Handeln sich als gestaltend erkennen gedacht werden. Die Menschen haben alle Gestalt gefunden    nicht gemacht. Das gilt besonders für die Gestalt der Ideen.

Aus: Rupert Sheldrake  „Das Gedächtnis der Natur“ Piper 1996

Rupert Sheldrake vermutet als Grundlage der scheinbaren Dauerhaftigkeit der Erscheinungen nicht Gesetze sondern Gewohnheit und denkt sich die wirkenden Kräfte in „morphischen Feldern“ wirkend. Danach hätten die Menschen, die Tschatal Hüjük bauten, im Zusammensein in ihrer bewaldeten Heimat die Gewohnheit entwickelt, Gemeinschaft als morphisches Feld zu leben und Gewohnheit zu Gewohnheiten auslebend Stämme zu  vierkanten Balken zu schlagen, die Balken zu fügen, die Fache  mit  streng orthogonal geformten Lehmstücken zu füllen    kurz, Häuser zu bauen in Gemeinschaft, und wenn sie genug Häuser hatten, für jede Familie eines, damit aufzuhören    und so weiter.                                                              Wer denkt da nicht an die Selbstverständlichkeit mit der Bienenvölker, Vogelschwärme, Fischschulen, Erdmännchen oder Bisonherden . . .

So, wie bei den Bienen unterschiedliche Funktionen von verschiedenen Gruppen wahrgenommen werden, die „Königin“ zwar „erste Dienerin„ ihres Volkes aber nicht Herrscherin im hierarchischen Sinn ist    kann so nicht in Tschatal Hüjük und allen anderen zeitgenössischen Lebensgemeinschaften mit spezialisierten Arbeitsgruppen ohne hierarchische Organisationsstruktur gelebt und gewirkt worden sein in unendlich erscheinender Geschlechterfolge?

Nun fand man schon dort wie mehrere tausend Jahre später bei den Hethitern  den Stierkopf mit dem weit ausladenden Hörnerpaar dargestellt. War der Stier ihnen schon ein göttliches Wesen? Trat zum Staat schon der „Gott“? Ebenso wie der Stier ist die Fruchtbarkeit in unzähligen Figürchen und Bildern als meist üppig ausladende weibliche Figur dargestellt –  als „Göttin“?                    Mehrere Darstellungen verbinden beides: Frauen gebären Stiere. Gott, Göttin? Das dürfte erst unsere rückblickende Interpretation sein. Nicht selbstverständlich werden aus Symbolen Götter!

Noch ein paar Informationen zum Stierkult: Länger als alle anderen uns bekannten Kulte ist er verbreitet, jedenfalls, wenn man von den heiligen Kühen in Indien absieht, von Anatolien etwa 8000 v.C. bis ans Schwarze Meer, die Donau aufwärts, Italien bis in den Süden  hinunter, über die keltischen Gebiete, England bis zu den Hebriden und zeitlich bis ins 1.Jahrt.n.C. Wesentliche Eigenschaft des Stiers ist wohl seine Stärke, und die liehen sich Staatsmänner (Könige etc.) öfter aus als Götter. Wenn im Stier Göttliches angesprochen worden sein sollte, so   „nur bis diese Götter starben, denn die unsterblichen Götter leben nur so lange, wie die sterblichen Menschen sie brauchen.“ (J.Lehmann)

Nach: Kölner Museen   „SAHARA“   Ausstellungskatalog

Auf der Suche nach den Anfängen und damit vielleicht nach den Entwicklungsstadien, in denen die Menschen sich noch nicht gegenseitig bekämpften weil sie das noch keinen Göttern schuldig waren und noch keine Staaten bildeten zu Angriff und Verteidigung, bietet auch Nordafrika neben den erwähnten südwestafrikanischen Zeichnungen reiches Anschauungsmaterial. Es wurde erst kürzlich  in dem dickleibigen Katalog der Ausstellung„SAHARA“ dargestellt. Lebenszeugnisse von wohl drei mal vier Jahrtausenden vor Christus in  Werkzeugen und Bildern, Einritzungen und Malerei, haben sich, nachdem das ägyptengläubige Europa es von dort inspiriert glaubte, inzwischen als ganz eigenartig, als selbstständige Schöpfung der teilweise negroiden, teilweise unserem Typus angehörenden Menschen erwiesen. Immer noch ist in diesen unendlichen und schwer zugänglichen Räumen mit neuen Entdeckungen zu rechnen.

