Sonja erzählt

Repro2006 010

Sonja´s Spuren

Vor dem Tor im Sand der breiten staubigen Pad waren sie gut zu erkennen: seine glatten Gummisohlen ohne jedes Profil, der linke Fuß leicht schleppend hinterließ zusätzlich eine kleine Schleifspur – dieselben Abdrücke hatten sie am Haus gefunden und zwischen den Scherben der zerschlagenen Fensterscheibe – aber auf der Pad waren dazu gekommen, vorm Tor verwischt, dann wieder deutlich fortgehend die Fußspuren einer Frau, schmale Ballen, deutlicher Zehen:

waren sie also zu zweit gewesen um einzubrechen auf der nur als Schlafstelle

benutzten Farm; am hellen Vormittag als Timo, der Ovambo der hier ständig lebte und nach dem Rechten sah, seiner Arbeit nachging: schmale Erddämme quer zu den Fahrspuren aufschüttete gegen das Ausspülen der tief eingegrabenen Fahrspuren bei den seltenen aber heftigen Regenfällen – als Timo unterwegs war und die Einbrecher die Farm verlassen wussten hatten sie eine Scheibe eingedrückt, die Fensterflügel geöffnet und mitgeschleppt: das Radio mit einer Lautsprecherbox, Hemden aus dem durchwühlten Schrank, den Fotoapparat und die kleine Henkelkiste mit einigem Essbaren: Corned Beef, Zucker, Reis – keine reiche Beute aber eine schwere Last.

 

Spuren lesen? Ja, von Kind an im Transvaaler Buschveld am Rand der Kalahari und jetzt hier, unterwegs mit den Jägern, auf Pirsch mit den Fotosafaris. Auch neulich, um es der Tochter, die aus dem Windhuker Schülerheim gekommen war zu vermitteln, auf dem Hügel hinter dem Ovikangarevier von dem man meist irgendwo Wild im Schatten unter den Büschen sieht eine ganz frische Gemsbockspur. Der wurde gefolgt, sie bog in den sandigen Boden eines gutfußbreiten Schlotes ein, das Tier war stehen geblieben, weitergegangen – atem-los leise folgten Sonja und die gebannt suchende Tochter: da stand er, keine 100 Fuß entfernt, den Kopf leicht gebeugt, der Schweif schlägt nach den Fliegen – er döst – da knackt doch ein trockenes Zweiglein unter dem vorsichtig nieder-

gesetzten Fuß, – der Kopf fliegt hoch, das drohende Hörnerpaar scheint in der sirrend heißen Luft zu zittern und mit einem Sprung aus dem Stand jagt das erschrockene Tier davon, einige Klippen hört man noch – Stille, Zikaden und kein Laut mehr – kein Tier. Aber überall kreuzen Spuren den Weg.

 

Timo hatte nicht die Spuren gefunden, zuerst, sondern seine Milch vermisst, den vollen Blechtopf – nun lag der Deckel daneben und die Milch war weg. Als er hoch schaute blitzte das zersprungene Glas, als er runter schaute sah er die Spur.

Deutlich war zu lesen das der Milchdieb lange gesichert hatte – hin und her tretend – dann um´s Haus in dem die Weißen schliefen, gegangen war, an einige Fenster heran getreten –  und schließlich, zwischen den Scherben der tiefe Abdruck vom Einstieg. der noch tiefere vom Sprung von der Fensterbank, das Radio abgestellt um die anderen Beutestücke zu schultern – dann die gleich- mäßigen Schritte eines geübten Gehers zum Tor, die kleine Schleifspur, – die Pad nach rechts nehmend, weg! Als, überraschend, Sonja mit dem Jeep zur  Mittagszeit herüber kam war Timo  grad mit seinen Feststellungen fertig. Das Funktelefon mobilisierte Helfer, ein weiterer Wagen, weitere Spurenleser, an Etendero – 7 km entfernt war er vorbei gelaufen; nur die Spuren der Frau bogen dort ein, seltsam, also doch keine Komplizin? Später, auf der steinigen Pad nach Omatjette hörten die Spuren abrupt auf. Hatte ihn jemand mitgenommen? Nachfragen auf weiteren Farmen: Ja, man habe einen gesehen, grad eben erst mit schwerem „Gepäck“, nach Westen gehend. Das nächste Auto hatte ihm einen Lift gegeben  – auf Nimmerwiedersehen in der blauenden Ferne des Damaralandes. Es gab keine Spur mehr.

Anders, als ihnen, Sonja und ihrer Tochter, der Pavian folgte. Sie hatten die Spuren vor sich, irgendwo hier am Revier mussten sie sein – obwohl: es war nichts zu hören von ihnen, auch das aufgeregte Lautwerden eines Sandhuhnes  gab keinen Hinweis und auch nicht die aufsteigende Tonfolge des Pfeifers, das Tackern eines Spechtes. Leise gingen sie den sich zum Hügel hin wendenden Wildwechsel, immer den kleinen und großen Spuren der Affenherde folgend,als sie ein Angstgefühl im Nacken sich umdrehen ließ: Er setzte sich, erschrock- en wie sie, auf sein Hinterteil, brummelte verlegen, so schien es ihnen, keinen Steinwurf entfernt – und war mit einem Satz im Busch verschwunden. War er ihnen gefolgt, war es Zufall, der ihn ihren Weg kreuzen ließ, –  wo waren die anderen? Die Spuren gaben keinen Aufschluss und das weite Buschland lag stimmlos in der Nachmittagssonne bis viel später ein vielstimmiges Vogel- konzert den Sonnenuntergang begleitete. Da waren sie längst zu Hause.