Eine Stadtkultur, wie wir sie schon im 6.Jahrtausend v.C. in Anatolien kennen gelernt haben und wie sie auch in Kleinasien damals begonnen hat (Jericho, Undita u.a.)  hat es hier in so früher Zeit nicht und später nur aus fremden Einflüssen gespeist gegeben.

Aber auch hier: Die Bildergalerien aus früher Zeit decken alle Lebensbereiche, meist detailliert, ab    aber Gewalt zwischen Menschen kommt darin so früh nicht vor  und Götterbilder vor der Staatenbildung am Nil, also wesentlich später, auch nicht.

Mir drängt sich der Schluss auf, der zwischen Anthropologen vielleicht ja schon Allgemeingut ist, dass Gewalt zwischen Menschengruppen Gottesvorstellungen und „Staaten“bildung voraussetzt, ja, als andere Seite der gleichen Medaille zu betrachten ist.  Wird der Mensch erst in Gesellschaft „böse“?

Da fällt einem dann die Beobachtung aus dem letzten, dem                    b e g e i s t e r t e n  Jahrhundert ein: die Beobachtung, dass Einzelne, die sanft und gut gelebt haben und  eine friedfertige Gesinnung, ausgeprägte Kultur und Menschenwürde, hohe Bildung und christlichem Glauben hatten, im Rahmen institutionell organisierten Handelns zu Greueltaten der schlimmsten, der allerschlimmsten Ausprägung fähig waren; in einem Umfang, der jede Vorstellung überschreitet    im deutschen Reich, in der Sowjetunion, in Rotchina und in kleineren Zahlen in fast allen Regionen der Welt, auch heute noch: Balkan, Ruanda, Dafur und, und . . .

Das begeisterte Hinschlachten von Menschen aus ideologischen Gründen, dass es in kleinerem Maßstab schon etwa seit dem 3.Jahrtauzsend v.C. gab (siehe dazu u.a. die assyrische Expansion, Bibeltexte und später die Inquisition) findet  nun in industrialisierter Form mit Millionen Opfern statt.

Wenn der Zweck die Mittel heiligt, kann man eine Axt schleifen, um einen gesunden, starken, schönen Baum zu fällen    aber man kann auch eine Guillotine konstruieren um das Kopfabschneiden zu optimieren und alles Spätere: Gaskammern, Gulag und und  und . . .

Mir scheint der Grad der Begeisterung mit der das vorbereitet und exekutiert wurde charakteristisch für das 20. Jahrhundert. Meine Familie, meine Brüder, ich selbst, wir sind von Liebe umgeben und geleitet zu gebildeten, christlich orientierten Menschen heran gezogen worden    und haben das nationalistisch aufgerüstete, ideologisch exaltierte Dritte Reich unter Hitlers Führung  (den geliebten Führer)  mit Begeisterung unterstützt, wo immer man uns hinstellte, wo immer und zu was man uns rief, begeistert! Es ist nicht unser Verdienst, wenn wir zu Schlimmerem nicht befohlen wurden.

Also: Ein Fluch der Begeisterung, ein Fluch dem Glauben, der Gestalt gewinnt!

Die äußeren Erscheinungsformen der Begeisterung „Im Verein“: Marschierende Kolonnen singen! (Die Fahne hoch, die Reihen fest geschlossen, oder: Wir werden weitermarschieren, wenn alles in Scherben fällt, denn heute gehört uns Deutschland und morgen die ganze Welt, oder: Wenn alle untreu werden, dann bleiben wir doch treu)  Was ist hier aus dem „gehenden Tier das singt“ geworden? Der Geist, der ihn beseelte ist zur Begeisterung verkommen, die Gläubigkeit  als Lebensgefühl zum Glauben erstarrt, das Miteinander wendet sich in „Kampfgruppen“ gegen die Anderen, Programm als Lebensform. Auf allen Seiten wird geglaubt.

Aber, ja, es gibt ein „aber“, dass wir dieser schrecklichen Begeisterung entgegen zu halten haben: Es sind die Milliarden, in solchen Zahlen rechnet Menschheit heute, , es sind die Unzähligen, die ein gutes Menschenleben leisten, die sich mit dem Ihren und den Ihren beschäftigen und davon erfüllt sind, die ohne Neid um sich schauen, den Tisch aufdecken für ihre Lieben und wieder abdecken, Staub wischen –   und keinen aufwirbeln    ordentlich sind, auch wenn´s keiner sieht, schöpferisch im Kleinen ihrer täglichen Verrichtungen, die zornige Faust, die auch sie manchmal ballen zur streichelnden Hand wieder öffnen, gläubig nur in dem Sinne, gut zu sein ohne Ziel und Lohn. Ihre Einstellung zum Leben und zum Sterben drückt diese Abwandlung des „Vaterunser“ aus:    

Ihr nennt IHN Vater, Gott? Nein.                                                             Kein Name kann das Namenlose begrenzen,                                                           kein Reich und kein Wille beherrscht                                                               die immerwährende Wandlung,                                                            nicht unsre, die wir leben in Raum und Zeit,                                                                 noch im All, wo alles nur Jetzt ist und Hier.                                                         Wir sind  ein Teil des Ganzen                                                                       ohne Bitten und eigenes Tun.                                                                               Nicht Schuld noch Verdienst sind uns gegeben,                                         aber die Kraft und die Herrlichkeit!                                                               Und so sei der Mensch ohne jede Berechnung                                  „Edel und hilfreich und gut“,                                                                           aus Gewohnheit oder Gesetz,                                                                             alles ist gleich.

Zwei gegensätzliche Grundvorstellungen stehen sich gegenüber:     Die Welt ist tödliches Chaos, wenn wir nicht Leben schützende Ordnung dagegen setzen    so Saint Exuperi in „Die Zitadelle oder die Stadt in der Wüste“ –  dagegen: Die Welt ist tödliche Ordnung, wenn nicht Leben gebärendes Chaos diese Ordnung aufbricht.                    Die einzige Einschränkung der unbeirrbaren Kraft der Vitalität, der Kraft alles Lebenden, mehr Leben zu leisten, ist die Freiheit des Menschen zwischen Chaos und Ordnung seinen Weg zu suchen, den Tod oder das Leben zu wählen; singend, gehend, singend, gehend     gläubig in dem Glück, zu leben. 

Texte zur Sache:

„ Denn wie immer der Schritt vom Kulturkritiker zum Anthroposophen zustande kam, ob der Goethesche Pantheismus, der indische Hinduismus, der deutsche Idealismus oder nur die soziale Not  Rudolf Steiner dazu bewegt haben, sei dahingestellt. Entscheidend ist: Es handelt sich um einen Glauben, nicht um modernes Wissen. Steiner glaubte an den allmächtigen göttlichen Geis, der im Rhythmus des großen Weltenatems weht in der Materie, im Menschen, in der Natur und in der Geschichte. Er glaubte an die großen Korrespondenzen zwischen allem Lebendigen, an einen klingenden Kosmos aufeinander antwortender Analogien. Er glaubte an die stufenweise Vergeistigung und Selbstverbesserung  des Menschen und der Welt. Er glaubte an den Sieg des Guten.“         Nach Heiner Ullrich, „Rudolf Steiner Leben und Werk“                       und Miriam Gebhardt „Rudolf Steiner  Ein moderner Prophet“

„Glücklicherweise ist das Wesen des Menschen nicht nur Verzweiflung, sondern auch Glaube und Hoffnung, nicht nur der Tod, sondern auch der Wille zum Leben, nicht nur die Einsamkeit, sondern auch die Augenblicke  des Aufgehens im Anderen in der Liebe.“   Nach Ernesto Sábato   „Über Helden und Gräber“

„Hoffnung besteht für den Menschen nur dann, wenn er aus Geschichte und Gesellschaft heraustritt und in der Vereinzelung die Leere des Daseins überwindet.“                                                                 Nach  Hans Erich Nossak   „Nach dem letzten Aufstand“