 Und dann war es die Hyäne. Die letzte Stunde vor Sonnenuntergang ist die schönste im afrikanischen Busch. Unter den vielfarbig sich türmenden Wolken in der Regenzeit – unter den altrosa über coellinblauen oder zitronengelben atmosphärischen Farbwechseln in der wolkenlosen „kalten Zeit“ – in dieser Stunde erwacht das Veld, ziehen die Kudus, streunen die „wilden Hunde“ und die Hyänen traben immer der Nase nach – tote Tiere sind ihre Beute, angreifen tun sie nicht.  Aber wer tut das schon hier im Busch außer den Menschen.

Sonja und ihre Tochter hatten nicht angegriffen. Sie wollten zur Quelle an der sich so gut im Dämmerlicht das Wild beobachten ließ – zuerst die Felsentauben dann die Perlhühner, später auch größere Tiere.

Sie gingen hintereinander her, auf der ausgetretenen Spur, so brauchten sie auf die Rothakies nicht zu achten und nicht auf die Steine. Sie gingen und lauschten – und fuhren zusammen als ganz nah der klägliche Jaulgesang der Hyäne sie auf schreckte. Sie erstarrten, horchten, versuchten den dichten Busch mit den Augen zu durchdringen – da, rechts wieder der heisere Laut, in ein Wimmern über- gehend und ein kurzatmiges Japsen. Dann Stille, der Busch liegt still.

Als  sie den Weg zurück gehen sehen sie die eigenen Spuren, beide, den großen Fuß und den schmalen der Tochter. Keine zehn Meter hinter der Stelle, da sie vom Hyänenlaut erschrocken stehen blieben, überlagert die Spur des Tieres ihre eigenen  – deutlich zeichnen sich der Ballen in seiner charakteristischen Herzform und die vier Zehen mit den Krallen im weichen feinen Sand ab – hier hielt sie inne, selbst erschrocken, als sie hinter den Menschen her getrabt war – sprang seitwärts in den Busch – fort.

 Von den Spuren kommt sie wieder auf die Einbrecher – der lustige Fall damals in Windhuk: Als es vom Mittagessen – wie die Meisten fuhr er mittags zum Essen nach Hause – wieder in sein Auto steigen wollte war es weg! Unauffindbar, gestohlen – Oh, dieser Schuft!!!

Nach zehn Tagen stand er wieder da, als wenn nichts gewesen wäre. Ein Brieflein auf dem Fahrersitz: Bitte vielmals um Entschuldigung, unaufschieb- bare Reise, kein Auto, da habe man sich erlaubt . . . Als Dank, bescheidenen Dank, zugegeben, erlaube man sich zwei Kinokarten, interessanter Film heute Abend! Und nichts für ungut. . .

Seine Frau und er nahmen die Einladung an: ein witziger Film über ein Gauner- pärchen mit Überlänge weil alles weitschweifig erzählt wurde. Sie aßen noch ein Eis hinterher (auf eigene Rechnung) und fuhren heim.

Der Schreck war vollkommen: Das Haus war leer geräumt bis auf den altenKleiderschrank. Alles weg; saubere Arbeit – auf Nimmerwiedersehen!

 Als sie auf wuchs: Nicht weit davon liefen die Reviere von den Drakensbergen in´s Meer, ganzjährig führten die meisten Wasser, mindestens eine Folge von Tümpeln und Rinnsalen daran die Frauen ihre Wäsche wuschen, darin die Krokodile. Sie selbst habe sich nie in´s Tiefe getraut. Aber die Waschfrauen lachten, schwatzten und sangen, dachten an nichts Böses, sahen die zwei Augen nicht und den unscheinbaren Buckel mit den zwei Nasenlöchern der näher und näher kam. Ohne Vorwarnung: ein wilder Schlag mit dem Schwanz, drei stürzen in´s Wasser, zwei können sich retten . . . Als das Krokodil von seinem Opfer ablässt wegen des Geschreis, der Schläge auf das Wasser, der Schüsse, die abprallen,  ist es zu spät.

Anders als bei dem Mann, der nur seine Hosen einbüßte und eine schwer heilende Wunde davontrug. Er hatte dem Krokodil, das ihn erwischt hatte die Faust in die enge Kehle gepresst bis es nach Luft schnappen musste – da kam er frei.

Das Krokodil konnte man schließlich erlegen: im Magen fand man die Reste derHose, eindeutig identifiziert.

 So erzählte es uns eines langen Abends auf Hellmuts Terrasse  Sonja,  Wildhüterin auf Okongue.